Puppen, die vom Frieden künden

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Das historische Dokument gibt Einblick in die Arbeit von Krippenkünstlerin Anna Fehrle in ihrem Atelier in Schwäbisch Gmünd.
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Vor 40 Jahren starb die Schwäbisch Gmünder Künstlerin Anna Fehrle. Sie gilt als Erneuerin der Krippenkunst. Eines ihrer Werke ist derzeit im Gmünder Museum im Prediger zu sehen.

Schwäbisch Gmünd

Krippen im Museum? Im Gmünder Prediger ist das keine Frage. Fehrle-Krippen gehören selbstverständlich zum Bestand. Gemeint ist nicht der Künstler Jakob Wilhelm Fehrle (1884–1974), dem das Museum derzeit eine Ausstellung über seine Pariser Jahre widmet, sondern seine Schwester Anna Fehrle (1892–1981). Eine ihrer Krippen begrüßt derzeit im Eingangsbereich des Museums die Besucher und stimmt sie auf das bevorstehende Weihnachtsfest ein.

Als außergewöhnlich und ausdrucksstark bezeichnen Dr. Martin Pozsgai, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Museum, und die frühere Leiterin des Museums Dr. Monika Boosen die Kastenkrippe, mit der sich Anna Fehrle „modern versucht“ habe. Viele ihrer Figuren sind vom Barock beeinflusst. Bei der 1925 entstandenen Truhenkrippe hat sie sich von der barocken Üppigkeit gelöst: Die Figuren sind schlank und durch eine S-Kurve bewegt. Die Gesichtszüge muten expressionistisch an und sind, wie Pozsgai betont, nicht rückwärtsgewandt.

Gefördert von ihrem acht Jahre älteren Bruder, entdeckte Anna Fehrle früh eine künstlerische Ader in sich und eine Passion für Puppen; bekannt wurde die Blumenbindemeisterin, die einer traditionsreichen Gmünder Gärtnerei entstammt, schließlich als Krippenkünstlerin, deren Arbeiten weit über Deutschland hinaus gefragt waren – in einer Zeit, in der eine freischaffende Künstlerin noch eine Ausnahmeerscheinung war, zollt Pozsgai ihrem selbstbewussten Weg Respekt. Auch wenn sie vom Bruder inspiriert war – ein intensiver Briefaustausch mit Jakob Wilhelm während seiner Pariser Jahre etwa zeugt davon –, habe Anna einen ganz eigenen Stil entwickelt, so Pozsgai weiter.

Ihre Krippen sind ein Gesamtkunstwerk. Anna Fehrle ist nicht nur eine begnadete Holzschnitzerin – zumeist verwendete sie helles Lindenholz –, auch die Textilien sind ihr wichtig. Um gute und authentische Stoffe zu bekommen, hat sich die Künstlerin in Italien auf die Suche gemacht. „Sie kennt die verschwiegenen Lädchen, etwa in Venedig oder auf Sizilien, die noch alte Brokate führen“, schrieb Agnes Herkommer im Jahr 1972 in der Zeitschrift einhorn.

Aus den edlen Stoffen, neben Brokat auch Samt, schuf Anna Fehrle fließende Gewänder, unter denen sich ein Drahtgestell verbirgt, das die Figur zusammenhält und ihr Form gibt. Doch eine Ansammlung von Puppen ergibt noch kein stimmiges Arrangement; bei Anna Fehrle kommt ein tiefes Verständnis für Szene und Komposition hinzu, die zu einer beseelten Gestaltung führt.

Ein Jesuskind mit starkem Gesichtsausdruck

„Kinder haben sie fasziniert“, sagt Boosen und weist darauf hin, dass Anna Fehrle etwa für die Musberger Krippe auch einige Kinder geschaffen hat. Zentral ist das Jesuskind, das in mehreren Szenen dargestellt wird: auf den Armen Simeons im Tempel oder auf der Flucht nach Ägypten. Besonders stark ist der Gesichtsausdruck des Kindes bei der Anbetung durch die Weisen aus dem Morgenland: In Jesu Blick liegt bereits die Vision des Friedensfürsten.

Die Musberger Krippe ist mit 153 Figuren ihr umfangreichstes Werk und entstand zwischen 1934 und 1960 auf Anregung des in Musberg tätigen Pfarrers Fritz Langbein. In 16 Szenen erzählt sie den vollständigen Weihnachtskanon, angefangen mit der Verkündigung des Erzengels Gabriel bis zur Hochzeit zu Kana. Die umfangreiche Krippe ist zwar im Besitz des Evangelischen Oberkirchenrats, befindet sich aber als Dauerleihgabe im Gmünder Museum, das sie fast jedes Jahr ausleiht. Heuer zeigt sie der Heimatverein Buoch bis 27. Februar im Museum im Hirsch. Eine weitere Fehrle-Krippe ist jedes Jahr an Weihnachten in der Gmünder Kirche Peter und Paul zu sehen.

Eng verbunden mit der Musberger Krippe sind die drei Engelfiguren, die erstmalig im Museum zu sehen sind. Sie gehören zwar nicht direkt zur Krippe, schmückten aber, immer wenn sie im Musberger Pfarrhaus ausgestellt wurde, den Tannenbaum. Sie muten wie feiner Barock an, haben aber nichts Puttenhaftes an sich. „Lieblich, aber nicht süßlich“, lobt Boosen die Figuren aus den 1910er-Jahren mit ihren birnenförmigen Kinderköpfchen.

Im Gmünder Museum weiß man die Besonderheit, eine international renommierte Krippenkünstlerin zu beherbergen, zu schätzen. Nicht nur das Gmünder Museum übrigens, viele Fehrle-Krippen befinden sich in Privatbesitz und wurden zum Teil schon an die nächste Generation weitergegeben. Ein Bewusstsein für ihren künstlerischen Wert entwickelt sich allein schon beim Betrachten der heiligen Szene.

einhorn ist eine illustrierte Zeitschrift zur Pflege des Heimatgedankens in Stadt und Kreis Schwäbisch Gmünd und erschien ab 1953. Die Nr. 111 erschien im Jahr 1972. Das Einhorn ist seit dem Mittelalter das Wappentier von Gmünd.

Kinder haben Anna Fehrle fasziniert.“

Dr. Monika Boosen, ehemalige Museumsleiterin
  • Werke der Familie Fehrle im Gmünder Prediger
  • Anna Fehrle wurde am 19. Juni 1892 in Schwäbisch Gmünd geboren. Die Künstlerin starb am 26. März 1981 in ihrer Heimatstadt.
  • Die Truhenkrippe von Anna Fehrle ist 46 cm hoch und 27 cm breit. Sie ist bis Sonntag, 9. Januar 2022, im Eingangsbereich des Museums im Prediger in Schwäbisch Gmünd ausgestellt. Sie kann zu den Öffnungszeiten des Museums besichtigt werden: Dienstag, Mittwoch, Freitag: 14 bis 17 Uhr; Donnerstag: 14 bis 19 Uhr; Samstag, Sonntag und an Feiertagen: 11 bis 17 Uhr.
  • Die Ausstellung „Jakob Wilhelm Fehrles Pariser Jahre“ ist bis 7. August 2022 im Gmünder Museum im Prediger zu sehen. mar/ cow
Lieblich, aber nicht süßlich: Dr. Martin Pozsgai und Dr. Monika Boosen mit frühen Fehrle-Engeln aus den 1910er-Jahren.
Vorweihnachtliches im Prediger
Vorweihnachtliches im Prediger

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