Therapie gegen Ärztemangel

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Es fehlen Arztpraxen. Die Grafik zeigt die Über- und Unterdeckung der medizinischen Versorgung im Ostalbkreis - ein Wert von 100 wäre optimal. Besonders gravierend ist die Lage im Schwäbischen Wald. Hier wird nun als Pilot-Projekt eine Genossenschaft gegründet.
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Die medizinische Versorgung ist prekär. Vor allem im Schwäbischen Wald werden Hausärzte dringend gesucht. Genossenschaften sollen helfen.

Aalen

Auf der Ostalb fehlen Ärzte. Landkreis, Kreisärzteschaften, Kliniken und die Bürgermeister wollen gegensteuern. Erstes Resultat hier ist eine neue Organisationsstruktur zur Sicherstellung der ärztlichen Versorgung. Diese enthält einen Steuerungskreis und vier Arbeitsgruppen (AG). Über den aktuellen Stand hier wurde der Kreisausschuss für Gesundheit jüngst informiert.


AG Nachwuchsförderung: Hier läuft das Stipendienprogramm für Medizinstudierende. Ab dem 5. Semester fördert der Kreis diese mit monatlich 450 Euro für maximal sieben Semester und vier Monate. Zum Sommersemester 2022 geht es los. Im Gegenzug verpflichten sich die Stipendiaten, ihre Weiterbildung zum Facharzt mit dem Ziel einer hausärztlichen Tätigkeit in den Ostalb-Kliniken oder einer Weiterbildungspraxis hier zu absolvieren und danach hier mindestens drei Jahre als Hausärzte zu arbeiten. Im ersten Durchlauf gingen fünf Bewerbungen ein, drei davon sollen voraussichtlich gefördert werden.

Weiter wurde jüngst der „Weiterbildungsverbund Allgemeinmedizin Ostalbkreis“ gegründet. Im Boot sind Kliniken, niedergelassene Ärzte, die Bezirksärztekammer Nordwürttemberg, die Vorsitzenden der Ärzteschaften Aalen und Gmünd sowie das Landratsamt. Der Verbund schließt sich dem Kompetenzzentrum Weiterbildung Baden-Württemberg an und kooperiert hier mit dem Institut für Allgemeinmedizin der Universität Ulm. Der Weiterbildungsverbund bietet Ärzten mit Facharztziel Allgemeinmedizin strukturierte, koordinierte und planbare Weiterbildungsabschnitte - im stationären Bereich in den Ostalb-Kliniken und ambulant in Hausarzt- und Fach-Praxen hier. Das soll Nachwuchsmedizinern Arbeit und Leben auf der Ostalb schmackhaft machen.

Praktika an Kliniken und Praxen, Studienbotschafter und Bildungspartnerschaften sollen bereits in den Schulen für das Medizinstudium begeistern. Hierzu wurde eine zentrale Stelle zur Organisation von Schülerpraktika an den Kliniken eingerichtet.

Mit Blick auf medizinisches Assistenz- und Unterstützungspersonal sind Landratsamt und Hochschule Aalen daran, einen Bachelor-Studiengang „Physician Assistant“ einzurichten.

Die Kooperation mit dem Institut für Allgemeinmedizin der Universität Ulm soll erweitert werden, um ein Maßnahmenpaket im Kreis zu entwickeln, das am Ausbildungsprozess der Medizinstudenten ansetzt.


AG Ambulante hausärztliche Versorgung: In Rahmen dieser Arbeitsgruppe gab es in elf Teilräumen im Kreis „Teilraumkonferenzen“. Darin tauschten sich die örtlichen Gesundheitsakteure aus. Von April bis November 2021 wurde die Situation in den j Teilräumen erhoben und Verbesserungsideen formuliert. Die Zusammenfassung aller Ergebnisse wurde im Dezember bei der Abschlussveranstaltung präsentiert. Wichtigstes Ergebnis hier: Gemeinsam mit dem Unternehmen DIOMEDES wird nun ein genossenschaftliches Hausarztmodell für den Schwäbischen Wald entwickelt - als Zusammenschluss mehrerer Hausärzte und Kommunen. Das soll attraktive Arbeitsplätze bringen (Anstellung, Teilzeit, Entlastung von Verwaltungsaufgaben), wohnortnahe medizinische Versorgung sicherstellen und verhindern, dass sich renditeorientierte Finanzinvestoren einkaufen.


