Wenn ein Zeckenbiss das Leben auf den Kopf stellt

  • Weitere
    schließen
+
Auf einer schönen Sommerwiese können Zecken lauern. In dieser Region sind sie weit verbreitet.

Die Gefahr lauert jetzt in der Natur. Was der langjährige Vorsitzende der Borreliose-Selbsthilfegruppe, Günther Binnewies, erlebt hat.

Aalen

Zecken sind längst wieder aktiv, nach einem milden Winter vielleicht sogar in größerer Zahl als zuvor. Auch wenn sich aktuell alle Augen auf das Corona-Virus richten, bleiben die durch Zeckenbisse ausgelösten Krankheiten eine Gefahr. Das weiß in der Region niemand so gut wie Günther Binnewies aus Königsbronn. Sein Borreliose-Leidensweg zieht sich über viele Jahre. Für ihn ein Grund, sein Wissen in der – inzwischen offiziell aufgelösten – Borreliose-Selbsthilfegruppe weiterzugeben. Ein Krankheitsverlauf.

Günther Binnewies ist Anfang 50, als plötzlich sein linkes Knie anschwillt. Der Schmerz nimmt zu, die Bewegungsfreiheit ab. "Ich konnte nicht mehr gehen, auch nicht Auto fahren", erinnert er sich. Eine Cortison-Behandlung beginnt. Wenig später ist auch das rechte Knie betroffen. Der Arzt schöpft Verdacht und testet ihn auf Borreliose. Der Labortest war positiv. Es folgt eine 14-tägige Infusionsbehandlung mit der möglichen Tageshöchstdosis. Und Günther Binnewies wird bewusst: "Diese Borreliose war uralt." Große Beschwerden hatte er zuvor nicht, "vielleicht mal einen Tennisellbogen". Zwei Jahre vor dem Ausbruch der Krankheit erlebt er eine "Wanderröte", die vom Arzt nicht groß beachtet worden sei.

Später weiß Günther Binnewies auch, dass Urlaube nicht immer Erholung bedeuten. Mit seiner Frau fliegt er nach Thailand, doch "Fernflüge können in dem Fall das Immunsystem zum Kippen bringen". Auch ein Reizklima wie an der Nordsee. Dort kann er plötzlich nicht mehr gehen, muss seinen Urlaub im Sitzen verbringen "und die Zeit danach zuhause war fatal", erinnert sich Günther Binnewies.

Einfach vom Stuhl gerutscht

Der anschließende Aufenthalt in einer Rheumaklinik macht die Sache nur noch schlimmer. Ein Rheumamittel, das er dort erhält, verträgt er nicht. "Dann kamen die mit der psychologischen Schiene, vielleicht bilden Sie sich das alles ein", bekommt er zu hören. Um später zu erfahren, dass das Rheumamittel Hirnareale angreifen kann. "Bei mir war das der Fall." Günther Binnewies hatte immer mehr Schwierigkeiten mit Zahlen umzugehen. Der Diplom-Ingenieur und Technische Redakteur ist nun berufsunfähig. Weitere Tests zur Koordination bringen ihn völlig durcheinander. "Ich konnte meinen Körper nicht mehr steuern. Sie haben mich auf einen Stuhl gesetzt und ich bin einfach zu Boden gerutscht." Die nächste Station ist eine Reha-Klinik, um die Hirnleistung zu trainieren. Bei Tests kommt es dort wieder zum Zusammenbruch, Günther Binnewies fällt zu Boden und landet auf der Intensivstation.

Ich weiß, wovon ich rede.

Günther Binnewies Betroffener

Aufgeben kommt für ihn aber nicht in Betracht. Im Gegenteil. Seine langjährigen Borreliose-Erfahrungen bringen ihn zum Entschluss, sich selbst zu helfen. Die Odyssee endet nach dem Besuch eines Borreliose-Kongresses in München Dort lernt Günther Binnewies, sich selbst Infusionen anzulegen. Er versucht es erneut mit dem Antibiotikum. Nicht 14 Tage. "Nach 40 Tagen ist auf einmal etwas passiert", erinnert er sich. Die Beschwerden haben nachgelassen.

Über dem Berg

Günther Binnewies kann sein Glück nicht fassen, ist seit zehn Jahren sogar beschwerdefrei und genießt die wieder gewonnene Lebensqualität. "Und ich weiß, wovon ich rede", sagt er. Was er Betroffenen wünscht: Dass es bundesweit Fachärzte für Infektologie gibt, dass die Kassenärztliche Vereinigung der Infusionsbehandlung weniger distanziert gegenübersteht. "Denn", so seine Erfahrung, "Infusionen sind zeitaufwendig, können auch eine Stunde dauern und belegen so lange den Behandlungsraum der Arztpraxis".

Günther Binnewies kam 1993 aufgrund seiner eigenen Borreliose-Erkrankung zur damals neugegründeten Heidenheimer Borreliose-Selbsthilfegruppe. Wenig später schon übernahm er deren Leitung und gründete daraus einen Verein. 1997 wurde Günther Binnewies Gründungsmitglied der bundesweiten Selbsthilfegruppe. Für sein Engagement erhielt er 2014 die Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg.

Zurück zur Übersicht: Ostalbkreis

WEITERE ARTIKEL