Wenn kleine Probleme groß werden

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Matthias (53) und Monika Benecke (47)
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Kein Fitness, kein Schwimmen: Deshalb leiden Monika und Matthias besonders unter Corona.

Abtsgmünd. Drei Mal in der Woche zum Schwimmen, zwei Mal in der Woche ins Fitnessstudio. Geht in Coronazeiten gerade nicht. Für Matthias (53) und Monika Benecke (47) ist das ein knallhartes Problem. Die beiden Abtsgmünder sind kleinwüchsig. Er ist 1,34 Meter lang, sie 1,24 Meter.

Wer als Frau oder Mann kleiner als 1,50 Meter ist, gilt als kleinwüchsig. An die 100.000 erwachsene Menschen in Deutschland haben eine Körperlänge von unter eineinhalb Metern. Der Körperbau der Familie Benecke muss deshalb besonders trainiert werden - oder besser entlastet. Im Schwimmbad in Ellwangen und Abtsgmünd ist Familie Benecke bestens bekannt. Na ja, zumindest bis alles geschlossen wurde. Zwar haben beide inzwischen auch ihre Hanteln und andere Fitnessgeräte im Wohnzimmer liegen, ihr Trainingsprogramm ist jedoch sehr persönlich. „Wir benötigen die Ansprache unseres Trainers“, sagt Matthias. Deshalb funktioniert der Reha-Sport auch nicht, weil dabei aktuell in der Gruppe trainiert wird - und im Stehen. „Wenn ich schon schlecht laufen kann, bringt mir Reha-Sport im Stehen gar nichts.“ Der richtige Blick, die schnelle Korrektur, wenn die Übung doch nicht so optimal ausgeführt wird, all das fehlt im Wohnzimmer und kann auch die Gruppe nicht ausgleichen. Gleiches gilt fürs Schwimmen. Einen Pool besitzen Monika und Matthias nicht.

Kleinwüchsigkeit wird durch Corona zum zentralen Thema

Man sieht dem Paar an, dass es mit der aktuellen Situation sehr unzufrieden ist. Das hat gar nicht einmal so viel mit der Pandemie zu tun. Denn eigentlich leben Monika und Matthias ein stinknormales Leben, wo es nicht auf die Körpergröße ankommt. Aber jetzt, durch Corona, ist die Kleinwüchsigkeit auf einmal doch wieder ein zentrales Thema. Weil sie eben nicht statt ins Fitnessstudio zu gehen, einfach joggen können. Weil sie eben nicht eine Sprossenwand in den Kellerraum hängen können. Sowieso Keller: Treppensteigen ist für Monika eine Last. Deshalb waren sie so froh, in Abtsgmünd eine Erdgeschosswohnung gefunden zu haben. Sicher, es gibt Aufzüge, aber wenn der einmal nicht funktioniert, können sie eben nicht mal schnell die Treppe nehmen.

„Unsere Kleinwüchsigkeit ist nicht unser Hauptthema bei Unterhaltungen“, sagt Matthias. Er ist leitender Angestellter, sie technische Zeichnerin. Wenn in ihrer so-haben-wir-uns-kennengelernt-Geschichte nicht die Abkürzung „VKM“ vorkommen würde, wäre ihre Liebesgeschichte bestes Filmmaterial. Er schaute sich im nordrhein-westfälischen Viersen Bilder von einer Party an, sah sie im feschen, bayerischen Outfit und verliebte sich gleich in ihre „wilde Mähne“. Er setzte Land und Leute in Bewegung, um an ihren Namen zu kommen. Als er den kannte, schrieb er ihr einen vierseitigen Brief. „Das hatte schon was von Heinz Rühmann in dem Film `Die Feuerzangenbowle`, als Rühmann all seine Abschlüsse vorlegt“, erzählt er.

In Abtsgmünd sind sie gut bekannt

Handschriftlich warb er um Monika, er legte Fotos dabei, seinen beruflichen Werdegang, „klar, ich wollte imponieren“. Per Post war das auch im Jahre 2002 schon ungewöhnlich. „Da lernte man sich auf Partys kennen, nicht auf Papier“, sagt Matthias. Als er das erste Mal zu ihr fuhr und die Lichter der Westfalenstadt verließ um seine Zukünftige im ländlichen Ellenberg zu besuchen, musste sie nachts immer wieder das Wohnzimmerlicht ein- und ausschalten, um ihm den Weg zur Haustür zu leuchten. „Die Zufahrt war nicht leicht zu finden“, sagt Monika und lacht. Diese Szene des Wohnzimmerlichtschalters als Liebesleuchtturm hätte auch der Herz-Schmerz-Schriftstellerin Rosamunde Pilcher sicherlich gefallen.

Monika und Matthias blieben zusammen. Nach vier Jahren Pendelei zog er auf die Ostalb. In Abtsgmünd kennt man die Zwei. Wenn Kinder neugierig gucken und fragen, warum sie so klein sind, vergleicht Matthias sein Aussehen gerne mit Playmobilfiguren. Die sehen auch alle ganz unterschiedlich aus, sind aber alle von Playmobil. 

Ach ja, die Abkürzung VKM muss noch erläutert werden: Sie steht für „Verband Kleinwüchsiger Menschen“. Das ist aber nur eine Randnotiz in dieser Geschichte. Wichtiger ist aktuell für Monika und Matthias, dass das Wetter besser und wärmer wird. Dann springen sie wieder in den Laubach-Stausee in Abtsgmünd - am liebsten drei Mal in der Woche.

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