Marathon der Erniedrigung – was Frauen in der "Sexbranche" erleben

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Abrackern im Sexgeschäft. Teresa Grebtschenko zeigte im Kulturbahnhof in Aalen ihre Musikperformance „Venus“.
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Ein Kommissar, eine Aussteigerin und drei Künstlerinnen zeigen in Theater und Diskussion auf, was Frauen in der „Sexbranche“ ertragen.

Aalen

KubAA Aalen, Mittwochabend: blanke Hintern unter hochgeschobenen Paillettenröcken. Netzstrümpfe und hochgeschnürte Stiefelchen. Ein enges Wirrwarr, das erstickt, fesselt, festhält. In Ausbeutung, Ausnutzung, Gewalt, gesichtsloser Unpersönlichkeit, Verzweiflung. Dünne Arme und Beine, die mit immer mehr Energie strampeln.

Wie Installationen wirken die Kostüme. Wie Skulpturen die drei Frauen: Mimosa Pale, die Frau, die wie eingemauert scheint in den undurchdringlichen Wänden ihrer vermeintlich ausweglosen Lebensstruktur. Gleiches gilt für Teresa Grebtschenko und Justyna Koeke. Letztere scheint unter der glänzenden Satindecke eine Matratze für jeden zu sein.

Was die drei an diesem Abend mit drastischem Spiel ihrem Publikum deutlich machen wollen: Prostituierte werden zu Objekten. Entmenschlicht. Erniedrigt. Das ist die klare Botschaft.

Wer etwas anderes glaubt, der mache sich etwas vor. Auch wenn Teresa Grebtschenko bei ihrem „Marathon der Venus“ lächelt als wäre nichts. Egal welche Stellung, welche Erniedrigung, zum 15. Mal am Tag dran ist. Das viele Geld, das sie sich in den Ausschnitt gestopft hat: weg. Das wandert in ganz andere Taschen.

Das Leben von Prostituierten haben die Künstlerinnen bei ihrer Musiktheater-Performance mit dem Titel „Galateas“ zum Thema gemacht. Dabei solidarisieren sie sich mit ihren Geschlechtsgenossinnen, denen sie nichts mehr wünschen, als dass sie ihrer meist hilflosen Situation entrinnen können.

Eingeladen zu der Veranstaltung hatte das Ostalb-Bündnis gegen Menschenhandel und (Zwangs-)Prostitution in Kooperation mit Solwodi Baden-Württemberg, vertreten durch Marietta Hageney, dem Theater der Stadt Aalen und der Frauenbeauftragten der Stadt Aalen, Uta-Maria Steybe.

Den zweiten Teil des Abends bestimmte eine Diskussion. Von Zweien, die wissen, wovon sie reden. Marie Merklinger hat die Prostitution überlebt, der Erste Polizeihauptkommissar a.D. Manfred Paulus hat mehrere Jahrzehnte im Rotlichtmilieu ermittelt.

Sie fanden schonungslose Worte. „Da herrschen hochkriminelle Clans“, so Paulus. Das wolle in Deutschland keiner wirklich wahrhaben. Auch nicht, dass die organisierte Kriminalität Kontakte knüpfe in die oberen Gesellschaftsschichten. Das sei eine enorme Gefahr. „Wir haben einen offensichtlichen Untergrund, können aber nichts tun“, ergänzte Merklinger. Es gebe ein gigantisches Dunkelfeld, erläuterte der Ex-Kommissar.

Der Polizei seien ohne konkrete Hinweise die Hände gebunden. So lange die deutsche Gesetzgebung in Gestalt des Prostituiertenschutzgesetzes ist, wie sie ist. Das nutzten Menschenhändler. „Je mehr die anderen Länder mit dem Nordischen Modell gegensteuern, umso mehr verlagert sich das zu uns. Deutschland ist ein Paradies für diese Menschenhändler-Banden. Für die lassen sich Frauen hier besser verkaufen als Drogen.“ Das höre erst auf, wenn – wie im Nordischen Modell – Freier bestraft würden und in dessen Folge Frauen nicht mehr nachgefragt werden, ist sich Merklinger sicher.

In Deutschland lebten tausende Zwangsprostituierte. Angemeldet. Das schütze sie aber nicht vor Ausbeutung und Vergewaltigung, weiß Hageney aus ihrer Arbeit in der Beratungsstelle.

Mehr Bilder im Internet unter www.schwaepo.de

Deutschland ist ein Paradies für diese Menschenhändler-Banden.“

Manfred Paulus, Polizeihauptkommissar a.D.

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