Werkstatt am Ipf: Wie ein Zauberstempel entsteht

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Die Schreinerei der Samariterwerkstatt in Bopfingen produziert 19 unterschiedliche Holzspielzeuge.
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Wie in der Werkstatt am Ipf behinderte Menschen kreative und nachhaltige Holzspiele produzieren. Ein Blick über die Schultern von Alois und Hilal.

Bopfingen

Die rote Tür der großen Halle ist eher unscheinbar. Was auffällt, ist das große Schild daneben. „Spielen – forschen – entdecken“, ist dort zu lesen.  Naseweiss, ein lachender Smiley mit einer weißen Knubbelnase, lädt herzlich ein – in eine Welt aus Holz und Holzspielzeug. Die Hauptakteure dort sind Menschen mit Behinderung. Sie schaffen und kreieren in der Werkstatt am Ipf der Samariterstiftung Behindertenhilfe Ostalb fünf Tage die Woche ganz unterschiedliche Spiele – von der Sonnenuhr, über eine Blätterpresse bis hin zur Murmelmaus oder einem Insektenhotel. An diesem Tag ist es der Zauberstempel, der aus einem Teil eines Baumes von der Ostalb entsteht.

Werkstatt und ein Kobold

Es duftet nach Holz. Man riecht die frisch gesägten Bretter, sogar die Sägespäne, die am Boden liegen. Wer aber an die Werkstatt von Meister Eder und seinem Kobold Pumuckl denkt, liegt falsch. Hier in der Schreinerei ist alles hell und klar geordnet. Für eine freundliche Atmosphäre sorgen die an der Decke eingelassenen Fenster.

Rohe, unbearbeitete Bretter liegen gestapelt neben der großen Kreissäge. Alois bedient sie. Er legt das große ungehobelte Holzbrett zielgerichtet in die Säge und kürzt es. Der 59-jährige Trochtelfinger hat Routine. Die Kreissäge kreischt. Zügig entsteht die Basis für das, was später der Stempel-Korpus sein wird. 

Aus dem Brett werden im nächsten Arbeitsschritt 50 Zentimeter lange Latten, 6 Zentimeter breit und 6 Millimeter dick. „Mir macht die Arbeit mit dem Holz viel Spaß“, sagt der gelernte Glaser. Das Flair der Bopfinger Werkstatt sei besonders. Man kenne sich und schätze besonders die Teamarbeit.

Naseweiss und Zauberhand

Nicht immer sind hier Spielzeuge entstanden. „Begonnen hat die Samariterstiftung mit der Werkstatt unterm Ipf mit einer Möbelproduktion“, erklärt Werkstattleiter Roland Stelzenmüller. Doch die Konkurrenz in diesem Bereich sei groß. Weshalb im Jahr 2005 die Idee für „Naseweiss“ entstand. Seither steht nun das Spielzeug im Fokus der Produktion. Angefangen habe man damals mit fünf Spielen. Inzwischen werden unter dem Markennamen „Naseweiss“ 19 verschiedene Spiele hergestellt. Alle zertifiziert und in Handarbeit hergestellt. Zwischen 10 000 und 17 000 Stück im Jahr. „Die Nachfrage ist seit Beginn der Pandemie gestiegen“, sagt Stelzenmüller und fügt an, dass allerdings in der Werkstatt am Ipf auch individuelle Kundenaufträge erledigt werden –  wie beispielsweise aktuell die Herstellung von „Einmal-Paletten“.

Alois und Kuchenstücke

Alois ist indessen mit seinen Latten nach der Bearbeitung mit dem Hobel zur nächsten Maschine unterwegs. „Hier wird vorgeschliffen, ehe ich die Latte in die CNC-Fräsmaschine spanne“, erläutert er, der seit sieben Jahren Teil des Teams von 16 Beschäftigten und zwei Mitarbeitern ist. An der „CNC“ geht alles wie von Zauberhand – nicht nur beim Zauberstempel aus Lindenholz.  Alois spannt das Holzstück zwischen zwei Kunststoffplatten ein, startet die Maschine und tritt zurück. Die CNC-Fräse senkt sich über die Latte und produziert 16 Stempelböden. Die sehen aus wie aneinander gefügte Kuchenstücke, jedes mit einer runden Vertiefung, wie für eine Kerze gemacht. Doch weit gefehlt. Ins ausgefräste Rund des Stempelträgers wird später mit der Heißklebepistole ein grüner, gelber, blauer oder roter Spielekegel geklebt, wie man ihn von „Mensch ärgere dich nicht“ kennt – als Stempelgriff aus Holz.

