Trend zur Selbstbewaffnung auch auf der Ostalb?

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Der "Kleine Waffenschein": erforderlich, wenn man zum Beispiel eine Schreckschusspistole führen will. Immer mehr Menschen in Baden-Württemberg haben einen. Ein beunruhigender Trend, meinen die Grünen.
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Grüne im Landtag sehen Gefahr für die Bevölkerung und fordern strengere Regeln. Wie die Situation im Landkreis ist und wie die Behörden dazu stehen.

Aalen

Die Grünen im Landtag beklagen eine steigende Zahl Kleiner Waffenscheine im Land. „Beunruhigend“ und eine Gefahr für die Bevölkerung nennt der Grünen-Sprecher für Innenpolitik, Oliver Hildenbrand, laut dpa den Trend zur Selbstbewaffnung. Nach Grünen-Vorstellungen soll das Waffenrecht verschärft werden. Nicht nur für das Führen, sondern auch für Kauf und Besitz dieser Waffen soll eine Erlaubnis erforderlich sein. Außerdem solle der Kleine Waffenschein nicht mehr unbefristet, sondern nur noch zeitlich begrenzt ausgestellt werden.

Fakt ist: Landesweit ist die Zahl der Kleinen Waffenscheine so hoch wie nie. Ende 2021 waren laut Innenministerium 97 826 Kleine Waffenscheine in Baden-Württemberg registriert - ein Rekord. Spiegelt sich dieser Trend auch auf der Ostalb wider? Und wie schätzen Behörden und Polizei die Lage ein?

Landratsamt: Aktuell hat das Landratsamt 1483 Personen mit einem Kleinen Waffenschein verzeichnet. „Insgesamt sind die Antragszahlen relativ hoch im Vergleich zu vor ein paar Jahren“, sagt Pressesprecherin Susanne Dietterle. Im Jahr 2021 wurden 92 Kleine Waffenscheine neu ausgestellt, im Jahr 2020 waren es 124 und im Jahr 2019 133. Im Jahr 2016 gab es einen regelrechten Boom mit 235 Anträgen. Dietterle: „Ab 2017 hat es sich zwischen 100 und 130 eingependelt.“ Besorgniserregend findet man das nicht. Waffen dieser Art seien nach Kenntnis des Landratsamts „nicht besonders deliktrelevant und tauchen bei Straftaten nicht übermäßig auf“. Das habe der Gesetzgeber, die Bundesregierung, wohl auch so eingeschätzt, „sonst wäre hier bereits eine Verschärfung erfolgt“, schätzt Dietterle.

Schwäbisch Gmünd: Hier sprechen die Zahlen eine klare Sprache: Ende vergangenen Jahres waren 384 Menschen mit einem Kleinen Waffenschein registriert, Ende des Jahres 2020 waren es 352 und zum Jahresende 2019 „nur“ 333. Der Trend gehe eindeutig nach oben, sagt die stellvertretende Pressesprecherin Ute Meinke. Allein im Januar 2022 habe man bereits sieben neue Anträge vorliegen. Die Zuverlässigkeit der Antragsteller - zum Beispiel, ob jemand bereits strafrechtlich verurteilt ist - werde sorgfältig geprüft. Dennoch plädiert man bei der Stadt Schwäbisch Gmünd durchaus für ein strengeres Waffenrecht: nämlich eine Befristung von Kleinen Waffenscheinen, zum Beispiel auf fünf oder zehn Jahre, und eine anschließende neue Überprüfung der Person.

Aalen: Tendenz leicht steigend - so auch die Zahlen auch bei der Stadt Aalen. Ende des Jahres 2021 waren dort 496 Kleine Waffenscheine registriert, bis Ende 2020 waren es 454, Ende 2019 427. Pressesprecherin Karin Haisch: „Grundsätzlich ist die Stadt Aalen der Meinung, dass eine Verschärfung der waffenrechtlichen Bestimmungen sinnvoll wäre.“ Und zwar dahingehend, dass schon beim Kauf einer Schreckschusswaffe eine Zuverlässigkeitsprüfung erforderlich wird.

Ellwangen: „Keine großen Zunahmen, die den Anlass geben würden, strengere Regeln einzufordern“, so das Resümee des städtischen Pressesprechers Anselm Grupp. 2021 beantragten hier sechs Personen einen Kleinen Waffenschein, im Jahr 2020 acht, im Jahr 2019 nur fünf.

Was hält die Polizei davon? Jahr für Jahr mehr Menschen auf der Ostalb, die einen Kleinen Waffenschein haben - bei den Einsätzen der Polizei spiegelt sich das nicht wider. Polizeisprecher Bernd Märkle: „Aus Meldungen der Kollegen sind keine Auffälligkeiten erkennbar, die diese Zunahme belegen.“ Unabhängig davon: Die Polizei rät strikt davon ab, sich zum Beispiel eine Schreckschuss- oder Reizgaswaffe zur Selbstverteidigung zuzulegen. In der Regel, so Märkle, sei man ungeübt im Umgang damit. Die Gefahr, dass sich die Waffe im Handgemenge mit einem Angreifer gegen einen selber richtet, sei einfach zu groß.

Gut zu wissen: der Kleine Waffenschein

Er berechtigt zum Führen von Schreckschusspistolen, Reizwaffen, Signalwaffen mit PTB-Kennzeichnung (PTB: Prüfsiegel der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt) sowie Pfefferspray in der Öffentlichkeit. Kauf und Besitz dieser Waffen allein sind nicht genehmigungspflichtig. Der unerlaubte Umgang mit Waffen und Munition ist eine Straftat - in bestimmten Fällen eine Ordnungswidrigkeit.  Beantragung: je nach Wohnort beim Landratsamt, bei der Verwaltungsgemeinschaft oder in Großen Kreisstädten bei der Stadtverwaltung. Voraussetzung: Mindestalter 18 Jahre, fester Wohnsitz, Nachweis der Zuverlässigkeit und persönlichen Eignung. Vorstrafen können zum Beispiel zur Ablehnung des Antrags führen. Wer „offiziell“ geschäftsunfähig, alkoholabhängig oder psychisch krank ist, dem wird die Eignung ebenso abgesprochen.  Mehr Infos: www.service-bw.de

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