Kommentar von Tobias Dambacher

Neue Corona-Verordnung ohne Inzidenz

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Tobias Dambacher
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Über den Druck auf Ungeimpfte und ein fehlendes Schutzkonzept für Schüler.

Ab Montag wird es ungemütlich für Ungeimpfte. Baden-Württemberg vollzieht in seiner neuen Corona-Verordnung, die noch nicht veröffentlicht ist, offenbar eine radikale Abkehr von der Inzidenz als Richtwert für neue Regeln. Ab dem 16. August soll in Innenräumen und bei Veranstaltungen die 3G-Regel gelten. Die genauen Formulierungen der Verordnung sind noch nicht bekannt. Doch es dürfte darauf hinauslaufen, dass Besuche im Restaurant, beim Frisör oder eines Konzerts nur noch für Geimpfte, Genesene oder Getestete möglich sein soll. Für bestimmte größere Veranstaltungen könnte dann sogar ein PCR-Test gefordert sein. Dieser ist mit Preisen vermutlich zwischen 30 bis 50 Euro deutlich teurer als ein Antigen-Schnelltest und muss in einem Labor ausgewertet werden. Gleichzeitig soll es keine Teilnehmergrenzen mehr bei Veranstaltungen geben.

Vor allem soll mit diesen Plänen der Druck auf die ungeimpfte Bevölkerung erhöht werden. Die Landesregierung versucht eine Rückkehr zu einer Art Normalität. Clubs, Diskotheken, Kinos, Theater können wieder so viele Besucher einlassen, wie sie möchten. Ganz egal, welche Inzidenz in einem Landkreis gilt. Wie genau die „neuen Kriterien“ aussehen, die zur Beurteilung der Lage herangezogen werden, ist noch nicht im Detail bekannt. Jedenfalls soll die Auslastung der Intensivbetten eine Rolle spielen.

Zu hoffen ist, dass die Landesregierung dieses Experiment auch bis zum Ende durchdacht hat. Ein paar Fragen gibt es da doch noch. Aktuell ist die offizielle Impfquote vermutlich noch zu niedrig, um einen entspannten Herbst zu erleben. Doch mittlerweile ist auch klar: Wie hoch die Impfquote in Deutschland ist, weiß aktuell niemand so genau. Die Zahlen aus dem Digitalen-Impfquotenmonitoring weichen vor allem in der Altersgruppe der 18- bis 59-Jährigen um 20 (!) Prozent von einer RKI-Befragung ab. Sind es erst die bekannten 59 Prozent? Oder doch schon 79? Oder irgendwo dazwischen? Mal wieder gibt es einen dunklen Fleck in einer wichtigen Kennziffer, um die Krise zu managen.

Dass die vierte Welle aktuell Fahrt aufnimmt, muss tatsächlich nicht viel bedeuten (heute Abend ist die Inzidenz im Ostalbkreis auf 27,4 gestiegen). Über 90 Prozent der Geimpften werden - falls sie sich infizieren und erkranken - keinen schweren Verlauf erleiden. Doch ist die Immunität in Deutschland tatsächlich schon so weit, dass eine Inzidenz von 300, 400 oder noch mehr kein Problem mehr ist? Was in der Debatte aktuell zu kurz kommt, ist die Diskussion über „Long Covid“ - also die Spätfolgen einer Corona-Erkrankung. Häufig berichten auch jene Menschen von Erschöpfung, Müdigkeit und verminderter Leistungsfähigkeit, bei denen die akute Erkrankung gar nicht schwer verlaufen ist. Eine Studie des Infektionszentrums der Uniklinik Köln kommt zu dem Ergebnis, dass etwa 15 Prozent der Corona-Patienten, die einen ambulanten milden Verlauf hatten, nach acht Monaten weiterhin Beschwerden hatten. Auch viele junge Patienten sind betroffen.

Die Öffnungen für Geimpfte können funktionieren. Aber gleichzeitig braucht es ein klares Schutzkonzept für diejenigen, die man derzeit noch relativ ungeschützt ins nächste Schuljahr schickt. Paradox verhält sich hierbei vor allem auch die Aalener Stadtverwaltung. Während man dem - laut Aussage von Bürgermeister Wolfgang Steidle - „sehr gut belüfteten Sitzungssaal“ gleich zwei neue Virenfiltergeräte spendiert, hält man dieses für rund 365 von 585 (angeblich) gut belüftete Klassenräume nicht für nötig. Zumindest für den Sitzungssaal vertraut die Aalener Ratsspitze dann doch nicht ausschließlich der Lüftung. Und für die schlecht belüfteten Klassenräume gibt es einen Vorschlag der Stadtverwaltung über das weitere Vorgehen - im Oktober.

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