Oratorium für die Pandemie

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Das kleine Oratorium mit begrenzter Besetzung (vier Personen, kleines Orchester, kleiner Chor) ist Ausweg, Alternative in der musiklosen Zeit – nicht nur in Zeiten der Pandemie.

Moderne Welturaufführung von "Abramo" des italienischen Komponisten Torri zum Schluss des Festivals für Alte Musik in Aalen.

Abramo wurde 1731 von Pietro Torri als Oratorium komponiert zur Aufführung, wenn die weltliche Opera vorübergehend aus religiösen Gründen verboten war. Das kleine Oratorium mit begrenzter Besetzung (vier Personen, kleines Orchester, kleiner Chor) war Ausweg, Alternative in der musiklosen Zeit. Ein Werk wie geschaffen für die Pandemie mit all ihren Einschränkungen des kulturellen Lebens.

Robert Crowe, Künstlerischer Leiter des Festivals für Alte Musik (FAMA), hat das Werk aus zwei Handschriften heraus freigelegt und am Sonntag im Ostertag als letztes Stück des FAMA zur Aufführung gebracht. Zwei Stunden währte die Abfolge von Arien und Rezitativen in zwei Akten, die mit je einem Chor beendet werden, die am Sonntag die vier Solosänger und vier Choristen sangen. Sechs Frauen der Ensembles Palestra Musica und Lux et Umbrae bildeten das Orchester, die Gesamtleitung hatte Michael Eberth.

Erzählt wird die Geschichte von Abraham, der unter Protest seiner Frau Sara einem Gottesbefehl Folge leisten will, seinen Sohn Isaak auf dem Altar zu opfern. Vater und Sohn diskutieren die Angelegenheit ausführlich, Abraham ist dabei, zur Tat zu schreiten, da schrillt der Engel dazwischen und bekundet, dass Gott selbstverständlich nicht den Kindsmord, sondern nur prüfen wollte, ob Abraham gehorsam sei.

Das Stück an der Schwelle vom Hochbarock zur Klassik ist ein Hörvergnügen für die geduldig begeisterte Barock-Freundin und den Barock-Freund. Deren Freude an der Musik wurde von den Musizierenden am Sonntag aufs Beste bedient. Mark Adler (Abramo) mit seinem stabilen, in den Tonhöhen gestaltungsfreudigen Tenor; den Isaac gab die Altistin Julia Böhme mit elegantem Auftritt und makellosem Gesang. Annette Fischer zeigte eine herzliche, mütterliche Sara mit einem formidablen Sopran. Und Robert Crowe sang den Part des Engels mit seinem sortenreinen Sopran. Viele mögen den Gottesengel als geschlechtsneutrales Wesen denken, da passt ein männlicher Sopran im grauen Business-Ausfit.

Die fünf Streicherinnen und die Cembalistin sind begleitendes Orchester und mehr, ihr Spiel ist perfekt und selbstbewusst, feiner Wohlklang in allen Lagen. Michael Eberth dirigiert vom Orgelpositiv aus mit umsichtiger Präsenz. Zum Chor der "Freunde und Anhänger Abrahams" gehören die Männerstimmen von Eddie Wolff, Andreas Donner und Linus Weller – und Sandra Röddiger (Sopran), eine Initiatorin des FAMA.

Mit dem Oratorium ging das viertägige Festival 2020 in Aalen zu Ende. Es ist aus der Kult- und Kulturstätte Villa Stützel heraus entstanden, die von Sandra Röddiger und ihrem Ehemann Ralf Kurek eingerichtet und hauptsächlich der Alten Musik gewidmet wurde. Ein schönes Beispiel für modernes Mäzenatentum, eine starke Farbe im württembergischen Kulturleben, eine Freude nicht nur in diesen musikalisch kargen Zeiten.

Rainer Wiese

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