Pille schmeckt Ostalb-Ärzten bitter

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Fast 40 Prozent der Hausärzte im Ostalbkreis sind 60 Jahre und älter. Dies macht Sorgen mit Blick auf die Zukunft der ärztlichen Versorgung.
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Im Landkreis gibt es mehrere Strategien, wie dem Ärztemangel begegnet werden kann. Dass es dabei auch mehr Medizinische Versorgungszentren geben könnte, sehen Ärzte mit Sorge.

Aalen

Es wird immer schwieriger, Ärzte für unseren Raum zu gewinnen" – und so die ärztliche, medizinische und klinische Versorgung im Ostalbkreis sicher zu stellen. Drastisch schilderte Landrat Dr. Joachim Bläse die Situation, in der sich der Landkreis befindet. In einer Klausurtagung im corona-bedingt kleinen Kreis wurden dazu Ideen gesammelt. Der Ausschuss für Soziales und Gesundheit und der Klinikbeirat diskutierten diese am Dienstag, teils kontrovers. Voraus ging eine Bestandsaufnahme.

Die Situation bei den Ärzten mit eigener Praxis, den "niedergelassenen Ärzten": Viele Hausärzte, Internisten und Frauenärzte werden in naher Zukunft Nachfolger für ihre Arztpraxen suchen – oder, wenn sie keine finden, ihre Praxen schließen müssen. Das geht aus einem Papier hervor, das Thomas Schneider, Vorstand Finanzen der Kliniken Ostalb, zusammengestellt hat.

Die Altersstruktur: Ein Blick auf die Altersstruktur bei Ärztinnen und Ärzten verdeutlicht dies. Der Anteil der über 60-Jährigen bei den Hausärzten liegt bei 39 Prozent, bei den Frauenärzten bei 31 Prozent und bei den Internisten bei 36 Prozent. Wegen der insgesamt älter werdenden Gesellschaft werde sich das Problem also zuspitzen. Eine Rolle spiele auch der Wunsch vor allem junger Ärztinnen und Ärzte nach flexibler Arbeitszeit: Sie sind lieber angestellt, suchen Teilzeitjobs und möchten nicht mehr nur "Einzelkämpfer" sein.

Die Regionen: Besonders dramatisch ist die Situation in der Region des "Schwäbischen Waldes", wo ein hausärztlicher Versorgungsgrad von 70,3 Prozent festgestellt wurde. Auch Ellwangen (90,3 Prozent) und das Härtsfeld (95,2 Prozent) sind unterversorgt. Zudem fehlt es an Fachärzten, insbesondere in den ländlichen Bereichen. So gibt es etwa im Raum Rosenstein keinen einzigen Frauenarzt mehr. Und in Bopfingen musste der Landkreis mit einem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) in die Bresche springen, um dort eine frauenärztliche Versorgung zu gewährleisten. Jede Ecke im Ostalbkreis hat ganz unterschiedliche Problemstellungen: Hier geht es darum, einen Nachfolger zu finden für eine Arztpraxis, dort fehlt ein Kinderarzt oder wird ein Ärztehaus gewünscht. "Es gibt keine pauschal übertragbaren Lösungen, und wir dürfen den Ostalbkreis auch nicht isoliert sehen", sagte Landrat Bläse zusammenfassend.

Erste Lösungsansätze gibt es bereits – teils als Ideen, teils schon in der Umsetzungsphase.

In die Räume schauen: Die Akteure der Miniklausurtagung haben als Idee einen Weg skizziert, wie die ganz unterschiedlichen Bedarfe ermittelt werden: Im ersten Schritt seien die Bürgermeister gefragt, um zusammen mit den Ärzten in den Kommunen zu schauen, wie der jeweilige Versorgungsgrad ist: Was gibt es, was fehlt, wo stehen Wechsel an? Dann müssen Teilräume bestimmt werden und zusammen mit den Bürgermeistersprengeln und den Ärzten im Gmünder Raum und im Raum Aalen/Ellwangen abgestimmt werden. In Teilraumkonferenzen sollen dann die Bedarfe und die Ziele festgelegt werden. Am Ende des Prozesses steht ein Konzept, das in den Kreistaggremien zur Entscheidung vorgestellt wird – wohl im April.

Weitere Medizinische Versorgungszentren an den Klinken? Ein Baustein zur Sicherstellung vor allem der fachärztlichen Versorgung soll die MVZ-Strategie der Kliniken Ostalb sein. Zur Umsetzung der MVZ-Strategie wurde im Jahr 2019 ein Tochterunternehmen der Kliniken Ostalb, die MVZ Ostalb Kliniken gGmbH gegründet. Mit dieser gemeinnützigen Gesellschaft können MVZ-Betriebe in den einzelnen Regionen gegründet werden. Hintergrund: Weil immer mehr Facharzt- und Hausarztpraxen im Ostalbkreis mangels Nachfolge vor der Praxisschließung stehen, besteht auch für die Kliniken dringender Handlungsbedarf. Denn über die Ärzte kommen Patienten an die Kliniken. Die Gefahr für die Kliniken, wenn in der Fläche Ärzte fehlen: Patienten, insbesondere aus den Randlagen, wandern ab in Nachbarkreise oder in große Zentren – und das ist für die Kliniken im Ostalbkreis nicht gut. Für die Kliniken Ostalb bestand erstmals Handlungsbedarf bei den gynäkologischen Facharztpraxen Dr. Mickan (Ellwangen) und Dr. Kurz (Bopfingen). Weil es keine Nachfolger für die Praxen gab, wären die Praxen geschlossen worden. In einem ersten Schritt wurden 2019 am Standort Ellwangen ein MVZ und in Bopfingen eine Zweigpraxis davon in Betrieb genommen. Dann folgte das MVZ Westhausen, weil sich auch dort für eine gut etablierte Facharztpraxis keine Nachfolge fand.

