Pure Poesie zeigt dem schönen Schein eine lange Nase

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Freilichtspiele Schwäbisch Hall: Cyrano de Bergerac feiert auf der Treppe Premiere
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Cyrano de Bergerac feiert auf der Treppe Premiere – ohne Mantel aber mit Degen.

Schwäbisch Hall. Die Welt ist ungerecht. Dem einen reicht sein bloßes Antlitz, um zu betören, der andere muss kunstvolle Gedichte zwirbeln, Worte finden und erfinden, Sätze aneinander flechten, so anmutig, dass sie im störrischsten Gegensatz zu seinem groben, überdimensionierten Zinken stehen. Ins Herz der Angebeteten Roxane schafft es Cyrano von Bergerac dennoch, denn wer möchte nicht mit solch Charme, Verve und Wortfeuerwerk angebetet werden. 

Edmont Rostand hat 1897 mit seinem Versdrama einen Beststeller geschrieben, inziwschen vielfach verfilmt und tausendfach inszeniert, nun auch von Max Merker auf der Treppe in Schwäbisch Hall.

Der Plot: Cyrano (Gunter Heun), Haudegen bei den Gascogner Kadetten, aber auch feinsinniger Poet, ist durch eine riesige Nase entstellt. Heimlich liebt er seine schöne Cousine Roxane (Alice Hanimyan). Die aber hat sich in den feschen Kadetten Christian (Maximilian Kraus) verguckt. Der ist zwar schön, aber strohdumm. Weshalb Cyrano dessen Ghostwriter wird, um die Herzensdame zu betören. Was gelingt und im Bund der Ehe endet. Weil aber auch der Graf De Guiche (Henry Arnold) hinter Roxane her war, schickt er aus Rache Cyrano und Christian im Krieg gegen die Spanier in ein Himmelfahrtskommando. Cyrano schreibt Roxane täglich Briefe, unterzeichnet als Christian. Dank der Liebesfeldpost längst nicht mehr dem Äußeren Christians, sondern der Seele seiner Worte verfallen, eilt Roxane ins Schlachtgetümmel, kann den Tod des Geliebten aber nicht verhindern und endet im Kloster - wo Cyrano sie oft besucht, jedoch erst 14 Jahre später, den eigenen Tod bereits vor Augen, das Briefgeheimnis lüftet. So weit, so dramatisch.

Ohne Mantel, aber doch mit Degen - Merker verpasst seinen Helden lieber Fremdenlegionärsuniformen oder im Prolog bonbonpastellfarbene Anzüge. Roxane darf in Lederjacke und Karoröckchen rauchen und zicken: „Das war Sauermilch, ich will Sahne“, kanzelt sie Christian ab, der starrsinnig kurz mal auf seinen Wortakrobaten Cyrano als Souffleur verzichtet hat.

Komödie, Drama, Clowneske, eine Spur Musical - so recht will sich Max Merker nicht entscheiden in den 130 Minuten Treppengewusel. Er packt von allem etwas in seine Inszenierung und streut fantastische Musik drüber. Unglaublich, wozu eine einzige E-Gitarre fähig ist.

Das Bühnenbild bleibt spartanisch, ein paar Stühle, ein Flügel, ein niedlicher Citroen - dies alles überragt vom kreisrunden, illuminierten Vollmond, unter dem sich die Wirrungen ereignen. Kann man so machen, will man den Blick auf das Gesprochene richten. Und bei der Qualität von Rostands Vorlage ist das kein Manko. Überhaupt ist das Stück dann am stärksten, wenn es dicht am Originaltext bleibt.

Nicht nur die Hauptdarsteller, das gesamte Ensemble überzeugt durchweg. Es spielt gekonnt und mit Verve, meistert die bisweilen klamaukhaften Umwege zur Handlung, wie auch die Quintessenz des Stückes selbst gekonnt. Verdienter Applaus - auch ohne ganz großes Happyend.

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