So kriminell ist der Ostalbkreis

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Viele Rückgänge, aber Anstiege bei Sexualdelikten und Drogenhandel verzeichnet die Polizei im Ostalbkreis. Grafik: ca
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Die Jahresstatistik des Polizeipräsidiums Aalen birgt einige Überraschungen: Rückgänge in fast allen Bereichen aber auch Steigerungen, die dem Polizeipräsidenten Sorgen bereiten.

Aalen

Auf den ersten Blick liest sich die Polizeistatistik für das vergangene Jahr im Ostalbkreis entspannt. Geschlossene Geschäfte, Ausgangssperren und Kontaktbeschränkungen haben zu einem Rückgang der Kriminalität in ganz vielen Bereichen geführt und die Zahl der Gesamtstraftaten im gesamten Bereich des Polizeipräsidiums auf den niedrigsten Wert seit der elektronischen Erfassung im Jahre 2003 gedrückt. Außerdem hat sich Aufklärungsquote um gut drei Prozent auf 62,6 Prozent verbessert – der zweithöchste Stand seit der elektronischen Erfassung.

Im Ostalbkreis sanken die Straftaten um minus 7,6 Prozent auf 11 400 und im Rems-Murr-Kreis um minus 3,3 Prozent auf 18 028. Im Landkreis Schwäbisch Hall nahmen die Straftaten um minus 7,8 Prozent auf 6178 ab.

Neben zahlreichen Rückgängen, unter anderem in den Bereichen Diebstahl, Aggression und Betrug, gibt es auch besorgniserregende Steigerungen.

Die Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung stiegen um fast 21 Prozent auf 640 Fälle. Ausschlaggebend ist hierbei vor allem die Zunahme bei den Vergewaltigungen um fast 42 Prozent, als auch bei der Verbreitung pornografischer Schriften – ein Plus von 77 Prozent.

Kinderpornografie hat stark zugenommen

Den höchsten Anstieg im Präsidiumsbereich verzeichnet dabei der Ostalbkreis mit einer Zunahme von fast 36 Prozent auf 235 Fälle. Mehr als die Hälfte aller Fälle des sexuellen Missbrauchs betreffen Kinder. Hinzu kommt eine Verdopplung der Fälle auf 155, die mit Kinderpornografie zu tun haben.

"Diese Entwicklung bereitet mir große Sorgen", sagt Polizeipräsident Reiner Möller. Während die Polizisten früher einige 100 Megabyte an Daten auswerten mussten, seien es nun mehrere Terabyte – also Millionen von Bildern und Videos, die pro Jahr anfallen. Eine enorme Herausforderung. "Ich rechne mit einer weiteren Steigerung, das ist nicht schön", sagt Möller.

Deshalb gebe es ab März eine eigene Arbeitsgruppe mit zehn Mitarbeitern, die sich ausschließlich um solche Fälle kümmert. "Oft ist ein Mitarbeiter ein Jahr lang allein mit einem Fall beschäftigt, um ihn aufzuarbeiten", verdeutlicht Möller den Aufwand. Werden entsprechende Bilder in WhatsApp-Gruppen geteilt, müsse gegen alle Personen in dieser Gruppe ermittelt werden – statistisch handele es sich dennoch um nur einen Fall.

Polizeiarbeit unter Coronabedingungen

Diese Entwicklung bereitet mir große Sorgen.

Reiner Möller Polizeipräsident über die Entwicklung der Sexualstraftaten

"Corona hat auch unsere Arbeit gravierend verändert", sagt Möller. Auch die internen Abläufe mussten, wie überall, angepasst haben.

Es gebe nun deutlich mehr Telefon- und Videokonferenzen. Viele Aufgaben seien auch weggefallen, zum Beispiel die Absicherung von Fußballspielen. Allerdings seien auch neue Aufgaben hinzugekommen.

Umfangreiche flächendeckende Überwachungs- und Kontrollmaßnahmen, unter anderem zur Einhaltung der Maskentragepflicht, der Quarantänebestimmungen und der maximal zugelassenen Personenanzahl bei Ansammlungen und Veranstaltungen führten nach Feststellungen von Verstößen gegen die Corona-Verordnung auch zu Straftaten gegen das Infektionsschutzgesetz. Das Polizeipräsidium zählt 82 Fälle. Hierbei handelt es sich überwiegend um Verstöße gegen die Corona-Quarantänebestimmungen.

"Insgesamt zeigt ein absoluter Großteil der Menschen Verständnis für die Regeln", bilanziert der Polizeipräsident, der auch selbst die Kontrollaktionen begleitet habe.

