Was Dellenhäule so besonders macht

+
Ameisenstadt Dellenhäule
  • schließen

Warum ein Besuch des landesweit einmaligen Naturschutzgebietes mit der Ameisenstadt auf dem Härtsfeld lohnt. Die Krabbeltierchen sind nicht das einzige Beeindruckende.

Aalen-Beuren

Das Thermometer zeigt acht Grad an diesem Tag. Der Himmel ist verhangen, Nebelschwaden wabern übers Härtsfeld. Wer an einem solchen Tag ins Naturschutzgebiet Dellenhäule wandert, der erlebt die Landschaft als geradezu mystisch: parkartig hier und da, doch weitgehend sich selbst überlassen, von archaischer Anmutung. Prachtvolle alte Eichen, Eschen und Wacholderbüsche, wie hindrapiert hier und da abgestorbene Baumstämme und Äste. Das Besondere aber sind Tausende kleiner Hügel: die sogenannte Ameisenstadt - landesweit einmalig und mit mehreren Millionen kleiner Krabbeltierchen von weltweit höchster Populationsdichte.

„Zurzeit sind allerdings auf den Hügeln kaum noch Ameisen zu sehen“, weiß Hans-Peter Horn, naturschutzlicher Betreuer des BUND für das Gebiet. Im Herbst neige sich auch das Ameisenjahr dem Ende zu. Die Ameisen dichten ihre Kuppel gegen Schnee und Regen des Winters ab und ziehen sich tief ins Innere des unterirdischen Nestes zurück. Sie ruhen, bis mit den ersten Frühlingssonnenstrahlen ein neues Ameisenjahr beginnt. Die Kolonien sind mehrjährig, anders als Hummel- oder Wespennester.

Das Besondere am Dellenhäule

Zuallererst die hier höchste weltweit bekannte Dichte von Ameisen. Zu 95 Prozent sind es „Gelbe Wiesenameisen“ (Lasius flavus). Etwa 160 Millionen Arbeiterinnen der Gelben Wiesenameise errichten auf durchschnittlich einem Hektar Fläche rund 7000 Hügel. Hügel von insgesamt 335 Kubikmeter Volumen und 184 Tonnen Trockenmasse, so die Forschungsergebnisse von Deutschlands „Ameisenpapst“, dem Biologen Bernhard Seifert vom Museum für Naturkunde in Görlitz, aus dem Jahr 2005. Stattliche sieben Tonnen Bodenmaterial, so hat er herausgefunden, bewegen die fleißigen Tierchen jedes Jahr nach oben - eine Förderleistung, die nur noch von Regenwürmern übertroffen wird. Aber auch mehr als 20 weitere Ameisenarten sind hier verzeichnet, davon laut Horn allein sieben, die auf der Roten Liste bedrohter Arten stehen.

Hohe Artenvielfalt

Hans-Peter Horn und sein Kollege Gerhard Ziegler vom BUND beeindrucken Besucher bei Führungen mit schier endlosem Fachwissen über Flora und Fauna in diesem Gebiet. Denn die sind immens:  Ameisen sind willkommene Nahrung für viele andere Tiere und die Ameisenhügel Lebensraum für eine Vielzahl anderer wirbelloser Tiere und zahlreiche Pflanzenarten.

Zehn Grünspechte beispielsweise können hier den härtesten Winter überstehen, ohne die Ameisen nachhaltig zu schädigen, und für die räuberischen Knotenameisen sind die weichhäutigen Gelben Wiesenameisen eine willkommene Beute. Die Gelbe Wiesenameise lebt rein unterirdisch, in sehr stabilen Nestern, in einer Wechselbeziehung mit mindestens 22 Wurzellausarten. Sie liefern den Ameisen große Mengen an Zucker, alle essenziellen Aminosäuren und tierisches Protein. Schutz gegen Futter sozusagen. Doch die Ameisen haben noch mehr Jobs in dieser Stadt: Im zeitigen Frühjahr bestäuben sie verschiedene Pflanzenarten wie Lerchensporn, Veilchen oder Buschwindröschen - Horn: „noch bevor es die Bienen tun“ - und tragen so zum Fortbestand vieler Pflanzenarten bei.

