Mit den Goldenen Zwanzigern gegen die Pandemie glänzen

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Die Künstlerin Marita Kraus hat einen Bilderzyklus geschaffen, der auch den Bogen zwischen Gestern und Heute schlägt.

Glamour statt Tristesse. Die Ausschnitte tief, die Arme nackt, die Perlenketten lang, die Kleider und Haare kürzer als je zuvor. "Ich sehe Kunst als eine Reflexion der Zeit", sagt Marita Kraus, während sie in ihrem Zuhause im lichten Wohnzimmer voller Gemälde und Skulpturen hin und herläuft. In Jeans und weißen Turnschuhen dem Schuhwerk angemessen zügig. "Das tragen wir ja heute", sagt sie, zeigt nach unten und lacht.

Kunst als Reflexion der Zeitumstände. Wer denkt, die Aalener Künstlerin habe sich während der Pandemie diese Auffassung als Motor gewählt, um sich dem Coronavirus zu widmen, liegt aber falsch. Marita Kraus hat sich den letzten Monaten mit ihrer Kunst einer vergangenen Ära verschrieben, die kurz, aber wohl ebenso intensiv wie die heutige war. Einer Ära, die man wohl als extremen Gegenpart zu den Monaten des Innehaltens, Stillstehens, Abwartens betrachten darf: "Die Goldenen Zwanziger", heißt der Gemäldezyklus, in dessen Fokus Marita Kraus vor allem Frauen gerückt hat.

Hundert Jahre ist es her, als diese aus dem Schatten der Männer traten. Mit einem Selbstbewusstsein, dass sich vor allem auch in schillernder Mode etwa einer Coco Chanel und einem extravaganten Lebensstil widerspiegelte. Mit einer Lust an Farbe und am Feiern. "Das liebe ich einfach", sagt Marita Kraus und ihre Augen funkeln dabei wie der Strass an den Stirnbändern der Frauen einer Gesellschaft in den Rängen eines Theaters, das sie gemalt hat. "Theaterpremiere: die Futuristen" heißt es und man wird als Betrachter dadurch selbst zum Darsteller auf einer Bühne. "Surreale Gegenwart. Ein Blick aus der Zukunft in die Vergangenheit trifft einen Blick in die Zukunft aus der Vergangenheit", sagt die Künstlerin dazu. Eine große Arbeit, wie fast alle, Acryl auf zwei Leinwänden, jeweils 100 x 80 cm.

"Ich hatte so ein depressives Gefühl und wurde immer trauriger", erklärt Marita Kraus den Auslöser, der zu diesem Bilderzyklus führte. Ständig nur Nachrichten ohne Hoffnung im ersten Covid-Jahr 2020. Irgendwann blickte sie dann zurück. In dieses Jahrzehnt, das zwischen dem Ersten Weltkrieg und den dunklen Vorboten des zweiten Weltkrieges liegt. Immer mehr tauchte sie ein in diese Welt, wie Marita Kraus erzählt. Wälzte Bücher, sammelte Zeitungsartikel. Gewann ein Bild. "Wenn man den Vergleich zieht, gab es auch damals eine Lebensart, die abrupt endete", sagt sie.

Wenn man den Vergleich zieht, gab es auch damals eine Lebensart, die abrupt endete.

Marita Kraus Künstlerin

"Ohne zu malen, kann ich nicht denken", erklärt sie weiter. Wenn Sie ein Problem erzählt bekomme, setzt sie dies in ihrem Kopf sofort in Bildern um. Die "Goldenen Zwanziger" sind zunächst entstanden. "Form und Farbe", wie die Künstlerin erklärt. Beides darf auf die Leinwand und verschwindet davon wieder, freilich nicht, ohne Neues zu hinterlassen. Marita Kraus arbeitete unter anderem mit Schmirgelpapier, Flex und mit dem Wasserschlauch. Ich male nicht, ich nehme weg", beschreibt sie diesen Prozess. Erst dann Kontur, Mensch, Kleid, Schmuck, Atmosphäre.

Sie vermittelt auch durch Titel der Werke, die Schlagern der damaligen Zeit entnommen sind. "Wenn die Elisabeth nicht so schöne Beine hätt" oder "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt". Das hört und sieht man gerne in Zeiten der kontaktarmen Pandemie. Ein bisschen Glamour statt Tristesse tut gut.

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