Sie hat jeden Stein genau im Blick

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Adelheid Maria Weber ist die Leiterin der Münsterbauhütte in Schwäbisch Gmünd.

Adelheid Maria Weber ist die Leiterin der Münsterbauhütte in Schwäbisch Gmünd. An diesem Sonntag ist "Tag der offenen Bauhütte".

Schwäbisch Gmünd

So manche 70er-Jahre-Bauten sind nach wenigen Jahrzehnten schon wieder aus dem Stadtbild verschwunden. Ganz anders bei Sakralbauten wie dem Heilig-Kreuz-Münster in Schwäbisch Gmünd. Da ziehen die Jahrhunderte scheinbar spurlos vorüber. Aber wirklich nur scheinbar, denn der Erhalt des Parler-Bauwerks ist harte Arbeit. Seit Jahrhunderten begleitet die Münster-Bauhütte das gotische Prachtstück, nach wenigen "gerüstfreien" Jahren hat jetzt eine neue Sanierungsphase begonnen. Unter der Leitung von Münsterarchitekt Paul Waldenmaier und Adelheid Maria Weber, seit Februar neue Chefin der Münsterbauhütte mit ihrem vierköpfigen Team.

Mit ihr wird die Münsterbauhütte internationaler. Adelheid Maria Weber bringt Erfahrungen von vielen europäischen Baustellen mit, war vor allem in Frankreich, England und der Schweiz unterwegs, aber auch in Spanien, Italien und Ungarn. Sie hat an der Birmingham Town Hall ebenso gearbeitet wie an Notre-Dame oder am Freiburger Münster.

Doch der Reihe nach: Wenn Adelheid Maria Weber in der Werkstatt der Münsterbauhütte einen frisch gelieferten Steinquader mit dem Meißel bearbeitet, dem Stück durch die Scharierung das handwerkliche Muster aufdrückt, denkt sie auch mal zurück an die Anfänge: In Eislingen absolviert sie ihre Ausbildung.

Es folgen prägende Jahre. Adelheid Maria Weber geht auf Wanderschaft. Dreieinhalb Jahre ist sie unterwegs, "ohne Besitz und mit einer ‚Bannmeile‘ von 50 Kilometern um die Heimat". Zunächst arbeitet sie in Bauhütten in Regensburg und am Dom in Speyer. Dort warten erste große Herausforderungen. "In Regensburg habe ich meine erste Kreuzblume aus Stein gehauen", erinnert sie sich. Besonders angetan hat es ihr Frankreich. Mit den Arbeiten an der Kathedrale von Chartres südlich von Paris betritt Adelheid Maria Weber Neuland. "Bauhütten wie wir sie kennen, gibt es dort nicht." Da sind Bildhauer-Werkstätten zugange, die auch untereinander in Konkurrenz stehen. Aber die französischen Steinbildhauer beeindrucken sie. Sie erweitert ihren Erfahrungsschatz in Sachen Bildhauerkunst, Steinrestaurierung und Steinkonservierung. Wichtige Erkenntnisse, die sich jetzt auch beim Einsatz am Gmünder Münster bemerkbar machen. "Wir versuchen heute so viel historische Originalsubstanz wie möglich zu erhalten, restaurieren und konservieren statt durch Neuteile zu ersetzen."

Weiteres Rüstzeug nimmt sie von der Meisterschule in Freiburg mit, die sie zu Arbeiten am dortigen Münster führt. "Unter ganz anderen zeitlichen Voraussetzungen als im Alltag", sagt Adelheid Maria Weber. "Im Beruf wird dreimal so schnell gearbeitet", sonst könne man die Aufgaben gar nicht erfüllen. Sie nimmt weiter die Erfahrungen aus einer Restauratorenschule im Fichtelgebirge mit, um sich dann wieder der Heimat zu nähern.

Das ist jetzt meine Hauskathedrale.

