Streuobst-Guide: „Luft und Liebe“ für den Apfelbaum

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Willy de Wit, erklärt und zeigt den richtigen Winterschnitt an einem Apfelbaum
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Der Streuobst-Guide Willy de Wit aus Wäschenbeuren schneidet einen Apfelbaum in einem Aalener Hausgarten. Warum man dabei „Hirschgeweih“ und „Bubikopf“ vermeiden sollte.

Aalen

Ritsch Ratsch, dann ist er ab. Zwei dicke Äste hat der Apfelbaum in der Mitte - einen zuviel, befindet Willy de Wit nach seiner „Baumansprache“. Konkurrenztrieb nennt de Wit den gefallenen Ast. Und Konkurrenz findet auf die Dauer auch ein Baum nicht gut, wie er später erklärt.

Rundherum ist de Wit bei seiner „Baumansprache“ zuvor bei ein paar Grad über Null und Schnee auf dem Rasen um den Baum in seinem kargen Winterkleid gelaufen. Hat mit prüfenden Blick jedes Zweiglein unter die Lupe genommen. „Wir müssen schauen, dass Luft und Liebe reinkommt“, sagt er dabei und schreitet dann zielstrebig mit ausgezogener „Schneidgiraffe“ zur Tat. „Da hat der Vorgänger es versäumt, diesen abzuschneiden, beziehungsweise, ihn nicht so stark wachsen zu lassen“, erklärt er noch zum Konkurrenztrieb. Zudem brauche man Ruten. Aber nicht alle, erklärt de Wit, während er weiter den Baum begutachtet und seit Urteil abgibt. „Er ist breit, aber er hat zu viele Äste. Er wurde nicht ganz falsch geschnitten.“ Eingreifen muss man trotzdem.

Darum muss ein Apfelbaum geschnitten werden

Willy de Wit kommt aus Wäschenbeuren und ist Streuobst-Guide des Bezirksverbands für Obst- und Gartenbau Schwäbisch Gmünd. Fachmann für Apfelbäume und vieles mehr. Ein Überzeugungstäter. De Wit ist der Auffassung, dass die Obstbäume in den Hausgärten und auf den Streuobstwiesen teilweise in einem „schrecklich verwahrlosen Zustand“ sind. Nicht, weil sie geschnitten werden. Bereits die Römer hätten Apfelbäume immer auf einen guten Ertrag hin gestutzt, weiß er. „Die Bäume sind dazu verdammt, geschnitten zu werden.“ Gerade dabei aber würden die meisten Fehler machen. „Schon nach dem Setzen kann ich einiges falsch machen“, erklärt der Experte. Denn danach braucht der Baum einen „Erziehungsschnitt“, der in den ersten drei, vier Jahren für den Wuchs sehr wichtig ist. „Hier soll man nicht auf die Früchte schauen. Sondern nur auf die drei, vier Leitäste und den Mittelast - die späteren Fruchtäste. Die meisten setzten den Baum ein und lassen ihn dann wachsen. Wenn er dann im zweiten Jahr Blüten hat, freuen sie sich an einem Äpfele. Doch die Kraft geht dann in die Blüten, nicht in den Aufbau“, sagt Willy de Wit. Fast jedes Jahr müsse man einen Baum in den ersten zehn Jahren schneiden. Am besten immer von demselben Fachmann. „Da hat jeder seine Philosophie“, erklärt de Wit. „Jeder Schnitt erzeugt ja eine Reaktion.“ Gleichzeitig macht er aber unmissverständlich klar: „Der Baum braucht eines: Licht. Wenn sie einen Baum fünf Jahre ohne Schnitt lassen, dann haben sie nur noch Mostäpfel.“

Wie man „Hirschgeweih“ und „Bubikopf“ vermeidet

Apfelbäume, die nicht fachgerecht geschnitten werden, nennt de Wit „Hirschgeweih“ und „Bubiköpfe“: „Bubikopf, wenn der Baum oben am Kopf abrasiert ist, weil man sich gesagt hat, der Baum ist mir zu hoch“, sagt er. Das könne man machen. „Aber er bekommt dann trotzdem Zuwachs von drei, vier Metern und sieht dann eben oben aus, als ob er ein Hirschgeweih trägt.“

