Kliniken in Not: viele Fragen offen

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Ostalb-Klinikum in Aalen, Stauferklinikum in Mutlangen und Virngrundklinik: Die Zukunft der Kliniken im Ostalbkreis beschäftigt die Politiker im Landkreis.
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Erster Bürgerdialog im Internet zur Debatte um die Zukunft der Krankenhäuser auf der Ostalb: Das Informationsbedürfnis ist groß, besonders zur Situation beim Personal. 

Aalen. Es war ein Experiment, eine Premiere und die schien gelungen: Die Kliniken Ostalb hatten am Dienstagabend zu einer Informationsveranstaltung zur Zukunft der Kliniken eingeladen. Und zwar im Internet. Verfolgen konnte man das Ganze entweder über einen Livestream oder teilnehmen nach telefonischer Einwahl oder über einen Link. Zeitweilig waren knapp 200 Zuhörende hier registriert. Und die machten von dem Angebot, Fragen zu stellen, kräftig Gebrauch.

Auffallend viele dieser Fragen betrafen das Personal an den drei Klinikstandorten im Landkreis.

Was planen die Ostalb-Kliniken zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen? Diese Frage bringt Dieter Zandel, Gesamtpersonalratsvorsitzender Kliniken Ostalb, in Wallung: Was die Politik 2006 mit der Einführung der sogenannten Fallpauschalen ausgelöst habe, sei nichts anderes als der Zwang, Kliniken wirtschaftlich zu betreiben. „Das politische Ziel war weiterer Bettenabbau“. Damit sei ein „irrsinniger Leistungsdruck“ ins System gekommen und ein „Bürokratiemonster“ von Abrechnungssystem, macht er seinem Herzen Luft.

Die Ostalb-Kliniken träfen Dienstvereinbarungen mit den Mitarbeitern, man wisse, dass man eigentlich Zulagen zahlen müsse, wie es auch in Stuttgart der Fall sei, doch Verwaltungsrat und Landkreis bremsten in diesem Punkt, sagt er sinngemäß. Personalvorständin Sylvia Pansow ergänzt: Vergütet werde das, was der Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst vorgebe „und alles, was darüber hinausgeht, erhöht das Defizit“.

Betrifft die Personalnot nur bestimmte Bereiche der Kliniken? Laut Bernd Ziegler, Leiter der St. Anna-Virngrundklinik, ist sie ein tägliches Problem, quer durch alle Bereiche. Die Folge: Es hake bei Dienstplänen, Leistungen wie Operationen müssten verschoben, Betten gesperrt werden. „Arbeiten im Krankenhaus war noch nie so unattraktiv wie heute“, konstatiert Prof. Holger Hebart, Ärztlicher Leiter des Stauferklinikums Mutlangen, aus Sicht der Ärzteschaft. Je kleiner die Abteilungen, desto schwieriger werde die Personalgewinnung. Noch könne man im Ostalbkreis „eine hochwertige Versorgung der Patienten anbieten“. Kleine Abteilungen aufrecht zu erhalten, werde aber immer schwieriger. Hebart: „Wir müssen unsere Expertisen bündeln.“

Was wird zur Personalgewinnung getan? Personalvorständin Sylvia Pansow nennt ein Bündel von Maßnahmen: Azubis werben in allen Berufen, Fort- und Weiterbildung, Arbeitsbedingungen verbessern durch Digitalisierung, Mitarbeitende gewinnen durch einen neuen Studiengang in Kooperation mit der Hochschule Aalen und im Ausland akquirieren. Außerdem: Mitarbeitende halten durch Kitaangebote und Jobrad-Zuschüsse.

Wie soll sichergestellt werden, dass der ländliche Raum künftig die gleiche gute klinische Versorgung hat wie bisher? Für Prof. Ulrich Solzbach, Vorstand der Kliniken Ostalb, ist die Gretchenfrage nicht, „wo“ Versorgung angeboten wird – also die Standortfrage -, sondern ob angesichts des Personalmangels überhaupt noch genügend Ressourcen zur Verfügung stehen. Ein Ausweg aus diesem Dilemma könnte die Bündelung sein. Hier spricht er zum ersten Mal an diesem Abend davon, aus drei Klinikstandorten zwei zu machen. Für den Personalratsvorsitzenden Dieter Zandel birgt ein Projekt „Neubau“ auch Chancen, um „eine Aufbruchstimmung“ beim Personal zu erzeugen.