Heimat einiger gefährdeter Arten

Im Dellenhäule anzutreffen sind darüber hinaus unzählige Vögel: Den Neuntöter beispielsweise, der als besonders gefährdete Art gilt, hat Hobbyfotograf Horn mehrfach vor die Linse bekommen. Ebenso Baumpieper, aber auch Wendehals, Kleiber, Goldammer oder Grünspecht. Für den Wendehals hat Ziegler gemeinsam mit der Naturschutzgruppe Vorderes Härtsfeld eigens Nistkästen in dem Gebiet aufgehängt.

Gefährdet sind auch etliche Schmetterlingsarten, die hier beheimatet sind. Das Sechsfleckwidderchen beispielsweise, ein tagaktiver Nachtfalter, ist besonders geschützt. Oder der Bläuling, der im Dellenhäule in einer Art Wohngemeinschaft mit den Ameisen lebt. Seltene Pflanzen wie Kartäusernelke, Katzenpfötchen oder die in Deutschland vom Aussterben bedrohte Silberdistel hier zuhause.

Was dem Dellenhäule zusetzt

Viele Hügel sind jetzt Anfang November auffallend stark mit Gras bewachsen. Das gefällt Hans-Peter Horn und Gerhard Ziegler ganz und gar nicht. „Es zeigt, dass der Boden überdüngt ist“, weiß Gerhard Ziegler. Als Grund dafür nennen sie die ihrer Ansicht nach übermäßige Beweidung durch Schafe. Durch den Kot der Tiere werde der Boden stark gedüngt, was bei Regen Gras und Moos stark wachsen lasse, beschreibt Ziegler, der selber Ziegen und Schafe hält. Der früher hier so verbreitete Thymian – indirekt Ernährungsgrundlage der Ameisen - sei deshalb kaum mehr zu finden, Orchideen und Heidekraut gibt es gar nicht mehr.

„Der“, „die“ oder „das“ Dellenhäule?

Ganz eindeutig „das“ Dellenhäule, sagt Gerhard Ziegler, der in Beuren lebt. Er zeigt Besuchern gerne, dass die Landschaft heute noch an mehreren Stellen gut sichtbare Löcher hat. Das seien frühere „Abbau-Dellen“ des Dolomitsandes. Der wurde von der Landbevölkerung über viele Jahrhunderte als Bau-Sand genutzt, weiß Ziegler. Und Die Bezeichnung „Häule“ stehe ursprünglich für „Hau“, also ein von Feldern umgebenes Wäldchen.

Lage: Das Dellenhäule liegt auf dem Härtsfeld in knapp 600 Metern Höhe, etwa einen Kilometer südlich von Beuren. Im Jahr 1969 wurde das 24 Hektar große Gelände vom Regierungspräsidium Stuttgart zum Naturschutzgebiet ernannt. Schutzzwecke sind: Erhalt von Wacholderheiden, Hutewald und Magerrasen mit ihrer Artenvielfalt und seltenen Arten sowie des einzigartigen Landschaftsbildes. 80 Prozent der Fläche gehören zu Aalen, 20 Prozent zu Neresheim. Das Naturschutzgebiet Dellenhäule ist Teil des FFH-Gebietes Härtsfeld.

Das Sechsfleckwidderchen, eine besonders geschützte Nachtfalterart.
Ameisenstadt Dellenhäule
Die Gelbe Wiesenameise lebt unterirdisch.
Ameisenstadt Dellenhäule
Vom Aussterben bedroht, zu finden in Dellenhäule: die Silberdistel.
Der Neuntöter, eine besonders gefährdete Art, ist im Dellenhäule zu finden.
Ein Schachbrettfalter auf einer Kartäusernelke.
Katzenpfötchen: entdeckt im Dellenhäule
Die Kartäusernelke, eine seltene Pflanzenart
Silbergrüner Bläuling ( Polyommatus coridon ), beides Männchen.

Zurück zur Übersicht: Ostalbkreis

Kommentare