De Wits Philosophie ist einen andere. Statt Abrasur plädiert er dafür, einen ableitenden Ast stehenzulassen, damit sich der Baum beruhigt. In vielen anderen Fällen würden sprießende Äste wie Kerzen in den Himmel wachsen und im nächsten Jahr gleich wieder abgeschnitten, sagt de Wit. „Nicht alle werden zum Aufbau neuer Fruchtäste gebraucht, einige jedoch schon“, erklärt er. „Also lieber die Schere im Keller lassen, als ständig falsch am Baum zu experimentieren.“, sagt er. Wenn der Baum ausgewachsen sei, dann würden die oberen Äste zu Seite wachsen. „Dann hat er seine genetische Höhe erreicht.“

Warum de Wit die Wunden nach dem Schnitt nicht verschließt

Damit er aber überhaupt so ein langes Leben hat, sollte man Wunden, die durch den Schnitt am Baum entstanden sind, tunlichst nicht mit Wundverschlussmittel behandel. „Da hat man die Meinung gehabt: der Baum verheilt früher. Doch das Gegenteil ist der Fall“, sagt de Wit. „Die Wissenschaft hat festgestellt: die Pilzsporen fliegen bereits herum, die haben sich schon draufgesetzt, bevor man das tut.“ Die Folge: man verkapselt die Pilzsporen schon im Baum. Mit der Zeit entwickelt sich an der Wunde dann schwarze Flecken und der „Baum beginnt, das langsame Ende seiner Tätigkeit einzuläuten“, weiß der Experte. „Der Baum ist vital genug, der schließt das mit der Zeit selbst.“

Dann arbeitet sich die Wit mit einer kleinen Schere an den kleineren Ästen ab. „So viel ist da gar nicht zu machen“, sagt er. „Wir müssen auch Äste provozieren“, sagt er und schneidet einen weiteren ab. Scheitelschnitt, erklärt er. „Da scheint die Sonne drauf und dann kommen wieder neue Äste raus, die dann günstiger laufen. Gerade Äste geben Fruchtäste. Lange Äste geben erst mal Blattknospenäste.“ Die sich dann erst zu Fruchtknospenästen entwickeln. Vorausgesetzt, man „schnippelt“ nicht jedes Jahr an den Ästen rum, so de Wit. „Sonst gibt es niemals Äpfel.“

Rund ein duzend Zweiglein liegen nach de Wits Schnitt auf dem Boden. Er dreht eine letzte Runde. „Okay. Mehr kann man daraus nicht machen“, sagt er. Oder doch? Neben dem Stamm hat sich von der Wurzel ein dünnes Trieblein seinen Weg nach oben erkämpft. De Wit bückt sich. „Wildlinge müssen auch raus“, sagt er. Schnippschnapp, dann ist auch er ab.

Ein Video auf www.schwaepo.de und www.tagespost.de zeigt, wie Willy de Wit einen Apfelbaum im Hausgarten schneidet und warum man nicht „rumschnippelen“ sollte.

Willy de Wit, erklärt und zeigt den richtigen Winterschnitt an einem Apfelbaum
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  • Selber schneiden oder Fachmann holen?
  • Willy de Wit sagt: „Alleine bekommen sie das nicht hin“ und rät, beim örtlichen Obst- und Gartenbauverein nach einem Experten zu fragen oder einen Schnittkurs zu belegen. Zudem solle man schon beim Setzen des Baumes beachten: Wie hoch wird der Baum, vertrage ich ihn, schmeckt mir die Sorte? Wichtig sei auch, darauf zu achten, wo man den Baum pflanzt: Höhenlage oder Tal. „Immer auf regionale Soren achten“, rät der Streuobst-Guide Willy die Wit. ⋌dot
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Willy de Wit ist Streuobst-Guide des Bezirksverbands für Obst- und Gartenbau Schwäbisch Gmünd. Hier schneidet er in einem Hausgarten den richtigen Winterschnitt an einem Apfelbaum.
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