Was Pläne gibt es zur Nachnutzung der Kliniken in Mutlangen und Aalen? Hier grätscht Moderator Thomas Ulmer sofort dazwischen: „Wir wollen heute keine Standortdebatte.“ Prof. Solzbach erläutert, dass in den verbleibenden Immobilien, sei es in Aalen, Gmünd oder Ellwangen, ambulante Gesundheitszentren angesiedelt werden sollen.

Was würden zwei statt drei Klinikstandorte für die Personalkosten und die Finanzierung bedeuten? Laut Finanzvorstand Thomas Schneider wird genau das zurzeit analysiert. Zahlen legt er nicht vor. Untersucht werde auch die Erreichbarkeit künftiger möglicher Klinikstandorte – und zwar für Mitarbeitende und Patienten. Sicher ist er schon jetzt: „Die Finanzierung wird besser.“ Begründung: bessere Verfügbarkeit von Personal, größere Einheiten mit besserer Logistik und Raumnutzung. Prof. Boris Augurzky, Geschäftsführer des Beratungsinstituts hcb, sieht einen weiteren Vorteil: Wer stärker zentralisiere, könne stabilere und familienfreundlichere Dienstpläne anbieten.

Dass die Kliniklandschaft aus Defizitgründen neu strukturiert werden muss - ist das ein Problem des Flächenlandkreises Ostalb? Wie ist das in anderen Landkreisen? Laut Experte Augurzky ist dieses Phänomen ist zurzeit in der gesamten Bundesrepublik zu beobachten. „Noch dramatischer“ sei die Situation in Flächenländern wie Mecklenburg-Vorpommern, auch in Baden-Württemberg sei diesbezüglich viel passiert. „Schwierige Prozesse“ seien das, so Augurzky.

Muss man die finanziellen Rahmensetzungen des Bundes so hinnehmen? Augurzky spricht von gesetzlichen Vorgaben, die eingehalten werden müssten. Gewisse Hoffnung setzt er in den neuen Koalitionsvertrag: Der sehe vor, dass das, was Kliniken vorhalten, um ihre Patienten bestmöglich zu versorgen, besser finanziert werden soll. Vorgesehen sei auch, die sogenannte Ambulantisierung so zu vergüten, dass sie kostendeckend sei.

Wer ist mit dem Neustrukturierungsprozess befasst? Laut Prof. Solzbach der Vorstand der Kliniken Ostalb, der Landrat, der Landkreis mit den Kreistagsmitgliedern und ein 18-köpfiger Lenkungsausschuss aus Mitarbeitenden der Kliniken.

Mehr Fragen: Moderator Ulmer verspricht: Weitere Fragen der Zuhörerinnen und Zuhörer werden in Kürze samt Antworten auf der Internetseite der Kliniken Ostalb veröffentlicht. www.kliniken-ostalb.de/zukunftskonzept

Bläse: „Weiter so funktioniert nicht“

Weiter so mit den Kliniken? „Funktioniert nicht“, sagt Landrat Dr. Joachim Bläse zu Beginn des Abends. Die Gründe veranschaulichen Experten der Ostalb-Kliniken anhand von Zahlen:
Personal: Laut Personalvorständin Sylvia Pansow wird die Ressource Personal immer knapper. Gesetzliche und tarifliche Vorgaben führten zu höherem Personalbedarf in den Kliniken. Doch dieses fehle: Schon jetzt könne man im Schnitt 140 Betten im Monat nicht mehr betreiben. Und in den nächsten zehn Jahren geht ein Drittel der Belegschaft in den Ostalb-Kliniken in Rente.
Finanzen: Das Defizit der Ostalb-Kliniken hat sich 2021 auf 23 Mio. Euro verdoppelt, rechnet Finanzvorstand Thomas Schneider vor. Ursachen seien landes- und bundespolitische Veränderungen in der Krankenhausfinanzierung, andererseits erhöhte Kosten in der Coronapandemie bei sinkenden Erlösen.
Zukunftskonzept? „Uns als Vorstand leiten drei Punkte“, sagt der Vorstandsvorsitzende der Kliniken Ostalb, Prof. Ulrich Solzbach. Zuerst das Patientenwohl, dann das Wohl der Mitarbeitenden und das Ziel, dass die Kliniken in öffentlicher Trägerschaft bleiben.

Erster Bürgerdialog im Internet zur Debatte um die Zukunft der Krankenhäuser auf der Ostalb: Das Informationsbedürfnis ist groß, besonders zur Situation beim Personal. 

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