Schwäbische Hüttenwerke: Die Geburtstagskarte aus Eisenguss

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20 000 Objekte zählen zur Sammlung in Wasseralfingen. Rolf-Dieter Blumer, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Landesamts für Denkmalschutz, ist mit der Katalogisierung beschäftigt.
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Die Sammlung der Schwäbischen Hüttenwerke gibt Aufschluss über die Entwicklung der Eisenverarbeitung in der Region. Zisterzienser als Pioniere.

Aalen-Wasseralfingen/Königsbronn. Rauchende Schlote vor der Kulisse einer Industriearchitektur, künstlerisch gestaltete Glückwunschschreiben zum Geburtstag von „Herrn Krupp von Bohlen“ oder „Herrn Robert Bosch“, das erscheint auf den ersten Blick nicht aufregend. Das ändert sich, wenn man die Originale sieht. Keine Gemälde, keine gedruckten Karten, sondern Eisenplatten ganz besonderer Art, aufwendig hergestellt für ganz besondere Zwecke. Und das steckt dahinter:

Der wirtschaftliche Wohlstand in der Region hat einen geschichtlichen Hintergrund und der liegt mehr als 500 Jahre zurück. Die Eisengewinnung und Eisenverarbeitung strahlt nach Einschätzung von Rolf-Dieter Blumer, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Landesamts für Denkmalschutz, bis ins 21. Jahrhundert aus.

"Die größte Ofenplatten-Sammlung in Deutschland.“

Viele der heute bekannten Unternehmen rund um Aalen sind aus der Eisentradition hervorgegangen. Die Dokumente aus den vergangenen Jahrhunderten zu sichern, sie der Wissenschaft und interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, daran arbeitet Rolf-Dieter Blumer auch nach seiner aktiven Laufbahn im Landesamt für Denkmalschutz. Sein Ziel: Die heute dem Land Baden-Württemberg gehörende Sammlung von vielleicht 20 000 Kunstgussobjekte aus der Tradition der Schwäbischen Hüttenwerke in Wasseralfingen zu erfassen, zu sichern und damit auch die Grundlage für eine Präsentation des kulturellen Schatzes schaffen.

Forschung leichteren Zugang ermöglichen

Ergebnisse könnten dann im Internet abrufbar sein, auch der Forschung einen leichteren Zugang ermöglichen. „Schließlich“, so sagt der Denkmalschützer, „handelt es sich um die größte Ofenplattensammlung in Deutschland“. Rolf-Dieter Blumer kennt die Objekte seit 30 Jahren, jetzt findet er Zeit, sich intensiv damit zu beschäftigen. Jedes Stück nimmt er dazu in die Hand, es wird vermessen, historisch eingeordnet und katalogisiert. „Das ist bis jetzt nie vollständig passiert, in den 1930er und 1970er-Jahren wurde schon damit begonnen, aber nie vollständig erledigt.“

Das ist nicht gerade Büroarbeit. Die Gussteile lassen sich nicht wie Papier in einem Ordner verstauen. Rasch sind die Hände schwarz, weil die Oberflächen der Objekte natürlich nicht blank poliert sind. Hinter manchen Arbeiten stecken auch Anektdoten, vor allem bei den Büsten bekannter Persönlichkeiten aus der Politik, aber auch aus der Region.

Blick in die Geschichte

Beachtlichen Einfluss auf die Entwicklung in der Region hatte der Orden der Zisterzienser, sie waren Pioniere des Bergbaus und der Verhüttung. Im Jahr 1303 stiftete König Albrecht I. deren Kloster in Königsbronn, welches ausgestattet mit entsprechenden Rechten zu Eisengewinnung und -vertrieb maßgeblich zum technologisch innovativen Ausbau der Erzverarbeitung in der Region beitrug. Der wirtschaftlichen Verflechtung des Ordens mit dem östlichen Neckar-Alb-Kreis dienten Pfleghöfe in Reutlingen und Schwäbisch Gmünd durch den Vertrieb von Eisen als Rohstoff.

