Unterschiede beim Impffortschritt: Warum es sich das Land mit seiner Erklärung zu einfach macht

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dat Tobias Dambacher
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Ein Kommentar aus dem E-Mail-Newsletter der Schwäbischen Post und Gmünder Tagespost.

Man wird schon ein bisschen neidisch, wenn man in den Landkreis Emmendingen schaut. Mit über 51 Prozent hat bereits mehr als die Hälfte der Bevölkerung mindestens eine Erstimpfung erhalten. Das ist der Spitzenwert in Baden-Württemberg. Der Ostalbkreis liegt mit einer Quote von 42 Prozent auf Platz 15 von 44.

Neue Daten des Sozialministeriums zeigen weiterhin deutliche Unterschiede zwischen den Landkreisen in Baden-Württemberg. Erstmals sind in den Zahlen nun auch die Impfungen in den Arztpraxen erfasst. So ergibt sich ein relativ detailliertes Bild über die Impfquoten: In den Impfzentren werden die Menschen anhand ihrer Postleitzahl einem Landkreis zugeordnet, während die Impfungen in den Arztpraxen dem Landkreis zugeordnet werden, in dem die Praxis ihren Sitz hat. Das ist zwar nicht ganz exakt, aber doch hinreichend genau, um ein aktuelles Lagebild zu zeichnen.

Auch beim vollständigen Impfschutz sieht es in Emmendingen mit 21 Prozent deutlich besser aus, als in den meisten anderen Landkreisen, auch wenn es hier nur für Platz 7 reicht. Spitzenreiter ist Freiburg mit fast 24 Prozent. Wieder der Blick in den Ostalbkreis: Rang 20 mit rund 17 Prozent.

Und weil es so schön passt noch der Stand der Inzidenz: Die ist nach Heidelberg mit 13,6 in Emmendingen mit 18 ebenfalls am niedrigsten im Land. Fazit: Eine der besten Impfquoten im Land, eine der niedrigsten Inzidenzen – woran liegt’s? Am Altersdurchschnitt jedenfalls eher nicht. Gut 28 Prozent aller Einwohner in Emmendingen sind 60 Jahre und älter. Im Ostalbkreis sind es knapp 28 Prozent.

Im zuständigen Sozialministerium formuliert man es so: „Wie schon bei der ersten Veröffentlichung der Impfquoten in Baden-Württemberg lässt auch die Auswertung der aktuellen Zahlen weiter den Schluss zu, dass Stadt- und Landkreise mit größeren Bevölkerungsgruppen, die im Durchschnitt vergleichbar schwierigere sozioökonomische Bedingungen aufweisen, oft niedrigere Impfquoten haben.“ Allerdings ist auch die Arbeitslosenquote in Emmendingen (3,6 Prozent) und im Ostalbkreis (3,4 Prozent) nahezu identisch. Ähnlich sieht es mit den Ausländeranteil aus, der in beiden Landkreisen bei rund 10 Prozent liegt.

Ob diese Erklärung wirklich jetzt schon passt? Sie wäre plausibel, wären große Teile der Bevölkerung bereits geimpft und man müsste jetzt schon Anreize schaffen, um die Kapazitäten auszulasten. Vielleicht erklärt sie in einzelnen Extrembereichen die ganz großen Unterschiede, wie vielleicht im Stadtkreis Pforzheim, der weiterhin Schlusslicht ist. Und natürlich ist es richtig und wichtig, dass das Land jetzt mit Vor-Ort-Impfungen in sozioökonomisch benachteiligten Stadtteilen aktiv ist.

Allerdings sieht Realität auch so so aus: Es gibt kaum neue Termine für Erstimpfungen, weil der Impfstoff sonst nicht für die Zweitimpfungen reicht. Uns in der Redaktion erreichen fast täglich Berichte von frustrierten Impfwilligen, die keinen Impftermin bekommen. Und aus dem Kreisimpfzentrum gibt es Signale, dass man durchaus mehr als 1000 Impfungen pro Tag stemmen könnte, gäbe es nur mehr Impfstoff. Im Wochendurchschnitt waren es zuletzt 948 Impfungen pro Tag. Zu Spitzenzeiten bereits 1234.
Also kann es wirklich der Hauptgrund sein, dass die Unterschiede zwischen den Landkreisen so groß sind? Immerhin sagt Dr. Uwe Lahl, Amtschef im baden-württembergischen Gesundheitsministerium, auch: „Auf Grundlage dieser Zahlen wollen wir die Impfstoff-Lieferungen in unsere Zentren nachjustieren und größere Unwuchten möglichst verhindern.“ Die Zahlen sollen nun wöchentlich aktualisiert werden.

Ab sofort nun transparentere Zahlen und ab kommender Woche mit dem Ende der Impfpriorisierung jede Menge neuer Impfwilliger. Für eine solche Unwucht im System gibt es also eigentlich derzeit keinen Grund (mehr).

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Vergleich der Impffortschritte zwischen den Landkreisen und der Coronasituation.

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