Menrad feiert 125. Geburtstag

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Firmensitz von Menrad in Schwäbisch Gmünd
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Wie sich das Schwäbisch Gmünder Traditionsunternehmen in den vergangenen Jahrzehnten zu einem internationalen Mittelständler entwickelt hat.

Schwäbisch Gmünd

Der Gründer wusste das Leben zu schätzen. Im Keller des Wohnhauses lagerte permanent ein Fass Wein, Ferdinand Menrad Senior gründete zudem einen Männerchor. „Heute wäre er wohl Mitglied einer Rockband“, sagt Ururenkel Hermann Müller-Menrad und schmunzelt. Menrad war aber auch ein erfolgreicher Unternehmer, im Jahr 1896 gründete er die württembergische Optische Industrie-Anstalt Ferdinand Menrad, stellte damals Klemmer und Lorgnetten her.

Zwei Jahre nach der Gründung beschäftigte das Unternehmen bereits 13 Mitarbeiter. Heute ist Menrad noch immer in Familienbesitz, neben Hermann Müller-Menrad ist sein Bruder Eberhard Müller-Menrad Geschäftsführer. Zum 125. Geburtstag des Brillenherstellers blickt die vierte Generation um die beiden Chefs zurück – und ein bisschen voraus.

Weltweit beschäftigt das Unternehmen aktuell rund 800 Mitarbeiter, 220 davon am Stammsitz in Schwäbisch Gmünd, wo alle zentralen Abteilungen vertreten sind. Marketing, Export sowie ein Teil des Design-Teams sitzen wiederum in München. Gestartet ist die Firma mit einem Standort in Königsturmstraße, seit 1970 sitzt Menrad in der Bettringer Oderstraße. Produziert wird jedoch schon lange nicht mehr in Europa oder gar Deutschland. Wichtigster Fertigungsstandort ist China, wohin Menrad bereits Ende der 1990er-Jahre zunächst Teile der Produktion verlagerte. Den Grundstein für die Internationalisierung legten Vater und Onkel der heutigen Geschäftsführer vor mehr als 50 Jahren.

Mitte der 1960er-Jahre brummt das Geschäft – wie überall in Deutschland: Das Wirtschaftswunder läuft auf vollen Touren, der Arbeitsmarkt ist leer gefegt. Menrad begibt sich auf die Suche nach Alternativen, wird zunächst in Irland fündig, wo die erste internationale Fabrik entsteht - in einer Branche, die damals voll auf das Label „Made in Germany“ setzt. „Die Optiker mussten von dieser Idee erst überzeugt werden“, erzählt Eberhard Müller-Menrad. Also organisieren die Gmünder immer wieder Kundenreisen auf die grüne Insel.

Doch die damalige politisch brisante Lage zwingt die Firma zur Ausschau nach Alternativen. 1972 wird ein Standort in der Schweiz eröffnet, 1974 dann auf Malta. „Diese Fabrik war viele Jahre lang das Hauptwerk unseres Unternehmens“, erläutert der Geschäftsführer. Parallel internationalisiert Menrad den Vertrieb, in ganz Europa werden Niederlassungen gegründet.

Um die Herstellungskosten weiter zu senken, investiert die Firma hernach kräftig in technische Innovationen, etwa in die Automatisierung oder moderne Schweißroboter. In den 1980er-Jahren setzt Menrad als einer der ersten Brillenhersteller auf Lizenzen von bekannten Marken. Den Anfang macht damals Jaguar, weitere wie Jil Sander oder Joop! folgen. „Joop und Jaguar haben wir noch heute im Portfolio“, erläutert Eberhard Müller-Menrad. Das Lizenzgeschäft bringt Wachstum, doch um die Jahrtausendwende rutscht Menrad in die Krise. „In 125 Jahren Unternehmensgeschichte gibt es auch schwierige Zeiten“, sagen die Geschäftsführer.

Die Werke in Europa werden angesichts des steigenden Kostendrucks in der Branche geschlossen, die Fabrik in China weiter ausgebaut. Ende der 1990er-Jahre gilt das als Risiko, rückblickend ist die Entscheidung goldrichtig: Heute kommen mehr als 80 Prozent aller weltweit produzierten Brillenfassungen aus China. Der Schritt und der Schnitt zahlen sich aus. „Seit 2007 sind wir wieder auf dem Wachstumspfad“, sagt Eberhard Müller-Menrad. 2014 gründet man sogar in Italien eine Niederlassung – quasi „in der Höhle des Löwen“, wie der Geschäftsführer lächelnd anfügt. Immerhin sitzt dort mit Luxottica der größte Brillenhersteller der Welt. Insgesamt betreibt Menrad 15 Standorte weltweit, davon sind 11 eigene Niederlassungen. Vertrieben werden die Brillen heute in mehr als 100 Ländern.

Das vergangene Jahr war jedoch auch für Menrad nicht einfach. „Wir haben jedoch auf die Auswirkungen der Pandemie schnell mit entsprechenden Kostensparmaßnahmen reagiert“, sagt Hermann Müller-Menrad. Die Brüder sehen die Firma aktuell gut aufgestellt, was auch am Gemeinschaftsunternehmen Mondottica liegt, an dem Menrad als Gesellschafter beteiligt ist. Mit dem Unternehmen und den Marken Pepe Jeans, Benetton, Hackett oder Ted Baker will Menrad vor allem jüngere Zielgruppen ansprechen. „Durch die Investition in Mondottica schaffen wir eine wichtige Grundlage, um am Markt weiter relevant zu bleiben“, sagt Eberhard Müller-Menrad. „Die ersten 125 Jahre haben wir jetzt geschafft, jetzt kommen die nächsten 125.“

Die Geschäftsführer von Menrad: Eberhard Müller-Menrad (links) und Hermann Müller-Menrad..

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