Klinikentscheidung nicht ohne Bürger

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Bislang drei Kliniken im Ostalbkreis: Landrat Dr. Joachim Bläse erläutert im Interview seinen Vorschlag eines Regionalversorgers, zweier Gesundheitscampus und eines Gesundheitszentrums.
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Landrat Dr. Joachim Bläse beantwortet im Gespräch mit dieser Zeitung die wichtigsten Fragen der Menschen im Ostalbkreis.

Schwäbisch Gmünd / Aalen

Der Vorschlag von Landrat Dr. Joachim Bläse, aus drei Kliniken im Ostalbkreis einen Regionalversorger zu machen, Gesundheitscampus in Mutlangen und Ellwangen und ein Gesundheitszentrum in Bopfingen hat im Landkreis Diskussionen ausgelöst. Politiker und Bürger stellen Fragen. Viele Fragen. Im Gespräch mit dieser Zeitung beantwortete Bläse die wichtigsten.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach will das Gesundheitssystem revolutionieren. Fallpauschalen könnten entfallen, lokale Häuser für Grundversorgung, regionale Kliniken und Kliniken mit Spezialisierungen und überregionaler Bedeutung sollen entstehen. Hat dies Auswirkungen auf die Klinikdebatte im Ostalbkreis?

Bläse:Die Reformideen von Minister Lauterbach gehen in dieselbe Richtung. Wir erleben einen Wandel im medizinischen Fortschritt und einen Wandel in der Demografie. Nun kann man Angst haben vor der Zukunft, man kann aber auch versuchen, sie zu gestalten. Ich habe mich für Letzteres entschieden. Dabei muss man die Menschen mitnehmen. Zwei starke Klinikstandorte zu haben, ist zwar nicht grundsätzlich falsch. Eine derartige Lösung würde aber längstens vielleicht fünf oder sechs Jahre tragen. Langfristig hat dies jedoch keine Zukunft, weil der gemeinsame Bundesausschuss mit den Qualitäts- und Strukturvorgaben hohe medizinische Qualität und damit Interdisziplinarität und Spezialisierung fordert, die wir aufgrund des Personalmangels nicht in Gänze und dauerhaft doppelt vorhalten können. Außerdem: Wir machen nichts komplett zu, es wird gegebenenfalls Folgenutzungen geben. Und: Es wird eine Übergangszeit geben müssen.

Wie ist der Stand des Verfahrens? Und wie geht es weiter?

Wir brauchen nun die Beteiligung der Öffentlichkeit. Da bieten sich die vom Sozialministerium gewünschten regionalen Strukturgespräche oder Regionalkonferenzen mit der Bürgerschaft an. Davor konkretisieren wir, was wohnortnahe Grundversorgung ist: wer was macht, in welcher Rechtsform und wie wir das finanzieren. Damit gehen wir in die Regionalkonferenzen. Der Kreistag wird nicht ohne Bürgerbeteiligung entscheiden. Ich auch nicht.

Wie fließt die Meinung der Bürger in den Entscheidungsprozess ein?

Ich mache dies am Beispiel der Geburtshilfe in Mutlangen deutlich. Auf dem Campus Mutlangen schlagen wir für den Grundversorger eine stationäre Geburtshilfe mit Level IV vor. Da gibt es nun zwei Lager: Bürger, die sagen, das ist ein richtiges Angebot, und andere, die sagen, da besteht kein Bedarf, weil Mütter dorthin gehen, wo Geburtshilfe von Level I bis IV angeboten wird. Daher wäre es spannend, was von der Bevölkerung dazu gedacht wird. Solche Impulse wollen wir aufnehmen. Es geht dabei darum, die Grundversorgung der Menschen nach Raumschaft und Bedarf zu definieren.

Gmünds Oberbürgermeister Richard Arnold und Mutlangens Bürgermeisterin Stephanie Eßwein haben Ihnen in einem Brief Fragen gestellt, die Gmünder SPD sammelt Unterschriften für zwei starke Klinikstandorte, ein Aktionsbündnis Klinikerhalt ist im Entstehen. Wie gehen Sie damit um?

