Leben auf der Ostalb

Ohne Klo, Strom und fließendes Wasser: Wohnen in einer Turmhügelburg

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Bernhard Theiss steht vor der Turmhügelburg in Leinroden.
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In Leinroden steht ein Turm aus der Stauferzeit. So lebt es sich in einem Kulturdenkmal aus dem 12. Jahrhundert.

Abtsgmünd-Leinroden. Bis in die Wohnkammer sind es 76 Stufen, ohne Licht. Auf halber Höhe schimmert etwas Tageslicht ins „Treppenhaus“. Ohne Taschenlampe sollte der Aufstieg aber nicht angetreten werden. Oben angekommen, sollte auf keinen Fall die Blase drücken. Dann bleibt nur der Rückweg oder der Nachttopf. Klingt etwas aus der Zeit gefallen? Wer in einer Turmhügelburg aus dem 12. Jahrhundert wohnt, verzichtet zuweilen auf manchen „neumodischen“ Komfort.

Bernhard Theiss steckt den großen Schlüssel ins Schloss und schließt mit zwei kurzen Umdrehungen die massive Tür auf. Der Verleger der Schwäbischen Post und Gmünder Tagespost hat gemeinsam mit seinen Geschwistern in den 80er Jahren die alte Turmhügelburg in Leinroden gekauft. Das „Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung“, drohte damals in die Bedeutungslosigkeit zu rutschen. 1984/85 renovierte Familie Theiss den Turm und sicherte ihn in seinem ursprünglichen Zustand.

Gotische Treppe

76 knarzende Stufen über eine gotische Treppe geht es hinauf in den Wohnturm. Den Wohnturm erkennt auch ein Außenstehender. Die Fassade bilden in 20 Meter Höhe nicht mehr die dicken Steine aus staufischen Buckelquadern, sondern eine verputzte Fläche. Um 1500 entstanden die Räume. Die Tür in eben jenen Wohnturm geht nach oben auf. Ja, richtig gelesen, nach oben. Wie auf einem Dachboden schiebt Theiss die schwere Holztür leicht und mit nur einer Hand nach oben. Das liegt am Gewicht, das an der Tür befestigt ist und ihm beim Öffnen unterstützt.

Vier Zimmer gibt es in etwa 20 Meter Höhe. Zwei Schlafzimmer, eine kleine Küche, die noch arg wie im Mittelalter aussieht und eine Wohnstube. Der Blick ins Leintal ist unglaublich. Theiss‘ sind über Flohmärkte gezogen, haben einen alten Aussteuerschrank gesucht und so manche Dekoration gefunden, die man genau in diesem Turm vermutet. Mittelalterliche Bilder, alte Krüge…, nichts davon ist wertvoll, passt aber in den Turm. Gemütlich ist es da oben. Eine kleine Sitzecke lädt zum Verweilen ein. Strom, fließendes Wasser … alles Fehlanzeige. Und wer gar üppige Herrschaftsräume sucht, sollte in ein Schloss ziehen, aber nicht in eine Turmhügelburg. Spartanisch urig beschreibt den Wohnbereich ganz passend. Ja, hier darf die Seele baumeln, muss sie sogar.

Nur edle Herren

Im Giebel, eine Etage über dem Wohnbereich stehen auch noch einige Betten und ein Biertisch, falls mal Freunde kommen oder die nächste Generation etwas gesellig feiern möchte. Aber Obacht. Zur Toilette geht es, wie gesagt, wieder 76 Stufen runter. Wer sich indes bewusst ist, dass über jene Stufen schon die Herren von Pfahlheim, die Füchse (Herren) von Zipplingen, die Herren von Rechberg und von Woellwarth wandelten, schreitet durchaus mit einer Portion historischer Ehrfurcht durch einen der am besten erhaltenen steinernen Wohntürme aus dem 12./13. Jahrhundert in Baden-Württemberg.

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Eine Toilette gibt es im Turm nicht. Wer oben ist und muss, muss mit dem Topf vorlieb nehmen.
Es gibt auch eine Kochecke mit einem Herd, der mit Feuer auf Temperatur gebracht werden muss.
Der Dachboden im Giebel des Hauses. Hier gibt es auch einige Schlafmöglichkeiten.
Blick aus 30 Metern Höhe aus der guten Stube im Turm.

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