Wünsche nach weiteren MVZ: An den Klinikstandorten in Mutlangen und Aalen gibt es offenbar Interesse zur Gründung je eines MVZ in den Fachrichtungen Gynäkologie/Geburtshilfe sowie Innere Medizin. Auch dort fehlen Nachfolger für gut geführte Praxen.

Das Geld: Die Kliniken Ostalb verfolgen laut Vorstand Schneider mit ihrer MVZ-Strategie das Ziel, "sich auf die Facharztpraxen zu konzentrieren, die aufgrund ihres Fachgebietes für die strategische Zielsetzung der Kliniken eine wichtige Rolle spielen und mangels Nachfolgeregelung mittelfristig drohen wegzubrechen". Es gehe nicht darum, Gewinne zu erzielen oder darum, Fachärzten etwas wegzunehmen. Ziel sei immer "die schwarze Null". Auch gebe es keine Querfinanzierungen zwischen Kliniken und MVZ. Es seien jeweils eigenständige Betriebe.

Ärztinnen und Ärzte für den Ostalbkreis gewinnen: Was die Kliniken-Ostalb bereits tun, um Ärztinnen und Ärzte für den Ostalbkreis zu gewinnen, das stellte der Vorstandsvorsitzende der Kliniken Ostalb, Professor Dr. Ulrich Solzbach vor: Es gebe Angebote für angehende Ärzte, bereits während des Studiums Erfahrungen in Lehrpraxen und Kliniken zu sammeln. Zudem verwies er auf den Weiterbildungsverbund: Junge Ärzte können ihre Facharztausbildung zum Allgemeinmediziner in Kliniken und ausgewählten Praxen absolvieren. Solzbach sprach auch Werbeveranstaltungen an Schulen an und regte Stipendien an – etwa vonseiten des Landkreises.

In die Sitzung am Dienstag im Kreistag waren neben den Mitgliedern des Ausschusses für Soziales und Gesundheit und des Verwaltungsrates der Kliniken Ostalb auch Vertreter der Kreisärzteschaft geladen. Zustimmung gab's grundsätzlich für die Vorschläge und ersten Konzeptideen aus der Klausur – vor allem in Bezug auf die geplante Vorgehensweise, beim Thema Arztversorgung in die Raumschaften zu schauen und den jeweiligen Bedarf zu ermitteln.

Zu den Medizinischen Versorgungszentren allerdings wurde kontrovers diskutiert. Die Ärzte befürchten, dass es zu Wettbewerbsverzerrungen kommen könnte, wenn der Kreis über die Kliniken Facharztleistungen in den MVZ anbiete. Dies "konterkariert unsere Bemühungen, Ärzte in der Fläche zu halten", sagte etwas Dr. Sebastian Hock von der Kreisärzteschaft Aalen/Ellwangen. Ein Arzt sei nicht nur ein "Gesundmacher, sondern auch ein Unternehmer". Ein Kollege habe ihm gegenüber gar von einer "Kriegserklärung" der Kliniken an die Ärzteschaft gesprochen. Hocks Kollege, Dr. Erhard Bode von der Schwäbisch Gmünder Kreisärzteschaft, sprach von einer möglichen "Verzerrung". Er habe die Sorge, dass eine klassische Arztpraxis weniger attraktiv werde, wenn es mehr MVZ gebe. "Es geht nicht um Pfründe", sagte er.

Das sah Roland Hamm (Linke) anders: Wenn die Ärzte und der Wettbewerb es nicht schafften, für eine medizinische Versorgung in der Fläche zu sorgen, dann sei eben "die Politik gefordert". Für die CDU-Fraktion betonte Dr. Gunter Bühler, dass es unbestritten sei, dass man MVZ brauche. Sonst würde es, nur als Beispiel, in Bopfingen keinen Frauenarzt mehr geben. Die Zuspitzung, wie sie vonseiten Hocks komme, sei "nicht schön". Schließlich gehe es um den Dialog. Dazu seien die Ärzte eingeladen. Sprecher aller Fraktionen betonten, dass man am Anfang eines Prozesses stehe. "Wir sind getrieben von der Not", sagte Josef Bühler (Freie Wähler). Jetzt gehe es darum, sich zu positionieren, "mit Weitblick, nicht als Getriebene". Ähnlich argumentierten Dr. Carola Merk-Rudolf (SPD) und Volker Grab (Grüne).

In diesem Sinne fasste auch Landrat Dr. Joachim Bläse die Diskussion zusammen, der erklärte, das Thema ärztliche Versorgung werde im "großen Miteinander" angegangen. Dieses Miteinander bewähre sich bereits aktuell in der Corona-Krise, weswegen ihm auch beim Ärztethema "nicht bange" sei. jhs

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