Computer- und Internetkriminalität nehmen deutlich zu

Eine Schadenssumme von fast 1,5 Millionen Euro entstand im Präsidiumsbereich durch Computer- und Internetkriminalität – ein Rückgang um fast die Hälfte. Zu Cybercrime gehören betrügerische E-Mails, Erpressung und Fake-Shops. Die Fallzahlen sind um 24 Prozent auf 2522 gestiegen. "Ich rechne mit einer hohen Dunkelziffer", sagt Möller. Viele Opfer von sexueller Erpressung würden das Delikt aus Scham nicht bei der Polizei anzeigen. Die Fälle bei den Sexualdelikten via Internet verdoppelten sich nahezu: sie stiegen auf 161 Fälle auf den höchsten Wert im Fünf-Jahresvergleich. Die Polizei geht davon aus, dass Firmen in einem hohen Maß von Cyberkriminalität betroffen sind.

Weniger Diebstähle aufgrund der Corona-Maßnahmen

Einen maßgeblichen Anteil an der Abnahme der Fallzahlen haben Diebstahlsdelikte. Die umfangreichen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie griffen tief in das Privatleben der Menschen und in das öffentliche Leben ein und führten zu Fallzahlenrückgängen, so die Polizei in ihrem Bericht.

Straftaten im öffentlichen Raum

Rückgang Im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums fanden 2020 insgesamt 44 Prozent aller registrierten Straftaten auf öffentlichen Flächen statt. Abnahmen sind in allen drei Landkreisen zu beobachten. Im Ostalbkreis sank die Anzahl um 8,2 Prozent auf 4704 Fälle, im Rems-Murr-Kreis um 1,5 Prozent auf 8511 Taten. Im Landkreis Schwäbisch Hall ist ein Rückgang von 8,9 Prozent auf 2.531 Fälle zu verzeichnen.

Einsätze Diese öffentlichkeitswirksamen Delikte sollen auch 2021 weiterhin im polizeilichen Fokus bleiben, informiert die Polizei. Dabei sollen im Rahmen von Brennpunkteinsätzen zielgerichtet Einsatzkräfte zur Bekämpfung der Kriminalität sowie zur Stärkung des Sicherheitsgefühls der Bevölkerung eingesetzt werden. Auf Basis einer jeweils maßgeschneiderten Konzeption sollen gezielte Präsenz- und Kontrollmaßnahmen durchgeführt werden, heißt es in dem Bericht.

Sicherheitsgefühl "Straftaten im öffentlichen Raum beeinflussen das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung maßgeblich", sagt Polizeipräsident Reiner Möller. Auch wenn das Polizeipräsidien seit vielen Jahren mit zu den sichersten Polizeipräsidien im Land gehöre, werde die objektiv gute Sicherheitslage in Teilen der Bevölkerung anders wahrgenommen oder bewertet, teilt die Polizei mit. Dazu gehören auch Rauschgiftdelikte, die einen neuen Höchststand erreichten. Mehr als 93 Prozent all dieser Delikte konnte die Polizei 2020 aufklären.

Unfälle, Gewalt gegen Polizisten, Einbrüche

Verkehr Insgesamt wurden 2020 im Präsidiumsbereich 22 557 Verkehrsunfälle durch die Polizei aufgenommen. Dies entspricht einem Rückgang um 16,9 Prozent. Der laut Polizeiangaben überwiegend pandemiebedingte Rückgang der Unfallzahlen betrifft nahezu alle Kraftfahrzeugklassen. Im Ostalbkreis ging die Anzahl der Unfälle um 18,2 Prozent, im Rems-Murr-Kreis um 14,7 Prozent zurück. Im Landkreis Schwäbisch Hall wurde ebenfalls ein starker Rückgang um fast 20 Prozent registriert.

Gewalt Die Gewaltbereitschaft gegen Polizisten ist im Jahr 2020 erstmals gesunken. Trotz des Rückgangs um 5,3 Prozent auf 324 Fälle handelt es sich dennoch um den zweithöchsten Stand im Fünfjahresvergleich. Die weiterhin sehr hohen Fallzahlen dokumentierten die enorme Respektlosigkeit und Aggressionsbereitschaft gegenüber den Beamten, so die Polizei. "Die Statistik zeigt, dass Widerstand und Gewalt gegen Polizeikräfte leider ein Dauerphänomen darstellen", so Polizeipräsident Möller.

Wohnungseinbrüche Der sogenannte Wohnungseinbruchdiebstahl ist auf den niedrigsten Wert seit der Erfassung 2003 gesunken. Die Polizei macht neben der Präventionsarbeit auch das pandemiegeprägte Jahr dafür verantwortlich – viele Menschen blieben zuhause. Mit 313 Fällen und minus 27,5 Prozent liegen die Fallzahlen des Jahres 2020 gegenüber dem Höchststand aus dem Jahr 2014 mit damals 1058 Fällen bei weniger als einem Drittel. Im Ostalbkreis gab es einen Rückgang um 28 auf 115 Einbrüche.

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