Arnold und Eßwein bekommen eine Antwort. Ich stehe nicht im luftleeren Raum. Ich habe die Rückendeckung des Kreistags. Für Arnold und für Eßwein als Bürgermeisterin des Klinikstandorts habe ich großes Verständnis. Ich werde sie einladen, sich konstruktiv einzubringen. Man kann über den Weg und die Zwischenschritte unterschiedlicher Meinung sein, aber wenn man ins Jahr 2040 blickt, bin ich der Meinung, es wird nur dieses eine Haus geben können. Wenn ich jetzt in zwei Standorte 200 Millionen Euro investiere, kann ich nicht in wenigen Jahren erneut investieren. Ein Invest, der nur einmal finanziert werden kann, muss gut überlegt sein. Ich will mich nicht in einigen Jahren fragen lassen, weshalb wir nicht anders gehandelt haben. Was wir jetzt machen, brauchen wir dauerhaft. All dies ist übrigens keine Kritik an meinem Vorgänger Klaus Pavel. Er hat einen tollen Job gemacht. Und ich habe als Kreisrat alle Beschlüsse mitgetragen. Aber jetzt sind wir an einem Wendepunkt. Immer mehr Operationen werden ambulant gemacht. Immer mehr Personal fehlt. Und immer mehr Menschen werden immer älter.

Haben Sie keine Angst, dass durch diese Diskussion alte Gräben zwischen den Räumen Aalen und Gmünd aufgerissen werden?

Ich dachte, wir sind weiter, und es geht um eine Sachentscheidung. Doch, die Angst habe ich jetzt schon. Aber eigentlich müssen sich das diejenigen fragen lassen, die das tun. Unterschriftensammlungen und Aktionsbündnisse zu einem Zeitpunkt, an dem noch so viel offen ist, tragen ihr Übriges dazu bei.

Kritiker werfen Ihnen ein ungeheures Tempo vor.

Der Prozess ist nicht schnell, aber es gibt Leute, die sagen, das sei so. Erste Überlegungen zur Kliniklandschaft der Zukunft gab es 2020, seit November 2021 diskutieren wir. Am 20. Dezember 2022 wird nichts entschieden, sondern es sollen weitere Handlungsaufträge erteilt werden, wie der Prozess weitergehen kann. Ziel ist es, dem Kreistag eine solide und faktenbasierte Entscheidungsgrundlage zu verschaffen.

Wie lässt sich Ihr Vorschlag eines Regionalversorgers mit zwei Gesundheitscampus und einem Gesundheitszentrum mit dem Kreistagsbeschluss verbinden, dass es künftig keine drei, sondern nur noch zwei Klinikstandorte geben soll? Oder ein Zentralklinikum?

Der Beschluss des Kreistags vom Juli sagt, dass es kein „Weiter so“ gibt. Und dass wir klare Qualitätskriterien brauchen. Viele haben daraus rückgeschlossen, dass es zwei Standorte geben soll. Das ist aber nicht richtig. Ich habe mir gesagt: Wir müssen zurück auf Los. Ein Zentralklinikum ist zu wenig, weil wir einen regionalen Auftrag haben. Deshalb habe ich die Kreiskarte genommen und gefragt, was zentral sein muss, was dezentral angeboten werden kann. Ich habe gemerkt, dass es in Mutlangen und Ellwangen Gesundheitsangebote geben muss, die über eine ambulante hausärztliche und fachärztliche Versorgung hinausgehen. Und dass wir auch für den östlichen Raum in Bopfingen ein erweitertes Gesundheitsangebot brauchen. So ist der Vorschlag „Regionalversorger plus zwei Gesundheitscampus und ein Gesundheitszentrum“ entstanden.

Können Sie Ihre Begriffe Regionalversorger, Campus und Zentrum präzisieren?

