So geht auf der Ostalb Versorgung bei Ärztemangel

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Auf dem Podium in der Cafeteria des Berufsschulzentrums in Aalen (v.l.) Professor Dr. Dieter Ahrens (Hochschule Aalen), Leonie Schönsee, Diana Kiemel (beide Landratsamt), Dr. Alexander Stütz, Dr. Bertold Schuler (beide Allgemeinärzte), Dr. Jürgen Wacker, Dr. Walter Hauf (beide Fachärzte), Dr. Karsten Gnauert (Chefarzt, Gynäkologie) und Landrat Dr. Joachim Bläse.
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Die Situation bei Haus- und Fachärzten spitzt sich weiter zu. Welche Strukturen nötig sind und was dagegen getan wird? Das war Thema bei der kommunalen Gesundheitskonferenz 2022 im Berufsschulzentrum in Aalen.

Aalen

Die Gesellschaft – und damit auch der ländlich strukturierte Ostalbkreis – steht bekanntlich vor einer großen Herausforderung bei der flächendeckenden Versorgung im ärztlichen Bereich. Die Wege für Patientinnen und Patienten werden weiter, die Wartezeiten für Arzttermine länger. „Wo finde ich einen Facharzt?“, stellte Landrat Dr. Joachim Bläse bei seiner Einführung in die „öffentlichen kommunalen Gesundheitskonferenz“ in der Cafeteria des Berufsschulzentrums in Aalen die Frage vor dem Hintergrund eines sich weiter zuspitzenden Ärztemangels. Unter dem Titel „Gesundheitsversorgung der Zukunft“ thematisierten die Referenten anschließend Probleme, Herausforderungen und Lösungsansätze, wie künftig eine wohnortnahe und qualitativ hochwertige Versorgung gelingen kann.

Die Lage bei den Hausärzten

Den Auftakt machen Dr. Bertold Schuler und Dr. Alexander Stütz. Die beiden Gmünder Ärzte beleuchten die aktuelle Lage im hausärztlichen Bereich. Stütz nennt Zahlen. In Deutschland könnten in den nächsten Jahren 11 000 Hausarztstellen nicht besetzt werden. Gründe für die drohende Versorgungslücke sieht er im demografischen Wandel und damit in der Altersstruktur der aktuell noch praktizierenden Hausärzte. Gleichzeitig fehle der medizinische Nachwuchs. Der Facharzt für Allgemeinmedizin spricht von insgesamt 110 000 Studierenden in Deutschland davon seien 62 Prozent weiblich. Damit einher gehe die berufliche Orientierung der nachwachsenden Ärztegeneration. Im Zuge der Work-Life-Balance sinke die Zahl derer, die Vollzeit arbeiten wollen. Und in der Beliebtheitsskala rangiere der Hausarzt weit hinter den anderen Fachärzten. Zudem sinke die Bereitschaft zur Selbstständigkeit.

Beispielhafte Lösungen

„Der Schwäbische Wald hat nach Pfullendorf die schlechteste Hausarztversorgung landesweit“, sagt Dr. Bertold Schuler. In seinem Referat legt er den Fokus auf Zahlen im Ostalbkreis. Er erinnert an die „Ärzteschwemme“ in den 1990er Jahren und an die Konsequenz daraus, Zulassungen zu reglementieren. Im Kreis seien von 496 Ärzten 191 Hausärzte. Infolge der Altersstruktur gehen in den nächsten zehn Jahren viele der Hausärzte in Ruhestand“, so der Facharzt für Innere Medizin. Dann verschärfe sich die Situation weiter. Beispiele für Lösungen zeigt Schuler mit dem Pilotprojekt der hausärztlichen Genossenschaft im Schwäbischen Wald sowie dem Medizinischen Versorgungszentrum in Westhausen auf.

Facharzt - ein Beruf mit Zukunft?

Was niedergelassene Fachärzte, wie Orthopäden von denen in Kliniken unterscheiden? „Sie sind flexibler und anpassungsfähiger, sind effektiv, kostengünstig, und persönlich“, sagt Dr. Jürgen Wacker. Der Gmünder Orthopäde nennt als Beispiel die Impfungen während der Pandemie durch Fachärzte. Es gelte die Mangellage zu entschärfen. „Wir sind uns einig, dass sich etwas ändern muss“, stellt Wacker fest und nennt die aktuellen Rahmenbedingungen. Er spricht von höheren Anforderungen, von Dokumentationspflicht und von Datenschutz, der wächst; und davon, dass die Politik Vergütungen kürzt, statt sie zu stärken. Wacker fordert bessere regionale Voraussetzungen, eine bessere Verzahnung von Hausärzten und Kliniken, neue Strukturen und Zusammenschlüsse – unter ärztlicher Hand und nicht unter Investoren, dem Staat oder Krankenhäusern. „Dann hat der Beruf als selbstständiger Facharzt auch eine Zukunft“, ist er sich sicher.

Ein Netzwerk, das trägt?

24 Fachärztinnen und Fachärzte, acht Praxen für Orthopädie und Unfallchirurgie an drei Standorten in Aalen, Ellwangen und Schwäbisch Gmünd – das ist das Gesundheitsnetz Zukunft. „Das Ziel unseres Vereins ist es, die orthopädisch-unfallchirurgische Versorgung im Kreis zu verbessern, zu erhalten und die Attraktivität des ländlichen Raums zu steigern“, sagt Dr. Walter Hauf. Die Verantwortung sei auf mehrere Köpfe verteilt. Dem Nachwuchs könne man Besonderes bieten, so der Ellwanger Orthopäde, der als Beispiele Urlaubsvertretungen oder Hospitationen in anderen Arztpraxen.

Gemeindeschwester & Co.

Diana Kiemel und Leonie Schönsee vom Gesundheitsamt des Kreises stellen Konzepte der Gesundheitsversorgung, wie das im Schwäbischen Wald, vor. Dazu zählen Patientenlotsinnen, die Ansprechpartner seien für Fälle mit komplexem Versorgungsbedarf. Aber auch das „Community Health Nursing“, bekannt als Gemeindeschwester, die Hausbesuche macht und die Einnahme von Medikamenten überwacht. Ihr Einsatz entlastet die Hausärzte ebenso wie der Physician Assistant, der Arztassistent – ein Studiengang, den es seit diesem Semester an der Aalener Hochschule gibt.

„Sie gehen alle zwei Jahre mit Ihrem Auto zum TÜV“, sagt Chefarzt Dr. Karsten Gnauert herausfordernd. Der Gynäkologe macht deutlich, wie wichtig die Krebsvorsorge ist. Deutschland hinke bei den Zahlen der vielseitigen Vorsorgeuntersuchungen im Vergleich hinter her. „Da ist noch Luft nach oben.“

Ein Defizit in der Gesundheitskompetenz sieht Prof. Dr. Dieter Ahrens. Der Professer für Gesundheitsmanagement an der Hochschule Aalen mahnt, die Bevölkerung zu motivieren und zu befähigen, Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen, zu beurteilen und im Alltag anzuwenden.

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