Spaltung, Skandal und die Ostalb-Kirche

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Das Kreuz ist in der christlichen Theologie eng mit dem Thema Schuld und Sühne verbunden
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Papst Benedikts Reaktion auf das Missbrauchsgutachten, die Querdenkerszene und fehlendes kirchliches Personal - so wertet Dekan Kloker die Situation.

Aalen

Die gesellschaftliche Spaltung im Zuge der Pandemie und jetzt insbesondere das Gutachten über sexuellen Missbrauch im Erzbistum München und Freising und die damit verbundene anfängliche Falschaussage des emeritierten Papstes Benedikt XVI. waren Themen eines Redaktionsgesprächs mit Dekan Robert Kloker sowie den Dekanatsreferenten Tobias Kriegisch und Romanus Kreilinger.

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. ist im Zusammenhang mit einem Gutachten zum sexuellen Missbrauch in die Schlagzeilen geraten. Was bedeutet das für die Kirche – deutschlandweit und in der Region?

Die Veröffentlichung des Gutachtens zum Umgang mit sexuellem Missbrauch mit Kindern und Jugendlichen im Erzbistum München und Freising hat von neuem für großes Aufsehen und für große Entrüstung in weiten Kreisen der kirchlichen und gesellschaftlichen Öffentlichkeit gesorgt. Das sieht auch der katholische Ostalbdekan Robert Kloker so. „Besonders schwer wiegt – neben der Zahl und der Schwere der Fälle – die Feststellung, dass die Opfer nicht gehört und wahrgenommen wurden und dass neuerlich Straftaten und Täter vertuscht wurden“, urteilt Kloker und fügt an: „Hier zeigt sich einmal mehr, wie steinig der Weg zu einer Läuterung und Erneuerung der katholischen Kirche ist.“ Besonders schwer wiege natürlich auch die Tatsache, dass hochrangige kirchliche Vertreter Versagen und Fehler eingestehen müssten. „Dennoch bleibt einer Kirche, die so sehr um ihre Glaubwürdigkeit ringen muss, meines Erachtens kein anderer Weg übrig, als schonungslose Transparenz und Konsequenz an den Tag zu legen“, bewertet Dekan Kloker die Situation. Nur so sei eine Rückkehr zu Vertrauen und neuer Überzeugungskraft möglich.

Ein „unfehlbarer Papst“ muss sich korrigieren Als besonders schmerzlich wertet Dekan Robert Kloker die Tatsache, dass mit Papst Benedikt XVI. das ehemalige Oberhaupt der katholischen Kirche sich zu einer Korrektur seiner Aussage genötigt sieht. „Man sollte zumindest erwarten dürfen, dass in dieser für die katholische Kirche so hochsensiblen Angelegenheit mit etwas mehr Sorgfalt mit der Wahrheit umgegangen wird.“ Kloker bedauert, dass Benedikts Verhalten zumindest den Anschein erwecke, dass er sich persönlich keiner Schuld bewusst ist und auch nicht zu einem persönlichen Eingeständnis von Schuld bereit ist. „Das empfinde ich als sehr bedauerlich!“, bringt Kloker es auf den Punkt.

Was die Diözese Rottenburg-Stuttgart und Bischof Dr. Gebhard Fürst dazu meint. Dennoch wirbt Kloker im Blick auf die gesamte Thematik auch für eine differenzierte Betrachtung. „Für unsere Diözese Rottenburg-Stuttgart hat uns Bischof Dr. Gebhard Fürst in einer aktuellen Stellungnahme folgende Zusicherung gegeben“, sagt Kloker und zitiert den Bischof: „Ich kann und möchte Ihnen versichern, dass in der Diözese Rottenburg-Stuttgart kein uns bekannter Fall vertuscht oder verschleppt wurde.  Alle Fälle wurden akribisch aufgearbeitet. Verdachtsfälle werden der Staatsanwaltschaft gemeldet. Alle Täter seien entsprechend ihrer Taten nach geltendem Recht bestraft worden. Mit jedem und jeder Betroffenen, die dies wünschte, führte ich ein persönliches Gespräch.“

„Solche Sätze machen mir Mut, trotz aller Unzulänglichkeiten weiterhin in unserer Kirche tätig zu sein. Der Weg der Erneuerung ist – wie gesagt ein steiniger – und er wird es auch noch für geraume Zeit bleiben“, sagt der Dekan.