Der Regionalversorger ist das umfassende, stationäre Klinikangebot von Onkologie über Urologie bis zur Chirurgie. Da ist alles drin. Die Standorte Mutlangen und Ellwangen habe ich Campus genannt, um zu signalisieren, dass es nicht nur um das geht, was der Ostalbkreis selbst anbietet. Wir werden Hauptanbieter bleiben, aber wir brauchen weitere Akteure. Inzwischen melden sich erste Ärzte, die dort operieren würden. 30 Prozent der Operationen finden ambulant statt. Die können entweder in einer Praxis oder auf dem Gesundheitscampus erfolgen. Zahlen des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen belegen, dass bereits 2019 44 Prozent der durchgeführten Operationen ambulant hätten erfolgen können. Dieser Trend wird sich mit der Weiterentwicklung der Medizin- und OP-Techniken noch verstärken. Im Campus Mutlangen soll es zudem künftig noch eine Geburtshilfe geben, weil in der Klinik dort im Jahr 1700 Geburten stattfinden. Dazu soll es eine Notfallversorgung 24/7 geben, also an sieben Tagen in der Woche immer 24 Stunden lang. 75 Prozent der Notfälle sind ambulante Notfälle. Die kann man dezentral abdecken. Die Frage ist deshalb, in welcher Qualität die Notfallversorgung vorgehalten werden muss. Das ist noch nicht abschließend erörtert. Dazu brauche ich noch Zeit. Deshalb verstehe ich auch nicht, weshalb man mir zu hohes Tempo vorwirft. Vieles muss noch konkretisiert werden, und es muss mit den niedergelassenen Ärzten abgestimmt werden, wie eine Zusammenarbeit aussehen könnte. In einem Gesundheitszentrum arbeiten niedergelassene Ärzte. Im Gesundheitszentrum Bopfingen könnte noch ein pflegerisches Angebot zusätzlich entstehen wie etwa die Kurzzeitpflege.

Ausgangspunkte der gesamten Klinikdebatte waren Personalmangel und das hohe Defizit. Löst Ihr Vorschlag diese Probleme?

Wir haben in drei Häusern Fachabteilungen, einen Verwaltungsapparat und Pflegepersonal. Eine Konzentration hilft und setzt Kräfte frei. Die regionale Grundversorgung wird in Teilen auch ambulant stattfinden. Man muss überlegen, wie viele Ärzte, wieviel Pflegepersonal brauche ich für die regionale Grundversorgung. Dann sollen niedergelassene Ärzte eingebunden werden. Es darf, es kann nicht mehr Personal sein. Ich bin überzeugt, dass mein Vorschlag das Problem des Personalmangels löst.

Auch das finanzielle Defizit?

Die stationäre Operation ist die teuerste. Wir müssen genau hinschauen, was wo gemacht werden muss. Das trägt zur Wirtschaftlichkeit bei. Den Regionalversorger können wir betriebswirtschaftlich ohne Defizit betreiben. Ob und wie sich dies auch bei den Grundversorgern erreichen lässt, prüfen wir noch.

Sollte sich der Kreistag für Ihr Konzept entscheiden, wie wird über den Standort entschieden?

Wir brauchen dafür einen objektiven Prozess. Das heißt, es geht nicht um die geografische Mitte, sondern um den Ort, den die meisten Menschen schnell erreichen. Das ist an der B 29-Kreuzung Essingen-Forst. Dieser Ort wird von 82 Prozent der Bevölkerung in 32 Minuten erreicht. Und nach dem B 29-Ausbau sogar in noch kürzerer Zeit. Ich möchte in diesem Zusammenhang sagen, dass es mir weh tut, wenn man mir vorwirft, ich würde etwas zum Schaden der Gmünder Raumschaft unternehmen. Nach 18 Jahren Erster Bürgermeister in Gmünd schmerzt das. Ich selbst kann damit umgehen, weil ich wusste, dass dies eine solche Diskussion wird. Aber das trifft auch meine Familie. Man muss das aushalten, aber einfach ist das nicht. Der Kreistag ist da meine Kraftquelle.

Ein neuer Regionalversorger für 700 oder 800 Millionen auf 15 Hektar Fläche, ist das nachhaltig?

Natürlich ist das nachhaltig. Kein Standort wird zugemacht, es wird Folgenutzungen geben. Dass wir neue Fläche brauchen, ist richtig. Doch das gilt auch für Photovoltaik oder Gewerbeansiedlung. Ich habe da kein schlechtes Gewissen. Bei den Kosten ist es so, dass wir, wenn wir nur das bisherige Defizit um die Hälfte reduzieren und den eingesparten Betrag am Kapitalmarkt einsetzen, Zins und Tilgung für einen Neubau über Jahre abgedeckt haben. Und wenn wir die Landesmittel abziehen, wird es deshalb keine exorbitante Kreisumlage geben, wenn überhaupt eine Erhöhung.

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Stauferklinikum Mutlangen. Foto: Jan-Philipp Strobel
Dr. Joachim Bläse. Foto: opo

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