Weltkrebstag: „Machen Sie nicht alles mit sich alleine aus“

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Monika Buchmann ist Diplom-Psychologin und Psychoonkologin (DKG) bei der Psychologischen Krebsberatungsstelle Ostwürttemberg.
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Angst vorm Alleinsein, Armut und Tod. Psychologin Monika Buchmann berichtet im Interview über die Arbeit bei der Krebsberatungsstelle.

Schwäbisch Gmünd

Die Diagnose ist ein Schock. Jedes Jahr erkranken in Deutschland 510 000 Menschen neu an Krebs. Auf diese Erkrankung, die jeden treffen kann, macht alljährlich der Weltkrebstag aufmerksam. Das Motto dazu in diesem Jahr lautet „Versorgungslücken schließen“. Eine dieser Lücken wurde in der Region mit der Psychosozialen Krebsberatungsstelle Ostwürttemberg schon geschlossen. Was hinter dem Angebot steckt und für wen es Hilfe bietet, welche Sorgen und Nöte Erkrankte und ihre Angehörigen haben, das erklärt Monika Buchmann, Diplom-Psychologin und Psychoonkologin (DKG), im Interview.

Frau Buchmann, für wen sind Sie selbst vor Ort bei der Krebsberatungsstelle da?

Monika Buchmann: Für alle, die mit der Diagnose Krebs konfrontiert werden. Das sind die Betroffenen, ihre Angehörigen, aber auch Freunde. Die können auch sehr betroffen sein. Wir sagen deshalb gerne auch „Zugehörige“. Das Angebot gilt für alle, die es ambulant annehmen können. Für Menschen, die gerade stationär in einer Klinik sind, gibt es andere Möglichkeiten.

Welche Bedeutung hat der Weltkrebstag für Sie und Betroffene?

Dass das Thema Krebs mehr in die Öffentlichkeit kommt, ist wichtig. Dass das einmal im Jahr bewusst passiert, darauf aufmerksam gemacht wird, dass es Krebs noch gibt und weltweit zu den immer noch häufigsten Todesursachen zählt, wird damit bewusst gemacht. Es ist ja kein regionaler Tag, sondern weltweit verbreitet. Er vermittelt die großartige Botschaft, dass weiter geforscht wird, dass weiterhin nach Unterstützungsmöglichkeiten gesucht wird, dass man versucht, Lücken zu schließen. Man sieht: es betrifft alle Menschen und das Verbindende macht Mut und gibt Hoffnung.

Sie sind selbst Beraterin. Welche Probleme sind dominierend in den Gesprächen?

Dominierend ist Angst. Angst vor Gebrechlichkeit, dem Alleinsein, dem Sterben. Angst vor Armut, dem Arbeitsplatzverlust. Wichtig sind oft finanzielle Angelegenheiten. Wir leben in einem Land mit Solidaritätsprinzip, aber trotzdem langt es manchmal nicht. Geht der Kühlschrank kaputt, geraten manche dadurch plötzlich in eine Notsituation. Wichtiges Thema sind auch Konflikte wie Paarkonflikte - etwa, wenn der Betroffene so mit dem Thema umgeht, der Angehörige aber anders. Es gibt hier aber kein richtig oder falsch, sondern wichtig ist vor allem, dass man in Kontakt bleibt. Daher geht es auch viel über die Kommunikation als Paar: Beispielsweise sagt eine Frau: Mein Mann redet nicht mit mir, aber ich möchte wissen, wie es ihm geht. Ein Mann sagt: Meine Frau spricht nur mit ihren Freundinnen, nicht mit mir. Auch bei den Angehörigen geht es viel um Angst. Vor dem Alleinsein, vorm Sterben des Erkrankten - der Inhalt der Angst ist oft unterschiedlich.

Sprechen sie auch über körperliche Veränderungen?

Ja, es geht auch um sichtbare Veränderung am Körper, wie etwa bei Brustkrebs. Es geht auch um die Chemotherapie, die den Körper auch verändert. Es geht um die Müdigkeit bei Patientinnen und Patienten, die entstehen kann und darum, was ich beim Fatigue Syndrom tun kann. Es ist auch wichtig, dass die Erschöpfung der Angehörigen gesehen wird.

Ist der Tod ein Thema?

Ich als Psychologin erlebe mich da oft als Dolmetscherin der Sprachlosigkeit. Meist wird dieses Thema nicht angesprochen, weil es sehr schwer ist, weil es wehtut. Ganz häufig ist es dann so, dass es im Gespräch möglich wird, über das Thema zu sprechen. Es ist eine wichtige Aufgabe, die Sprachlosigkeit zu benennen und auf den Inhalt zu bringen. Ich rede aber mit den Ratsuchenden nicht nur über den Tod, sondern vor allem auch über das Leben.

Hat die Pandemie ihre Arbeit verändert?

Wir beraten mehr telefonisch und in Videogesprächen, das geht ganz gut. Inhaltlich hat sich das Thema Angst verschärft. Es werden häufiger Todesängste und Unsicherheiten im Umgang mit anderen benannt. Und es werden immer wieder Konflikte angesprochen, wenn der Umgang mit Corona innerhalb der Familie sehr unterschiedlich ist. Zudem können wir keine Gruppenangebote machen, das vermissen die Klienten.

Stichwort „Versorgungslücken“. Wie ist denn das Netz in der Region aufgestellt? Ist das Angebot ausreichend?

Wir werden vom Land Baden-Württemberg und dem GKV-Spitzenverband unterstützt, worüber wir sehr dankbar sind. Das Netz ist da, aber es gibt auch Lücken, trifft auf Grenzen. Beispielsweise, wenn die häusliche Versorgung nicht mehr geht, weil die Angehörigen nicht mehr können, die Kraft weniger wird, obwohl sie eigentlich wollen.

Was raten Sie Menschen, die die Diagnose Krebs getroffen hat?

Machen Sie nicht alles mit sich alleine aus, suchen Sie einen Menschen, dem Sie vertrauen und mit diesem Sie den Weg auch gehen. Bleiben Sie in Kontakt mit den Angehörigen und den Behandlern, mit sich und den Menschen.

Die Psychosoziale Krebsberatungsstelle Ostwürttemberg ist eine Einrichtung des Fördervereins Onkologie Ostwürttemberg e.V.. Zu finden ist sie im Haus 6, auf dem Klinikgelände des Stauferklinikums im Mutlangen: Tel.: (07171) 49 50 230, E-Mail: info@kbs-ow.de, online: www.kbs-ow.de.

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