Podcast: Alfred Geisel trinkt ein Glas mit Lars

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Was der Grandseigneur der lokalen Politik über die neue Generation denkt und welche Überschrift ihm damals die BILD verpasste
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Was der Grandseigneur der lokalen Politik über die neue Generation denkt und welche Überschrift ihm damals die BILD verpasste.

Ellwangen. Sein größter politischer Wunsch war nicht ein Ministeramt oder gar die Kanzlerschaft. “Landtagspräsident in Baden-Württemberg wäre ich gerne geworden”, sagt Dr. Alfred Geisel im Podcast “Ein Glas mit Lars”. Der Grandseigneur der Landes-, Kreis- und Kommunalpolitik plaudert mit Chefredakteur Lars Reckermann eine Stunde lang über Politik damals und heute und einen aus dem Ruder gelaufenen Besuch des damaligen Kanzlers Willy Brandt.

Weit war er seinem politischen Ziel nie. Denn schließlich war Dr. Alfred Geisel 16 Jahre lang der Vizepräsident des baden württembergischen Landtages. Bis 1996 hatte er das Amt inne.

Wer dem Podcast zuhört, hört einen politischen Menschen, der mit über 90 Jahren nichts an seiner Analysekraft verloren hat. Er besucht noch immer ab und an den Landtag, seine alte Wirkungsstätte. Dann kommt schon “etwas Heimweh” auf, sagt er.

Carlo Schmidt prägte ihn

Anfang seine Studiums in Tübingen erlebte er Carlo Schmidt. Carlo Schmidt, einen der Väter des Grundgesetzes und des Godesberger Programms der SPD, beschreibt Geisel als eine “prägende Persönlichkeit” für seinen politischen Werdegang.

Als Sozialdemokrat trat er Ende der 60er Jahre ausgerechnet auf der CDU dominierten Ostalb als SPD-Landtagskandidat an. 1972 klappte es dann, er blieb dort 24 Jahre lang. Ein Direktmandat konnte er indes nie holen.

Als er ebenfalls Ende der 60er Jahre in Ellwangen politisch aktiv wurde, spricht er von “vordemokratischen Verhältnissen” auf der Ostalb. Im Gemeinderat saßen damals 18 CDU-Politiker, ein Heimatvertriebener und ein Freier Wähler, “das mussten wir doch ändern”.

Wie hart das Leben für Sozialdemokraten auf der Ostalb sein konnte, erlebte auch der damalige Kanzler Willy Brandt. Er besuchte im Juni 1973 die Marienpflege in Ellwangen und wurde am Bahnhof von Mitgliedern der Jungen Union niedergeschrien. “‘Verräter’ wurde gebrüllt, das war mir so peinlich”, sagt Geisel. Der Bundeskanzler habe gelassen reagiert. “Man konnte zu Brandt stehen, wie man will. Aber allein dem Amtsträger, für den man keine Sympathien braucht, sollte man einen sittsamen Respekt gegenüber aufbringen”, sagt Geisel.

Kontrahent verweigerte Handschlag

So war er als aktiver Politiker, so ist er als passiver Politiker: diplomatisch, versöhnend. Dass ihm damals sein CDU-Kontrahent den Handschlag verweigerte, als Geisel zum ersten Mal in den Landtag einzog, wird er nie vergessen.

Und wie sind die Politiker heute? Zu glatt sind ihm in weiten Teilen die heutigen Politiker. Reibungspunkte, tiefe politische Diskussionen würden oft fehlen. “Wenn sich gestritten wird, geht es gleich ins Persönliche”, sagt Geisel. Das schade dem Ansehen der Politik und den Politikern.

Im Podcast plaudert Geisel über seinen politischen Werdegang, über scharfe Landtagsdebatten und wieso die BILD-Zeitung über ihn die Überschrift gemacht hat: “Geisel schmeißt die Frauen raus.” Er erzählt auch die Geschichte, warum er die Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg zurückgegeben hat. Als die Landesregierung im Rahmen der Stuttgart-21-Proteste die Bürger im Stuttgarter Schlossgarten mit Wasserwerfern regelrecht vom Platz fegte, gab er seine Auszeichnung zurück. Persönlich …, beim Pförtner. Wieso er nicht vom Ministerpräsidenten empfangen wurde, auch darüber spricht der im Podcast.

Wer Geisel übrigens nach seinem Befinden fragt, bekommt inzwischen eine Standardantwort: “In meinem Alter habe ich kein Recht zu klagen”, sagt er dann. Am 23. Juni wird er 91 Jahre alt.

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