Krise: Pflege im Ostalbkreis ist am Anschlag

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Pflege
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Die kirchlichen Sozialstationen im Kreis machen gemeinsam mobil gegen die sich verschärfenden Probleme im Bereich Pflege. Wie es um diese bestellt ist und was anders werden soll.

Aalen

Notstand. Dieses Wort trifft es wohl nicht mehr. Nun sprechen Verantwortliche wie Martin Weweler von der Sozialstation St. Martin Aalen von einer „Pflegekrise“ als zweite große Herausforderung unserer Generation neben der „Klimakrise“. Längst haben sich die acht kirchlichen Sozialstationen im Ostalbkreis zu einem Netzwerk zusammengeschlossen. Auch mit dem Ziel, dieser Herausforderung zu begegnen. „Im Frühjahr sind wir nun zu der Erkenntnis gelangt, dass die bisherigen Maßnahmen aber nicht ausreichend sind, um die Pflegekrise abzuwenden“, so Weweler. Deshalb hat das Netzwerk der kirchlichen Sozialstationen den politischen Entscheidungsträgern und Entscheidungsträgerinnen eine „Agenda für die ambulante Pflege im Ostalbkreis“ übergeben. Im Salvatorheim dabei waren bei der Übergabe die Bundestagsabgeordnete Leni Breymaier (SPD) und Roderich Kiesewetter (CDU) und als Vertreterin der Linken Christa Klink. Diesen schilderten sie die Lage, Ziele und Umsetzungsvorschläge.

Die Lage: Pflege am Anschlag

2500 pflegebedürftige Menschen versorgen die Sozialstationen im Ostalbkreis insgesamt. Mal sind es nur 80, wie bei der Sozialstation Bopfingen. Mal sind es 700, wie bei St. Elisabeth, die das gesamte Härtsfeld versorgt.


Personalmangel: Doch egal wo, es fehlt an Personal und, die dabei sind, bleiben es nicht mehr lange. „Das Wort Pflexit ist in aller Munde“, so Alexander Rettenmaier, Geschäftsführer von St. Elisabeth in Neresheim. Die Verweildauer im Beruf werde immer kürzer. Überstunden, dazu Corona als Herausforderung mit seiner fehlenden Planbarkeit, das lauge aus: „Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind am Anschlag“, sagt Rettenmaier. Hinzu komme, dass es immer weniger Ehrenamtliche gebe, die man aber dringend braucht. Auch, um bestimmte Angebote überhaupt aufrecht erhalten zu können, wie etwa die für dementiell veränderte Menschen. Doch die, die sich einst engagiert haben, kommen selbst in ein Alter, in dem sie Hilfe brauchen. „Unsere älteste Ehrenamtliche ist 75“, sagt Rettenmaier.

Die „Konkurrenz“: Pflegende Angehörige und ausländische Hilfskräfte arbeiten für eine Entlohnung und Arbeitszeiten, mit denen die Sozialstationen nicht mithalten können. Hinzu kommt die Konkurrenz von Einrichtungen, die „Elitenpflege“ anbieten und dann mehr bezahlen können, ergänzt Felix C. Schmidt, Leiter der katholischen Sozialstation Schwäbisch Gmünd. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter würden aber immer dahin gehen, wo die besten Arbeitsbedingungen herrschen.

Die Ausbildung: Die generalisierte Ausbildung schafft ebenfalls Konkurrenz. Kliniken sind oft „interessanter“, so Rettenmaier. Zudem komme, dass ein Hauptschulabschluss für diese neue Ausbildung nicht genüge, wie Felix C. Schmidt ergänzt. Ebenso bleibt es ein Problem, dass Schulausbildungen aus dem Ausland nicht anerkannt werden. Zwei Auszubildende, die etwa in Rumänien eine Hochschulreife absolviert haben, habe er wieder wegschicken müssen. „Das hatten wir früher in der Altenpflege nicht“, so Schmidt. Professionalisierung sei wichtig, aber es gebe nun mehr Menschen, denen eine Ausbildung im Pflegebereich gar nicht möglich sei. Und es gebe mehr Abbrecher, wie Andrea Apprich, Pflegedienstleiterin aus Abtsgmünd, ergänzt. „Warum das nun bei der generalisierten Ausbildung so ist, das muss analysiert werden“, fordert sie.