AG Förderprojekt Primärversorgung: Aufgabe ist es hier, die vom Sozialministerium geforderten Kriterien zum Aufbau eines Primärversorgungsnetzwerks und -zentrums im Bereich der Versorgung chronisch Kranker oder multimorbider Personen umzusetzen. Mit dem Förderprojekt setzt sich die Ostalb für eine bessere Zusammenarbeit verschiedener Gesundheits- und Sozialberufe, für effizientere Patientenversorgung und die Schließung von Versorgungslücken ein. Weil die Versorgungslage im Schwäbischen Wald am schlechtesten ist, wird das Primärversorgungsnetzwerk dort aufgebaut. 16 Mitglieder wurden gewonnen, darunter ein Hausarzt, eine Ernährungsberaterin, ein ambulanter Pflegedienst und Selbsthilfegruppen. Es geht um eine wohnortnahe und patientenorientierte Gesundheitsversorgung.

„Case Management“ soll ab Juni 2022 im Netzwerk starten und die Koordinierung medizinischer und sozialer Leistungen verbessern und so Hausärzte entlasten. Ein „Case-Manager“ soll zentrale, niedrigschwellige Ansprechperson für Patienten sein und ihnen den Zugang zum Gesundheitssystem erleichtern. Mit Unterstützung der Hochschule Aalen werden nun Rahmenbedingungen, Strukturen und Abläufe des Netzwerks erarbeitet und über dessen Ausgestaltung entschieden. Ziel ist eine sektorenübergreifende „Versorgung aus einer Hand“.


AG Ambulante fachärztliche Versorgung: Hier soll ein enger Austausch mit den Kliniken sowie mit den Fachärzten laufen. Der Ostalbkreis sei mit Fachärzten überwiegend gut versorgt, hieß es, weshalb kein dringender Handlungsbedarf bestehe. Jedoch zeigten sich in einzelnen Bereichen wegen Altersstruktur und regionaler Verteilung der Facharztsitze erste Engpässe.

Ein digitales Facharzttreffen am 1. Dezember war der erste Schritt hin zu einer besseren Vernetzung der Fachärzte untereinander. Pro Facharztgruppe wird nun ein Ansprechpartner ernannt, der bei Planungen hinsichtlich einer Praxisabgabe informiert wird, damit im Kreis kein Facharztsitz verlorengeht.


Nahziele: Der Landkreis entwickelt aktuell eine Homepage (Mediportal Ostalbkreis) für den Bereich der ambulanten ärztlichen Versorgung, auf der umfassend über alle Bereiche informiert werden soll.

Mittelfristig könnte eine Servicestelle „Ärztliche Versorgung im Ostalbkreis“ hilfreich sein, eine Ansprechperson im Landratsamt für alle Akteure im Sektor. Bislang wurde hier aber nur eine E-Mail-Adresse und Telefonnummer eingerichtet.

Die Zukunft sieht der Landkreis in sektorübergreifenden Versorgungsmodellen, die Patienten ganzheitlich betrachten. Die Zusammenarbeit von Ärztinnen und Ärzten mit nicht-ärztlichem Personal soll verbessert, die Trennung zwischen ambulanten und stationären Behandlungen aufgeweicht werden.

Es fehlen Arztpraxen. Die Grafik zeigt die Über- und Unterdeckung der medizinischen Versorgung im Ostalbkreis - ein Wert von 100 wäre optimal. Besonders gravierend ist die Lage im Schwäbischen Wald. Hier wird nun als Pilot-Projekt eine Genossenschaft gegründet.

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