Kneippen und Kaltduschen – Gesund zittern und dabei noch sparen

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Neulinge in der Anlage: Doris Fritz, Kneipp-Funktionärin (links), zeigt gern, wie es geht.
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Wer sie jetzt lernt, wird im Winter weniger frieren. Und kann als Kaltduscher auch noch den Gasverbrauch reduzieren.

Schwäbisch Gmünd. Doris Fritz muss keine große Überzeugungsarbeit leisten. Nur ein kurzer Dialog, schon ist sich die Gruppe junger Frauen und Männer einig: „Das ist lustig, wir sind dabei“, und bald waten die ersten durch das Wassertretbecken am Schwäbisch Gmünder Hauberweg. Den lehrbuchmäßigen Storchengang haben nur die wenigsten drauf, aber darüber sieht Kneipp-Expertin Fritz gelassen hinweg. Die vorrangige Botschaft ist für sie: „Kneippen macht einfach Spaß“ und das sieht man den Studierenden, die hier eine kurze Pause machen, an.

„Ist die Neugierde auf die Anwendungen geweckt, dann kann man auch über den gesundheitlichen Aspekt besser sprechen“, so die Erfahrung der stellvertretenden Vorsitzenden im Kneipp-Bund, Landesverband BAden-Württemberg. Dafür steigt Fritz, die derzeit auch den Gmünder Kneippianern vorsteht, mit ins Becken und erklärt, was man sich vom Wassertreten erhoffen kann: bessere Durchblutung und damit letztlich auch schönere Beine, aber auch erholsameren Schlaf und insbesondere weniger Infekte. „Aber man muss es halt regelmäßig machen“, gibt sie der Gruppe mit auf den Weg.

Ein Appell, der angesichts der derzeit hohen Temperaturen am Kaltwasserbecken auf ungeteilte Zustimmung stößt.

Dass der Gang ins kalte Nass dieser Tage nur wenig Überwindung kostet, das sollte man für die Gesundheitsvorsorge nutzen, sagt Dr. Hannelore Ritter. „Ja, es ist möglich, jetzt an den heißen Tagen den Körper für später zu trainieren“, so die Gmünder Fachärztin für Allgemeinmedizin und Naturheilverfahren gegenüber dieser Zeitung. „Die Anpassung erfordert Zeit, wir sprechen hier von Monaten. Die gute Nachricht ist, wer jetzt beginnt, kann sich für Herbst und Winter etwas wirklich Gutes tun, sein Immunsystem stärken und das Risiko für die Häufigkeit von Atemwegserkrankungen reduzieren“, erklärt Ritter.

Kühler, kürzer und weniger oft, in Zeiten der Gaskrise wird auch die Körperpflege politisch. Frau Dr. Ritter, die Empfehlungen aus der Politik schonen den Geldbeutel, aber ist das auch gesünder?

Dr. Ritter: Kaltduscher konnten laut einer niederländischen Studie ihre Krankheitstage reduzieren und auch andere Untersuchungen zu Kaltwasseranwendungen zeigen, dass es einen positiven Effekt gibt auf das Immunsystem, aber auch auf Haut und Haare, Atmung, Kreislauf und das allgemeine Wohlbefinden. Derzeit findet zum Kaltduschen eine große Studie der Basler Universität statt, bei der man online noch mitmachen kann.

Wie geht richtiges Duschen, welche Dauer, welche Temperatur ist ideal? Und wie oft, schließlich möchte ja gerade im Sommer niemand müffeln?

Die Haut ist bei jedem von uns individuell, manche schwitzen mehr als andere, manche haben fettigere und andere eine trockene Haut. Wie oft man duscht, solle also dem individuellen Bedarf angepasst sein. Wenn wir zu häufig, zu heiß und zu lange duschen, wird die Haut trocken und gereizt. Dementsprechend muss auch nicht jeden Tag geduscht werden, es kann an manchen Tagen ausreichen, nur bestimmte Körperregionen mild zu reinigen. Die Dauer des Duschens richtet sich nach der individuellen Verträglichkeit und der Wassertemperatur. Bei einer kalten Dusche fühlen sich drei Minuten schon sehr lange an.

 

Sie sind auch Kneipp-Ärztin, was sind Ihre Einsteiger-Tipps für Kneipp-Interessierte und Möchtegern-Kaltduscher? 

