Kundgebung: Wo den Bauern der Kittel brennt

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Die Ellwanger Stadthalle war mit über 400 Personen voll besetzt.
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Bei der Bauernkundgebung in der Stadthalle in Ellwangen macht der Europaabgeordnete Norbert Lins den Landwirten Mut. Die Agrarpolitik der EU stützt die Familienbetriebe.

Ellwangen. Volle Stadthalle bei der Bauernkundgebung, Solidaritätsbekundungen von Bundes- und Landespolitikern und ein Redner, der als Bauernsohn die Sorgen der Landwirte aus erster Hand kennt: Diesesmal gab es beim Kalten Markt nichts zum Streiten, sondern Applaus und Zustimmung von allen Seiten.

Der Europapolitiker Norbert Lins hatte eine Reihe guter Nachrichten im Gepäck: die Ausgleichszahlungen der EU für die Bauern in Baden-Württemberg werden nicht zusammengestrichen, wie von manchen noch befürchtet, sondern sogar um knapp 30 Millionen Euro aufgestockt. Das Geld wird den Großbetrieben im Norden und Osten der Republik entzogen und soll den Familienbetrieben helfen. Die angekündigten Flächenstilllegungen für Ökologie und Artenschutz sind wegen des Ukrainekriegs erst einmal aufgeschoben. Das Pflanzenschutzverbot in Schutzgebieten wird nicht so umgesetzt, wie es im Vorfeld diskutiert wurde. „Mit diesem Vorschlag ist die EU-Kommission weit über das Ziel hinausgeschossen“, sagte der Abgeordnete des Europäischen Parlaments und kündigte den „totalen Widerstand“ seiner Fraktion an.

Ein Praktiker aus Oberschwaben

Norbert Lins war ganz offensichtlich der richtige Redner für diese Bauernkundgebung. Im ersten Jahr der neuen Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) konnte er viele Befürchtungen korrigieren und den Landwirten manche Ängste nehmen. Als Praktiker ist er für die bäuerliche Landwirtschaft eine wertvolle Stimme in Brüssel, weil er unsinnige Einschränkungen schnell erkennt.

Thema Pflanzenschutz

Beim Thema Pflanzenschutz habe die EU-Kommission eine Halbierung vorgeschlagen ohne die Folgen abzuschätzen. Das Totalverbot in Schutzgebieten sei bereits wieder vom Tisch. „Am besten wäre es, die Kommission würde ihren Vorschlag komplett zurückziehen. Das wird sie aber nicht tun“, meinte Lins. Nun gebe es breiten Widerstand auch aus Österreich, Kroatien und anderen Staaten, die viele Schutzgebiete ausgewiesen haben und Lins hofft auf einen tragbaren Kompromiss.

Bei der Nutztierhaltung sei eine Diskussion über Selbstversorgungsgrade dringend nötig: „Wir haben in Baden-Württemberg bereits Nutztier-befreite Zonen“, sagte Lins.

Nutztierhaltung

Bei Schweinen sei man bei einem Selbstversorgungsgrad von gerade noch 45 Prozent. Ohne Viehhaltung fehle jedoch das „schwarze Gold“, der Viehdung, der für nachhaltigen Ackerbau benötigt werde. Die Forderung, den Viehbestand zu halbieren, sei unsinnig, weil sie weniger  Nachhaltigkeit bedeute. „Bei Getreide und anderen Feldfrüchten entstehen Abfälle, die als Viehfutter wieder sinnvoll zu nutzen sind“, begründete Lins die Notwendigkeit der Viehhaltung.

Wolf und Weidetiere

Mit Blick auf die Weidetierhaltung müsse aber der Schutzstatus für den Wolf dringend überdacht werden. Tatsächlich gebe es hier im Europäischen Parlament auch Bewegung, was möglicherweise darauf zurückzuführen sei, dass „Dolly“, das Pony von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in der Nähe von Hannover nachweislich von einem Wolf gerissen wurde.

„Schweden hat jetzt 75 Wölfe zum Abschuss freigegeben. Dabei leben dort viel weniger Wölfe als in Deutschland. Wir haben jetzt 4000 nachgewiesene Wolfsrisse. Ich meine, der Erhaltungsbestand ist erreicht“, sagte er.

Holzwirtschaft

Auch beim Thema Holzwirtschaft gebe es Bewegung auf europäischer Ebene, sagte Lins. Im Saal hatte die Forstbetriebsgemeinschaft Ostalb Plakate aufgehängt mit der Forderung, Holz als regenerativen Energieträger auszuweisen. Vor allem aus Richtung der Grünen gebe es starken Druck, Biogas, Biosprit und Holz nicht mehr als erneuerbare Energie zu bewerten. Beschlossen sei jedoch nur eine Mengendeckelung bis 2030.

„Wir brauchen gerade diese grundlastfähigen Energieträger und können uns angesichts des Klimawandels nicht leisten, einzelne Technologien zu bekämpfen“, sagte Lins.

Oberbürgermeister Michael Dambacher hatte eingangs die schwierige Situation beim Flächenbedarf angesprochen. Energieerzeugung, Wohnungs- und Straßenbau sei weiterhin auf Agrarflächen angewiesen. Im Dialog werde man jedoch Lösungen finden.

Roderich Kiesewetter (MdB) plädierte dafür, Ausgleichsflächen vorrangig auf Industriebrachen oder Konversionsflächen auszuweisen und dafür nicht auch noch Agrarland zu opfern. Bei der Energieerzeugung müsse es einen Vorrang für Gebäude vor Agrarfläche geben.

Landrat Dr. Joachim Bläse meinte, im Ostalbkreis sei die Landwirtschaft nicht Nostalgie oder Museumsbetrieb, sondern Wirtschaftszweig. Deshalb seien verlässliche Rahmenbedingungen unbedingt nötig: „Ein neuer Stall müsse auch nach 20 Jahren noch rechtskonform sein.“

Gegen den Flächenfraß

Hubert Kucher, Vorsitzender des Bauernverbands Ostalb-Heidenheim, wetterte gegen den Flächenverbrauch für Energieerzeugung: „Solange auch nur eine Fabrikhalle und ein Parkplatz noch ohne sind, müssen wir mit PV nicht auf Agrarflächen gehen.“ Wenn aber ein Schweinebetrieb mit der Energieerzeugung den Hof retten kann, dann solle er es tun.

Dass Landwirte trotz breit angelegter Öffentlichkeitsarbeit immer noch Angriffen von Tierschutz- und Umweltorganisationen ausgesetzt sind, verstehe er nicht. Die Haltungssysteme der deutschen Landwirtschaft seien die besten weltweit. Die immer weitergehenden Tierwohlforderungen seien teuer und könnten von den Bauern allein nicht finanziert werden. Die Produktion wandere sonst ins Ausland und Deutschland gerate in eine Abhängigkeit, die noch schlimmer wäre als bei Erdgas oder Medikamenten. „80 Millionen Menschen zu ernähren, das macht man nicht so einfach.“

Die deutschen Landwirte hätten Vertrauen, Respekt und Anerkennung verdien. „Sonst werfen irgendwann die jungen Landwirte das Handtuch.“

Dafür bekam Kucher großen Applaus und Zurufe: „Hubert, das hast du gut gesagt!“

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