Nutztierhaltung: gut für das Klima?

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Kühe auf der Weide: Wiederkäuer sondern das Klimagas Methan ab, das im Pansen eine alkoholische Gärung verhindert. Die würde das Tier vergiften.
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Prof. Dr. Wilhelm Windisch erklärt bei der Fachtagung Rind, warum das Narrativ vom "Klimakiller Kuh" nicht auf wissenschaftlichen Fakten beruht und was Landwirte trotzdem ändern sollten.

Ellwangen

Über 70 Endgeräte waren zugeschaltet, als Helmut Hessenauer, Leiter des Geschäftsbereichs Landwirtschaft am Landratsamt Ostalbkreis, in die Fachtagung Rind einführte, die am Montagabend online stattfand. Dass die Rinderhaltung häufig besonders schlecht wegkommt, wenn in der Öffentlichkeit über Klimaschutz diskutiert wird, entmutige viele Landwirte. Nach dem folgenden Vortrag könnten sie wieder Mut fassen, versprach er.

„Müssen wir ein schlechtes Gewissen haben, dass wir überhaupt noch Rinder halten?“, begann Prof. Dr. Wilhelm Windisch von der Technischen Universität München (TUM), Wissenschaftszentrum Weihenstephan, seinen Vortrag über „Rinderhaltung, Nachhaltigkeit und Umweltschutz: Widerspruch oder Chance für die Zukunft?“. Die Nutztierhalter hätten aktuell Narrative (Darstellungen) mit extrem hoher emotionaler Strahlkraft gegen sich. Die Rede vom „Klimakiller Kuh“ signalisiere: „Je weniger Nutztiere, desto besser für den Menschen“.

Es gebe in solchen Verkürzungen durchaus Aspekte, die man  diskutieren könne.  So werden aktuell drei Viertel des weltweiten Sojaanbaus tatsächlich an Tiere verfüttert. Unbestritten sei auch, dass die landwirtschaftliche Nutzfläche pro Mensch in den nächsten 30 Jahren um ein Drittel sinken werde, auf 1500 Quadratmeter im Jahr 2050. Agrarfläche von der Größe eines Fußballfeldes ernähre derzeit drei, müsse 2050 aber fünf Menschen ernähren.

„Die Verknappung der Agrarfläche wird eine heftige Krise. Da fragt man sich: Können wir uns noch Nutztiere leisten? Die Antwort lautet: Ja, ohne Nutztiere geht es gar nicht“, behauptete Windisch und begann dies mit Argumenten zu belegen.

1. Ein großer Teil der Agrarfläche kann nicht direkt zur Nahrungsmittelerzeugung verwendet werden. „Wir haben in Deutschland alles unterm Pflug, was geht. Das Grünland in den Bergen kann man nicht beackern“, sagte er. Nur durch Beweidung beziehungsweise Verfütterung an Tiere sei aus solchen Flächen für Menschen trotzdem verwertbares Eiweiß zu gewinnen.

2. Der größte Teil der landwirtschaftlichen Biomasse ist nicht essbar. „Wenn wir Getreide erzeugen, fällt Stroh an, wir pflanzen Zwischenkulturen, weltweit ist 70 Prozent der Agrarfläche Grasland.“ Die nicht essbare Biomasse und darin enthaltene Nährstoffe und Spurenelemente müssten aber zurück in den natürlichen Kreislauf. Und das betreffe nicht nur  Pflanzenreste wie Stroh oder Streu, sondern auch Reste der Weiterverarbeitung wie Biertreber und Presskuchen aus der Ölproduktion. „Der Phosphor in der Kleie und Stickstoff im Rapsextraktionsschrot müssen zurück auf die Felder“, sagte Windisch.

Sinnvoller organischer Kreislauf

Nicht essbare Pflanzenreste zu kompostieren und wieder aufs Feld zu geben, auch „vegane Fruchtfolge“ genannt, verursache mehr Emissionen und sei weniger effizient als diese Stoffe an Nutztiere zu verfüttern. Dabei werden zusätzlich Fleisch oder Milch als Nahrungsmittel erzeugt. Die Nährstoffe kommen in Form des anfallenden Düngers auf die Felder zurück, und zwar genau dann, wenn sie die Pflanzen benötigen.

Die Stickstoffeffizienz etwa bei der Milchproduktion sei doppelt so hoch wie bei veganer Fruchtfolge. „Die Kombination von Pflanzenbau und Tierhaltung ist eine Win-Win-Situation“, sagte der Redner.

