Gastkommentar Von Dr. Manfred Wiedemann

Quo vadis Medizin in Deutschland? Quo vadis Medizin im Ostalbkreis?

+
Manfred Wiedemann

Dr. Wiedemann ist der ehemalige Ärztliche Direktor am Stauferklinikum und immer noch in den Kliniken und in der Praxis tätig.

Man muss die Situation von innen und von außen betrachten. Und nicht aus der Sicht ökonomischer Berater, sondern von den Menschen her denken. Von den Menschen her, die etwas brauchen und etwas erwarten und immer mehr auch von den Menschen auf der anderen Seite, die etwas erbringen, etwas tun, etwas leisten, etwas aus innerem Antrieb tun wollen, tun müssen. Man muss sie auch nicht aus heutiger Sicht betrachten und auch nicht aus der Perspektive von Abläufen, die Geld generieren.

Auch nicht aus der Sicht von praxisfernen Menschen, die schwarze Nullen fordern oder denen, die erbrachte Leistungen aufrechnen und mit dem Geld derer bezahlen, die leiden, krank sind, einen Unfall haben, ein Krankenhaus oder einen Arzt aufsuchen. Man muss sich ernsthaft fragen, wie die Menschen in diesem Land in Zukunft leben möchten, unter welchen Bedingungen sie medizinisch versorgt sein wollen.

Und dann kommt man zur Analyse der Jetzt-Zeit und zu der Frage, ob die Entwicklungen der vergangenen Jahre im Gesundheitswesen unserem moralischen Kompass folgen. Die Zerstörung der medizinischen Klinikkompetenz in der Fläche. Die totale und einem der am weitesten entwickelten Völker dieser Erde höchst unwürdige Erbsenzählermentalität der Behandlung in Praxen und Kliniken, die jedes vernünftige Gespräch mit einem Patienten untergräbt. Die Unterwerfung der medizinischen Kompetenz und Sinnhaftigkeit, ja des medizinisch Innersten, unter das Diktat von Fallpauschalen und obskurer, zeit- und kraftraubender Dokumentation. Das Schleifen des altruistischen Antriebs im Herzen der Ärzte und Pflegenden, der echte Hingabe, Anteilnahme und Vertrauensbildung erst ermöglicht und damit das Gefühl der Aufgehobenheit eines kranken Menschen in einem würdigen und menschlichen System.

Und diese Entwicklung, diese Abkehr von dem über Generationen aufgebauten Ethos der Ärzte und der Pflegenden, das zentraler Antrieb aller im Gesundheitswesen ist, drinnen und draußen, ist nun immer noch und leider immer wieder die Basis des Denkens und des Handelns der politischen Entscheider, unter denen Keiner sitzt, der Medizin von innen heraus denkt, vom Kopf her, seiner ausgeübten Profession her, seiner lange gewachsenen Einstellung her und von den Strukturen her, in denen er arbeitet und heute immer mehr leidet. Wieso redet keiner von innen heraus darüber? Weil alle es leid sind, weil alle zermürbt sind durch die Frustration der Tage und der grotesken Ansprüche einer medial fehlgeleiteten, überforderten Gesellschaft.

Auch ich wollte mich eigentlich nicht mehr äußern zu dem Thema, an dem wir seit mindestens 30 Jahren leiden, zur totalen krebsartigen Durchdringung der mystischen Medizin mit der Dampfwalze der Ökonomen, auf der die grauen Männer der Versicherungen und ihre Adlaten der Medizinische Dienste sitzen neben den Beratern der Politiker. Aber es muss wohl sein. Die heutige Diskussion im Ostalbkreis um die Zukunft der Krankenhausstruktur ist diesem Land höchst unwürdig und führt in eine groteske futuristische entzauberte Welt der sogenannten absoluten Machbarkeit und absoluten Durchschaubarkeit der medizinischen inneren Abläufe, weg vom Menschen und hin zu Worthülsen wie Erreichbarkeit, Wirtschaftlichkeit, Kostenreduktion, Zentralisierung, Kompetenzbündelung,

Ich fühle mich an Bilder aus sterilen Comics und Science-Fiction Filmen erinnert, wenn ich die mediale Diskussion verfolge. Mir graut vor der Vorstellung, in der Zukunft in einem solchen Zentralhaus versorgt zu werden, in dem nur noch durchgestylte Ärzte nach den immer engeren Normen der Gesellschaften und den vorgegebenen Regeln der Ökonomie und der Versicherungen streng reglementierte und dokumentierbare Abläufe am zahlenden Kunden Patienten abarbeiten. Vor der Vorstellung, dass immer mehr studierte Pflegende immer weniger Pflegenden am leidenden Menschen vorschreiben, was denn wann, in welcher Abfolge, in welcher Dauer und mit welcher professionellen Anteilnahme abzuarbeiten ist. Übrigens sind wir bereits heute nicht weit davon entfernt.

Wollen wir, wollt ihr das wirklich so haben? Wo bleibt der leidende Mensch, seine Bedürfnisse, die Pflege seines schwachen Körpers und seiner schwachen Seele. Die heutigen Strukturen, in denen Menschen im System arbeiten, sind krank. Bevor wir viele Millionen in die Hand nehmen, sollten wir uns höchst dringend genau darum kümmern. Und nicht darum, wo und wie ein solches neues Krankenhaussystem aussehen soll. Eine halbe Milliarde Steuergeld steckt in unseren perfekt aufgerüsteten Kliniken. Es wäre fatal, noch eine Milliarde draufzusetzen und dann keinen mehr zu haben, der in einem solchen Moloch arbeiten möchte. Und nur am Rande: In den heutigen drei Kliniken wären dann keine Gesundheitszentren mehr, denn dafür interessiert sich kein Arzt. Drin säßen die privaten Träger oder die Belegärzte, die dann dem Zentralklinikum trefflich Konkurrenz bieten würden.

Schauen wir auf die große Politik. Ein Umdenken setzt ein. Fallpauschalen werden fallen. Hoffentlich. Wir müssen die Ökonomie aus dem Krankenhaus verbannen. Wir müssen zurück zum Menschen auf beiden Seiten. Und dann brauchen wir kein Zentralklinikum mehr.

Der Artikel ist, wie in der gedrängten Form nicht anders möglich, hart, plakativ, aufrüttelnd, nicht immer fair, aber er muss sein. Vieles muss man viel komplexer diskutieren, natürlich. Aber glaubt mir, er ist ehrlich. Wir im System leiden, viel mehr, als es die Allgemeinheit ahnt. Und wir stehen vor einem inneren, numerischen, aber vor allem moralischen Kollaps. Und die Diskussion im Ostalbkreis um den Standort wird dies rapide beschleunigen. Und: Menschen ganzheitlich heilen geht nur mit Menschen, die die Kraft und die innere Freude haben, dies auch tun zu können und zu wollen.

Dr. Manfred Wiedemann, ehemaliger Ärztlicher Direktor am Stauferklinikum und immer noch in den Kliniken und in der Praxis tätig, ist ein profunder Kenner der Situation im Gesundheitswesen und hat sich vor kurzem mit einem kritischen Buch zu dem Thema positioniert.

Zurück zur Übersicht: Ostalbkreis

Mehr zum Thema

Kommentare