Digitalisierung und Bürokratie: Die DSGVO und die Notwendigkeit, mit jeder Schule einen Ausbildungsvertrag zu schließen, frisst Arbeitszeit, die man woanders besser einsetzen könnte, so Rettenmaier weiter. Und wenn man neue Wege in der Personalgewinnung gehe, scheitere man oft an den Gesetzen. So habe man versucht, Vietnamesinnen anzuwerben. Deren Führerschein aber werde in Deutschland nicht anerkannt. Hinzu kommt, dass ländliche Gebiete noch immer in Sachen digitaler Vernetzung hinterherhinken und die Einrichtungen dabei mehr Unterstützung brauchen.

Der schlechte Ruf: Auch die Wertschätzung der Arbeit der ambulanten Pflegedienste ist ein Problem, wie Andrea Apprich ausführt. „Es geht nicht nur um Windeln wechseln“, sagt sie. Doch auch wenn die Fachkraft drei qualifizierte Arbeiten verrichte, werde nur eine abgerechnet von der Kasse. Das sei frustrierend.

Hinzu komme, dass man in der Pflege gar nicht so schlecht verdiene. Nach der Ausbildung könne man nach Tarif schon bald bis auf 40 000 Euro Jahresgehalt kommen. „Was mehr belastet als die Bezahlung, sind die Rahmenbedingungen.“

Formulierte Ziele der Agenda:

Die Pflegebedürftigen sollen im Mittelpunkt stehen, pflegende Angehörige finanziell, zeitlich, körperlich und psychisch besser entlastet werden in der zukünftigen Pflegelandschaft. Das Entlastungspotenzial für Pflege(fach)kräfte muss voll ausgeschöpft werden. Dazu zählt auch die Flexibilisierung von Arbeitsverhältnissen. Gesamtgesellschaft und Pflegeeinrichtungen müssen zusammenwirken mit pflegenden Angehörigen, Nachbarschaftshilfe, Ehrenamtlichen. Der Blick auf den Nächsten in der Nachbarschaft darf nicht zu kurz kommen. Die Förderlandschaft muss angepasst werden, weg von kurzfristigen Leuchtturmprojekten zu längerfristiger Unterstützung. Über Pflege muss positiver geredet werden. Bei der generalistschen Ausbildung muss nachgebessert werden. Diese muss auch in Teilzeit möglich sein und die Hürden für Hauptschulabsolventen wieder gesenkt werden.

Einige Umsetzungsvorschläge:

Gremien und Beiräte für Entscheidungsträger sollten eher aus Pflege-Sachverständigen statt aus Lobby-Verbänden bestehen, der Dokumentationsaufwand so weit wie möglich reduziert werden.

Pflegezeit soll der Elternzeit umfassend gleichgestellt werden. Das Pflegegeld sollte absolut, aber auch im Verhältnis zu den Pflegesachleistungen deutlich ansteigen. Das Budget aus verschiedenen Töpfen soll zusammengefasst werden, um individuell angepassten Umgang damit zu ermöglichen.

Die gesellschaftliche Erzählung über die Pflege muss sich ändern. Weg von, „die Pflege ist ein schlimmer Job“ hinzu „die Pflege ist ein erfüllender, sinnstiftender und anspruchsvoller Beruf, der zukunftssicher ist und immer besser bezahlt wird.“ Zudem soll die Verdienstobergrenze für geringfügig Beschäftigte angehoben werden auf zunächst 600 Euro. Eine bessere Kinderbetreuung für Beschäftigte in systemrelevanten Mangelberufen, die Rückgewinnung von Personal aber auch das Wecken eines besseren Verständnisses für Krankheit und Alter werden ebenfalls als wichtige Punkte genannt.

„Die Herausforderungen sind groß und vielfältig“, so Martin Weweler. Es gehe bei der Agenda nicht darum, für die ambulante Pflege das meiste herauszuholen. Sondern um Lösungen für eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Die Pflegestationen im Ostalbkreis suchen den Kontakt zur Politik um Verbesserungen für ihre Rahmenbedingungen zu bekommen.
Die Pflegestationen im Ostalbkreis suchen den Kontakt zur Politik um Verbesserungen für ihre Rahmenbedingungen zu bekommen.
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