Für den Anfang empfehle ich den Schenkelguss. Dieser fängt immer am rechten Fußrand an, geht dann mit dem kalten Wasser an der Seite hoch bis zur rechten Hüfte und verweilt dort einige Sekunden. Dann führt man das Wasser über die Leiste, an der vorderen Innenseite des Beines nach unten. Dies wiederholt man am linken Bein. Zum Abschluss lässt man das kalte Wasser über die rechte, dann über die linke Fußsohle fließen. Dann nicht abtrocknen, sondern das Wasser nur abstreifen! Die Beine dürfen leicht gerötet sein, dies kommt durch die verstärkte Durchblutung. Einen besonders guten Effekt erzielt man, wenn man sich anschließend warm einwickelt und mindestens zehn Minuten ruht. Dabei können die Beine auch etwas kribbeln. Aber bitte aufpassen: Wer einen akuten Infekt, Durchblutungsstörungen oder Probleme mit dem Ischiasnerv hat, der sollte auf diese Anwendung verzichten.

Tipps von Dr. Hannelore Ritter, damit Kaltduschen ein gesundes Erlebnis wird:

- Nur wenn einem warm ist kalt duschen. Am besten fängt man mit dem rechten Bein an und kühlt dieses zuerst ab.

- Der Temperaturunterschied sollte vor allem für Ungeübte nicht zu groß sein, also nicht völlig überhitzt mit eiskaltem Wasser duschen.

- Wenn man sich an kaltes Wasser gewöhnen möchte, jedes Mal die Temperatur etwas herunterfahren.

- Kurz kalt duschen und sich danach wieder aufwärmen.

Man muss auch wissen, dass die Körpertemperatur, auch das Immunsystem tagsüber schwankt. Morgens steigt die Körpertemperatur an, deshalb empfinden wir das Wasser dann als besonders kalt. Interessanterweise wird auch morgens das Immunsystem besser angeregt.

Kaltanwendungen belasten den Kreislauf, das heißt, wenn man einen sehr hohen oder auch niedrigen Blutdruck hat, unter einer Herzerkrankung leidet oder sonst chronisch krank ist, sollte man auf jeden Fall erst ärztlichen Rat einholen.

Teilnehmer gesucht:Die Universität Basel sucht noch Teilnehmende für die Studie zum Kaltduschen. Infos gibt es hier. 

 

Kneipp-Anlagen in ganz Deutschland zeigt eine App des Kneipp-Bund e.V. Wenn man sich registriert, findet man nahe gelegene Becken und kann diese auch bewerten. Die App bekommt man kostenlos im Playstore (Google) und im Appstore (Apple).

 

Kontakt zum Kneipp-Landesverband unter: www.kneippbund-bw.de oder per Mail über Doris Fritz doris.fritz@kneippbund-bw.de 

Das Badezimmer als Kneipp-Oase

Wassertreten: Etwa 15 bis 18 Grad kaltes Wasser in die Wanne einlaufen lassen, bis der Wasserspiegel eine Handbreit unter die Knie reicht. Dann wie ein Storch durch die Wanne schreiten, d. h. bei jedem Schritt ein Bein ganz aus dem Wasser heben und die Fußspitzen nach vorne beugen. Nach 1 bis 2 Minuten das Wasser von den Beinen streifen und sich bewegen, bis man wieder richtig warm ist.Nicht geeignet bei Infekten, während der Menstruation, bei Blasen- und Nierenkrankheiten.

Armbad:Macht schnell wieder fit, regt an, ohne aufzuregen und gilt deshalb als „Tasse Kaffee der Naturheilkunde“. Dafür das Waschbecken mit ca. 12 bis 18 Grad kaltem Wasser füllen, der Wasserspiegel sollte bis zur Mitte der Oberarme reichen. Mit beiden Armen gleichzeitig eintauchen, bis sich ein ziehendes Kältegefühl bemerkbar macht. Dann das Wasser nur abstreifen und die Arme durch viel Bewegung wieder erwärmen.

Nicht geeignet für Herzpatienten und bei Gefäßkrämpfen.

Auch Studierende sind dabei, wenn es um die schnelle Erfrischung in der Kneipp-Anlage im Gmünder Hauberweg geht.
"Die Tasse Kaffee der Naturheilkunde" - das sogenannte Armbad genießen Cornelia und Georg Jaunich regelmäßig.
Irene Paschko erfrischt sich in ihrer Mittagspause unter den Augen von Pfarrer Kneipp

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