Adelheid Maria Weber Chefin der Münsterbauhütte

In einem Restaurierungsbetrieb in Nördlingen hat die inzwischen "staatlich geprüfte Restauratorin im Steinbildhauer-Handwerk" erste Kontakte mit Schwäbisch Gmünd. "Wir haben dort unter anderem für St. Leonhard, am Mutterhaus der Schwestern von Untermarchtal in der Bocksgasse, am Fünfknopfturm, an der Brücke beim Stadtgarten und der Wallfahrtskirche Rechberg gearbeitet". Ihre Liebe gilt aber schon immer gotischen Bauwerken.

Dann wird in Gmünd eine Stelle frei. Adelheid Maria Weber kann es zunächst kaum glauben, denn solche Positionen sind rar am Markt. Seit Februar leitet sie die Münsterbauhütte und hat ihre Lebensaufgabe gefunden. "Das ist jetzt meine Hauskathedrale", sagt sie und freut sich, dass sie den Parler-Bau über eine längere Zeit beobachten, dass sie hier nachhaltig arbeiten kann. Bei den weiteren Bauabschnitten der gerade begonnenen neuen Restaurierungsphase wird sie Schwerpunkte setzen. Die richten sich auch nach der Dringlichkeit.

Drei Tage lang hat sie mit dem Hubsteiger rund ums Münster den Blick auf Schäden gerichtet, so lange "bis die Augen müde wurden". Dabei wird ihr auch klar, "dass die Überraschungen nie ausgehen werden". Adelheid Maria Weber schätzt aber auch Planbares. Neue Technologien sollen helfen, effektiver zu arbeiten, aber "es wird immer eine handwerkliche Arbeit bleiben".

Am Sonntag Tag der offenen Bauhütte

Tag der offenen Bauhütte der Münster-Bauhütte: am Sonntag, 13. September von 13 bis 17 Uhr.

Das Heilig-Kreuz-Münster in Schwäbisch Gmünd ist ein ab zirka 1310 als Stadtpfarrkirche errichteter gotischer Kirchenbau mit Hallenumgangschor. Das Münster ist kunsthistorisch bedeutend als Ausgangswerk der Baumeisterfamilie Parler und als erste große Hallenkirche Süddeutschlands.

Ursprünglich hatte das Münster zwei romanische Türme von der Vorgängerkirche. Sie stürzten in der Karfreitagnacht 1497 ein. Wahrscheinlicher Grund dafür war die Entfernung der Chorzwischenwand, die die Türme verband und stützte, jedoch die Sicht in den offenen Chorraum versperrte.

Die Münsterbauhütte ist nur wenige Meter vom Kirchenbau entfernt und arbeitet in einem Gebäude aus dem frühen 19. Jahrhundert, dem eine Werkstatt angegeliedert ist. Vor 1826 stand an der Stelle schon ein ‚Steinhauerhäuslein‘, wie Richard Strobel im Werk "Kunstdenkmäler" beschreibt.

Die Fachleute der Münsterbauhütte kümmern sich auch um die Salvatorkirche, die Dreifaltigkeitskapelle, St. Katharina, St. Josef, die Johanniskirche und St. Leonhard. Derzeit zählen auch Arbeiten am Gemeindezentrum Franziskaner dazu.

1975 begann eine lange Restaurierungsphase, ausgelöst durch herabfallende Teile des Deckengewölbes. Die Kirche wurde kurzzeitig gesperrt. Erst 30 Jahre später steht das Münster wieder ohne Gerüste da. Die aktuell begonnene Sanierung soll zehn Jahre dauern, zurzeit wird am Chor und am Westportal sowie am Heiligen Grab im Innern gearbeitet. kust

Das Werkzeug hat sich in Jahrhunderten wenig geändert.
Die Münsterbauhütte hat Tradition in Schwäbisch Gmünd.
Die Münsterbauhütte am östlichen Münsterplatz ist ein stattlicher Bau aus dem 19. Jahrhundert.
Scharrieren steht am Anfang der Steinbearbeitung.

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