Der „Carbon-Footprint“

Nutztiere seien wichtig für einen sinnvollen organischen Kreislauf. Allerdings sei nicht zu leugnen, dass in der Landwirtschaft allgemein und besonders in der Nutztierhaltung klimaaktive Gase freiwerden. Man spreche vom „Carbon Footprint“ (klimaschädlicher Ausstoß), der laut gängigen Berechnungen bei der Erzeugung von Rindfleisch besonders hoch sei, bei Geflügel am niedrigsten. Dabei bleibe jedoch unberücksichtigt, dass ein Rind im Gegensatz zu Schwein oder Geflügel überwiegend für Menschen nicht essbare Pflanzen verwertet und somit keine Nahrungskonkurrenz bildet.

Ausstoß von Methan

Die CH4 (Methan)-Belastung durch die Nutztierhaltung betrachtete Windisch genauer. Das Klimagas entsteht im Pansen der Wiederkäuer und das lasse sich auch durch Futterzusätze nicht verändern. Das Methan sei für die Tiere lebensnotwendig, weil es im Vormagen eine alkoholische Gärung verhindert. Die Methanbürde in der Nutztierhaltung lasse sich aber senken, wenn man die Futtereffizienz erhöht, machte der Wissenschaftler deutlich. Das bedeutet: so füttern, dass möglichst wenig verdirbt, die Tiere gesund bleiben und schnell Gewicht zulegen. 

Außerdem werde die Bedeutung von CH4 für die Klimaerwärmung überschätzt, meinte Windisch. „Methan hat eine Halbwertszeit von acht Jahren, zerfällt von allein, ganz anders als CO2, das sich über hunderte von Jahren in der Atmosphäre anreichert.“ Schon jetzt sei der Methanausstoß aus der Haltung von Wiederkäuern in Deutschland rückläufig, das Maximum liege Jahrzehnte zurück.

Zum Ausstoß von Treibhausgas in Deutschland trage die Landwirtschaft acht Prozent bei. Die Hälfte sei Methan, die andere setze sich aus CO2 und Lachgas zusammen. „Wir sind gefordert, etwas dagegen zu unternehmen“, sagte Windisch und er sagte auch was: „Weniger intensiven Ackerbau, weniger mineralische Düngung“.

Der Wissenschaftler verwies auf das große Potenzial der Landwirtschaft als CO2-Senke, etwa wenn Kohlenstoff in Form von Humus im Ackerboden angereichert wird. Dieser Aspekt werde oft von denen unterschlagen, die in der Viehhaltung den „Klimakiller“ sehen.

Schließlich ging Windisch auf das Narrativ ein, nur mit veganen Lebensmitteln könne man eine wachsende Weltbevölkerung ernähren. „Bei der Erzeugung von einem Kilogramm veganer Lebensmittel entstehen mindestens vier Kilogramm nicht essbare Biomasse, aus der aber ein Wiederkäuer verwertbares Eiweiß machen kann“, sagte er. Diese Fähigkeit habe nicht einmal das vielbeschworene Kunstfleisch, das nur auf Nährböden aus hochwertigem Protein wächst und damit ebenfalls in Nahrungskonkurrenz zum Menschen stehe. 

  • Vor- und Nachteile von Ammen in Milchviehbetrieben
  • Im zweiten Vortrag der Fachtagung sprach Michael Weber vom Schlatthof (Waldstetten) über Erfahrungen mit Ammen in der Kälberaufzucht. Weber betreibt einen Milchviehbetrieb mit rund 200 Kühen. Statt der konventionellen Kälberaufzucht in Einzelboxen, wo die Jungtiere die Milch aus dem Eimer saufen, versuchte er sie von älteren Kühen in einer großen Box säugen zu lassen. Im Versuch setzte er auf ältere, auch fußkranke Kühe, die sich auf Stroh in der Ammenrolle erholen sollten. Das sei in einigen Fällen auch gelungen und für die Kälberaufzucht zeigten sich Vorteile: Die Kälber hatten deutlich höhere Tageszunahmen, sie waren vitaler, bedienten sich schneller am Raufutter und Besucher am Hof würdigten den schönen Anblick der Jungtiere, die zeitweise auch Auslauf hatten. Allerdings wurden auch Nachteile deutlich: Nach wenigen Tagen Ammenbox entwickelten die Kälber eine Wildheit und waren kaum noch zu bändigen. Die Gewöhnung an den Menschen sei wichtig, sie gelinge in der Einzelbox am besten. Der Tierarzt von Weber machte deutlich, dass die Aufzucht am Euter der Mutterkuh oder Amme beachtliche Risiken für die Tiergesundheit berge. Mit der Amme sei nicht gesichert, dass ein Kalb ausreichend von der ersten Milch (Kolostrum) bekommt, die für den Aufbau des Immunsystems wichtig ist. Gefahr bestehe außerdem in der Übertragung von bakterieller Paratuberkulose und für eine Euterentzündung der Kuh.

Lesen Sie einen Kommentar zum Thema "Landwirtschaft der Zukunft" von Gerhard Königer.

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