Die arbeitsaufwendige, handwerkliche Weiterverarbeitung des verhütteten Eisens durch Schmiede wurde Handwerksbetrieben vorrangig in diesen Städten überlassen. In Gmünd spielte sich die Eisenverarbeitung in der „Schmalzgrube“ ab, dort entstanden vor allem Schneidewerkzeuge, von der Sense bis zur Federschere. Der Fortschritt liegt im 16. Jahrhundert. Bis dahin war Eisen nur in zähen Klumpen zu bearbeiten. Neue Schachtöfen und „Windmaschinen“ ermöglichten die Verarbeitung zu gießbarem Eisen.

Für die großen Luftmengen wurden wasserbetriebene Blasebälge gebaut. Dies begünstigte die wasserreiche Region um Königsbronn, Wasseralfingen, Abtsgmünd und Heidenheim. Die Entwicklung des Eisenkunstgusses verlief parallel zu derjenigen klassischer Kunstgattungen. Während zu Beginn des Eisenkunstgusses zur Herstellung der Model Vorlagen bekannter Künstler verwendet wurden, entwickelten die Schnitzer zunehmend eine eigene Bildsprache. Württembergische und schwäbische Hüttenwerke nutzten vor allem Werke von Nürnberger und Augsburger Künstlern wie zum Beispiel Georg Pencz oder Hans Holbein d. Ä. als Vorlage.

Herstellung erstmals im 16. Jahrhundert nachgewiesen

Die Herstellung von eisernen Öfen in Schwaben wurde zum ersten Mal im 16. Jahrhundert nachgewiesen. Durch die beschränkten technischen Möglichkeiten des Eisengusses zu dieser Zeit, die lediglich Güsse in flachen Sandbetten zuließen, wurden aus mehreren Platten kastenförmige Öfen zusammengesetzt. Als Motive waren in der Renaissance im religiösen Württemberg biblische Motive und christliche Tugenden nach Vorlage protestantischer Bilderbibeln beliebt.

Die stilistische Weiterentwicklung des Eisengusses setzt sich im 18. Jahrhundert fort und zeigt sich am deutlichsten an der Darstellung von Wappen. Zu sehen auch das Wappen des württembergischen Herzogs Karl Eugen aus dem Jahr 1784 . Der vierfeldrige Schild setzt sich aus den vier Wappen der wichtigsten Gebiete und Geschlechter des damaligen Herzogtums Württemberg zusammen: den Rauten der Herren von Teck, der Reichssturmfahne für die Stadt Markgröningen, den Fischen der Grafschaft Mömpelgard und dem Heiden für die Stadt Heidenheim. Mittig davor ist der Schild mit den drei württembergischen Hirschstangen zu sehen. Die Herstellung von Wappenplatten fand vorrangig in Wasseralfingen statt.

Produktion nimmt ab

Zum Ende des 18. Jahrhundert nahm die Produktion von Ofenplatten mit szenischen Darstellungen stark ab. Stattdessen war diese Zeit von ornamentalen Zierplatten geprägt. Zwei repräsentative Beispiele befinden sich mit den in Folge genannten Platten in der Wasseralfinger Sammlung. Die erste zeigt das Profil Franziskas, Reichsgräfin von Hohenheim. Das zweite Motiv präsentiert eine Flammenvase.

Mit der ausgehenden Epoche begann 1823 die Schaffensphase des Bildhauers Georg Conrad Weitbrecht als Modelmacher der Gießerei Wasseralfingen. Nach anfänglich klassizistischen Motiven wandelte sich seine Bildsprache allmählich zu romantisierten Szenen des alltäglichen Lebens. Unter seinen Schülern tat sich besonders Christian Plock hervor, welcher später selbst für Wasseralfingen tätig werden sollte.

Technisch wurde dessen Werk von seinem Meister geprägt, stilistisch entwickelte er jedoch eigene Bildmotive, die eine realistischere Darstellung des Alltags zeigten. Auf die Beliebtheit seiner Motive weist deren langjähriges Angebot in den Wasseralfinger Ofenkatalogen hin.

Mit fortschreitender Industrialisierung und vor dem Hintergrund steigender Produktionskosten wurde der aufwändige Herstellungsprozess der Ofenplatten unwirtschaftlich. Dennoch blieb der Kunstguss als kleines Nischenprodukt der Wasseralfinger Gießerei erhalten, bis zur Jahrtausendwende wurden die Klassiker des Programms, die Entwürfe von Weitbrecht und Plock, nachgegossen und vertrieben.

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