Die Gesellschaft in Deutschland ist gespalten und gereizt. Wie spiegelt sich das in der Seelsorge wider? „Zu unserem kirchlichen Stammpublikum gehören nicht so die Leute, die eher bei der Querdenkerszene angesiedelt oder militante Impfgegner sind“, sagt Kloker zu diesem Thema. Aber in der katholischen Kirche gebe es auch Menschen, die sich nicht impfen lassen wollten. „Bei mir in der Gemeinde erlebe ich aber die Spaltung nicht so sehr. Dennoch spürt man, dass die Menschen von der Pandemie einfach genug haben“, erklärt Robert Kloker weniger als Dekan, denn mehr als Münsterpfarrer. Der Ausnahmezustand ziehe sich aber doch länger, als man anfangs gedacht habe. Das Resultat sei, dass auch das gemeindliche Leben darunter leide. „Es liegt teilweise brach; ein Beispiel sind in Gmünd die Seniorennachmittage“, erzählt er. Den Älteren fehle die Begegnung. „Aber uns ist das Risiko zu groß, um solche Veranstaltungen zu ermöglichen.“ Ein riesiges Problem sei, das, was üblicherweise auf der zwischenmenschlichen Ebene kirchlich stattfinde, pandemiebedingt fehlt.

Wo ist eine Spaltung erkennbar? Bei Beerdigungen könne man die gesellschaftliche Spaltung wahrnehmen, macht Dekanatsreferent Tobias Kriegisch deutlich. Dort treffe man einen Querschnitt der Gesellschaft – vom Geboosterten bis zum Querdenker, der sich demonstrativ der Maskenpflicht verweigert. „In solchen Situationen zeigt es sich, wie schmerzlich es ist, dass wir als Gesellschaft nicht zusammenkommen, und nicht treffen“, sagt Kriegisch. Es fehlten, so der Dekanatsreferent, Anknüpfungspunkte, wie etwa ein Dorffest, bei dem man miteinander direkt – über die verschiedenen Ansichten hinweg – ins Gespräch kommen könne.

Was leisten neue „Kanäle“ in der Pandemie? „Das ist ein neues Feld, das in der jetzigen Breite vor der Pandemie nicht existiert hat; etwa gestreamte Gottesdienste oder Krippenfeiern“, sagt Dekan Kloker. „Aber auch im seelsorgerischen Bereich“, ergänzt Romanus Kreilinger. Welche wichtige Rolle die neuen Kanäle spielen, komme eher bei den Ehrenamtlichen an; das läuft etwa bei den Seniorentreffs. Da gebe es so viele Kontakte, per E-Mail, Telefon. Da passiere viel im Miteinander. „Das sehe ich als seelsorgerliche Bereicherung“, urteilt der Dekanatsreferent.

Wie lässt sich der Pastoralmangel lösen? Ein stets aktuelles Problem der katholischen Kirche sind fehlende pastorale Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Pfarrer Wolfgang Sedlmeier hat das im vergangenen Jahr kritisiert – imZusammenhang mit Stellenzuwachs in der Verwaltung. Kloker warnt im Gespräch davor, Pastoralteam und Verwaltung gegeneinander auszuspielen. „Wir sollten versuchen, ob man nicht andere Berufe oder andere Zugangswege für pastorale Berufe öffnen kann“, sagt der Dekan. Das müsse man im Austausch mit der Diözesanleitung eruieren. So könne man einen Weg finden, den Pastoralmangel zu lösen.

Hier zeigt sich einmal mehr, wie steinig der Weg zu einer Läuterung und Erneuerung der katholischen Kirche ist.“

Robert Kloker, Ostalbdekan
Besuch in der SchwäPo-Redaktion (v.r.): Ostalbdekan Robert Kloker, die beiden Dekanatsreferenten Romanus Kreilinger und Tobias Kriegisch, SchwäPo-Redaktionsleiter Jürgen Steck und Redakteurin Ulrike Schneider.

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