Kräfte bündeln, junge Ärzte in den Ostalbkreis locken

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Nach dem Gründungsakt: (v.l.n.r.): Dr. Sebastian Hock (Vorsitzender Ärzteschaft Aalen), Prof. Ulrich Solzbach, Dr. Gisbert Weissenborn, Dr. Erhard Bode (Vorsitzender Ärzteschaft Schwäbisch Gmünd), Tanja Jähnig (Koordinatorin KWBW Verbundweiterbildungplus
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Der gründet mit mehreren Partnern den „Weiterbildungsverbund Allgemeinmedizin“. Wie damit der Ärztemangel auf dem Land bekämpft werden soll.

Aalen

Immer mehr Hausärzte im Ostalbkreis gehen in den Ruhestand und finden keinen Nachfolger. Der Landkreis steuert gegen, schon seit Jahren, mit verschiedenen Maßnahmen. Am Freitag ist eine weitere dazugekommen: Gegründet wurde der „Weiterbildungsverbund Allgemeinmedizin Ostalbkreis“. Zusammengeschlossen haben sich die Kliniken Ostalb, niedergelassene Ärztinnen und Ärzte, die Bezirksärztekammer Nordwürttemberg, die Ärzteschaften Aalen und Schwäbisch Gmünd, sowie das Landratsamt.

Im Weiterbildungsverbund geht es nicht um Fortbildung im landläufigen Sinne. Im Grunde geht es um Ausbildung. Konkret: um die etwa fünf Jahre dauernde Qualifizierung zum Facharzt nach dem abgeschlossenen Medizinstudium, beschrieb Prof. Ulrich Solzbach, Vorstandsvorsitzender der Kliniken Ostalb, im Pressegespräch. Die Facharztanerkennung in der Allgemeinmedizin ist eine wesentliche Voraussetzung, um sich als Hausärztin bzw. Hausarzt niederlassen oder anstellen lassen zu können.

Der neue Verbund will den Ärztinnen und Ärzten in diesen fünf Jahren „strukturierte, koordinierte und planbare Weiterbildungsabschnitte in Kliniken und Praxen anbieten“, so Solzbach. Der Vorteil für die Betroffenen: mehr Wahlmöglichkeiten, weniger Aufwand, größere Planungssicherheit, feste Ansprechpartner und ein Mentor im Hintergrund.

Die enge Verzahnung von Kliniken und niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten im Ostalbkreis sei dabei „das A und O“, betonte Landrat Dr. Joachim Bläse. Das große Ziel sei, den Medizinernachwuchs für die Region zu gewinnen und zu halten. Ärztliche Versorgung sicherzustellen, sei ein gesellschaftliches „Top-Thema“. Und das nicht erst seit gestern, „ehrlicherweise sind wir drei Jahre zu spät“, bekannte Dr. Erhard Bode, Vorsitzender der Ärzteschaft Schwäbisch Gmünd.

Er umriss, wie der demografische Wandel in der Ärzteschaft sichtbar wird, während die alternde Gesellschaft wachsende Zahlen behandlungsbedürftiger Patienten mit sich bringe. Gleichzeitig kämen den niedergelassenen Kollegen „immer mehr ärztliche Stunden abhanden“ durch bürokratische Auflagen und „Hauruck-Gesetze“ der Politik. Wie sein Kollege Dr. Sebastian Hock, Vorsitzender der Ärzteschaft Aalen, sicherte er im neuen Verbund Unterstützung der erfahrenen Hausärztinnen und Hausärzte in Form von Beratung und Mentoring zu.

Beide forderten zudem Unterstützung des Landkreises, wenn es darum gehe, „ärztliche Versorgung künftig an den Markt zu bringen“: ob als Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ), in privaten oder kommunalen Praxen, Berufsausübungsgemeinschaften oder Genossenschaften. Zukunftsträchtige Praxismodelle seien dringend geboten, pflichtete Allgemeinmediziner Dr. Gisbert Weissenborn aus Schwäbisch Gmünd bei und berichtete aus langjähriger Erfahrung als niedergelassener Arzt. Dr. Marvin Meßemer, zurzeit in der Weiterbildung zum Facharzt am Stauferklinikum Mutlangen („ich bin eigentlich die Zielgruppe des neuen Weiterbildungsverbunds“) sagte: „Wie viele in meiner Generation möchte auch ich mich nicht in einer Einzelpraxis niederlassen.“

Der neue Verbund sei attraktiv, so Meßemer, biete gute Möglichkeiten, verschiedene Bereiche der medizinischen Versorgung als potenziellen Wohn- und Arbeitsort kennenzulernen. Und er sei „ein Alleinstellungsmerkmal für den Ostalbkreis“. Angesichts hoher Mobilität in seiner Generation spielten bei der Wahl des Wohnorts aber auch Standortfaktoren wie Wohnraum, Bauland, Kinderbetreuung und Infrastruktur eine Rolle. Hier zu helfen und zu unterstützen, sei klar Aufgabe der Kommunen, bekannte Andrea Schnele, Bürgermeisterin aus Lauchheim, namens der 42 Städte und Gemeinden im Ostalbkreis.

Parallel dazu arbeitet der Landkreis mit den Ärzteschaften Aalen und Schwäbisch Gmünd, den Kliniken Ostalb und der Universität Ulm an weiteren Maßnahmen in vier Arbeitsgruppen, um Nachwuchsmedizinerinnen und -mediziner zu gewinnen und in der Region zu halten. Dazu zählen unter ein Stipendienprogramm für Medizinstudierende, sowie der Aufbau eines Primärversorgungsnetzwerks.

Das ist klar ein Alleinstellungsmerkmal für den Ostalbkreis.“

Dr. Marvin Meßemer, angehender Facharzt

Programm für angehende Allgemeinärzte

  • Der neu gegründete Weiterbildungsverbund schließt sich dem Kompetenzzentrum Weiterbildung Baden-Württemberg (KWBW) - Verbund weiterbildungplus - an. Er arbeitet eng zusammen mit dem Institut für Allgemeinmedizin der Universität Ulm. „Wir bieten Ärztinnen und Ärzten in Weiterbildung zum Facharzt Allgemeinmedizin ein strukturiertes, begleitendes Seminarprogramm, das durch individuelles Mentoring und regionale Netzwerkaktivitäten ergänzt wird. Für Qualifizierung und Austausch der weiterbildenden Fachärztinnen und Fachärzte haben wir „Train the trainer“-Seminare im Programm, erläuterte Prof. Anne Barzel, Direktorin des Instituts für Allgemeinmedizin. Der Ostalbkreis ist eine von zwei Modellregionen.
Immer mehr Ärzte gehen in den Ruhestand. Mit einem neuen Verbund will der Ostalbkreis die ärztliche Versorgung verbessern.

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