Radioaktivität auch später messbar

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Wie Redakteur Wolfgang Fischer vom Messexperten nach dem Reaktorunglück zum Milchexperten wurde.

Du hast nach der Reaktorkatastrophe die Radioaktivität in der Milch gemessen? Wie kam es dazu?

Wolfgang Fischer: Die Unsicherheit in der Bevölkerung war groß, als im Winter 86/87 bekannt wurde, dass die radioaktive Belastung der Milch wieder anstieg. Die Leute wussten nicht, ob sie dieses Lebensmittel noch zu sich nehmen sollten. Und wenn ja, welche Marke. So kam mir die Idee, die Radioaktivität handelsüblicher Milch messen zu lassen. Dafür hatten wir Experten vor Ort: Die Messstelle für Radioaktivität an der Fachhochschule Aalen prüfte auch im Auftrag des baden-württembergischen Ernährungsministeriums – aber nur Milch aus der Region. Unsere Zeitung gab deshalb die Messung von Milch aus Aalener Supermärkten, aber auch Bio-Läden in Auftrag, die zum Teil aus anderen Regionen kam. Der damalige Leiter der Messstelle, Wolfgang Schulz, war begeistert von unserem Anliegen.

Weshalb stieg die Belastung der Milch Monate nach dem Reaktorunfall wieder an?

Das konnte Schulz sehr nachvollziehbar erklären: Die Kühe bekamen damals als Winterfutter das Heu, das als Gras auf den Wiesen gestanden hatte, als der radioaktive Niederschlag kam.

Was kam beim Messen heraus?

Erstaunliches. Schon bei der ersten Messreihe schwankten die Werte zwischen 6 und 31 Becquerel je Liter Milch. Einen Grenzwert gab es nicht, aber das Ernährungsministerium hatte festgelegt, dass die Molkereien Maßnahmen ergreifen sollten, wenn die Belastung 20 Becquerel übersteigt. Drei unserer ersten acht Proben lagen über diesem Wert. Wir wiederholten die Messungen etwa alle zehn Tage, da schwankten die Ergebnisse einzelner Marken teils deutlich.

Wie bist Du selbst mit belasteten Lebensmitteln umgegangen?

Man lernt in solchen Recherchen, zum Beispiel über die natürliche Radioaktivität in Lebensmitteln. Aber von leckeren Sachen wie Pilzen oder Wild hab' ich damals die Finger gelassen.

Wenn Du heute an die Tschernobyl-Katastrophe denkst: Was bleibt die prägendste Erinnerung? Was wirkt bis heute nach?

Dass uns der Reaktor-Unfall in der Ukraine zuerst furchtbar weit weg erschien. Und dass es so ein „weit weg“ wohl nicht gibt, zumal in der globalisierten Welt.dot

Wolfgang
Fischer

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