Ein Schwamm für den Schliff

Zwei weitere Stationen – mit Säge- und Schleifmaschine – und Alois beendet seinen Teil der Arbeit. Jetzt geht es an die Details. Nicht mehr in der großen Werkstatthalle, sondern im wesentlich ruhigeren und kleineren Handarbeitsraum gleich nebenan. Eine der Beschäftigten dort ist Hilal. Die 23-Jährige erledigt die Feinarbeiten, wie ihre Kolleginnen und Kollegen, selbstständig und fokussiert. Damit alles so sitzt, dass es passt, verwendet sie Schablonen. Zunächst glättet die Bopfingerin aber die Kanten des Stempelträgers mit einem Schleifschwamm. Dann geht das Holzstück auf „große Reise“. Vom Bopfinger „Stempelparadies“ nach Neresheim. „Dort steht der UV-Direktdrucker der Ostalb Werkstätten“, erklärt Fabian Hausenstein die Kooperation. Das Gerät dort bedruckt die Oberfläche der einzelnen Stempel mit acht verschiedenen Motiven. Das sind die gleichen Motive, die – wieder in Bopfingen zurück – Hilal in Form einer Gummimatrize auf die Unterseite des späteren Zauberstempels klebt. „Die Matrizen kaufen wir ein, wie die Stempelkissen auch“, erläutert Hausenstein, der Gruppenleiter der Schreinerei ist.

Hilal ist mittlerweile fast fertig. Jetzt packt sie noch alles in die passende Pappröhre: acht Zauberstempel für Mandalas, Briefbögen, Tischkarten oder andere kreative Einsätze, ein Stempelkissen und eine ausführliche Anleitung.

Jetzt fehlen nur noch Kinderhände, die mit den Zauberstempeln kreativ ihre Welt bedrucken.

Lesen Sie hier den zugehörigen Meinungsbeitrag von Ulrike Schneider. 

Gut zu wissen

  • Naseweiss ist eine Gründung der Ostalb-Werkstätten. Trägerin der Einrichtung ist die Samariterstiftung, eine kirchliche Stiftung und Mitglied des Diakonischen Werkes Württemberg. 
  • Die Eigenmarke Naseweiss existiert seit 2005. Die 19 Spiele sind CE zertifiziert und viele tragen das Siegel „spiel gut“ – eine Auszeichnung für „gutes und pädagogisch wertvolles Kinderspielzeug“. Mehrere Spiele haben die Design-Auszeichnung „Form#“ vom Bundesverband Kunsthandwerk erhalten.
  • Der Zauberstempel ist, wie alle anderen Naseweiss-Spielzeuge online unter anderem unter www.naseweiss-spiele.de erhältlich. Vor Ort gibt es die Spiele im Samocca in Aalen und Heidenheim sowie im Nördlinger Cap-Markt.
  • Die Spiele kosten zwischen 10 und 40 Euro.
  • In den Ostalb-Werkstätten, anerkannte Werkstätten für Menschen mit Behinderung, arbeiten an den Standorten in Bopfingen, Neresheim und Aalen circa 530 vorwiegend geistig und psychisch erkrankte Menschen unter der Anleitung erfahrener Meister.⋌ aki
Der Stempelboden wird mit einem Schleifschwamm geglättet.
Hilal freut sich über das schöne Holz, aus dem sie später Zauberstempel macht.
Die Matrize aus Gummi, die später die Farbe des Stempelkissens aufnimmt und aufs Papier überträgt.
Alois an der Kreissäge, wo er die Latten auf 50 Zentimeter kürzt.
Man erkennt die Stempel. Sie sehen nach dem Fräsvorgang fast so aus wie Kuchenstücke.
Nachdem Alois die Latte gesägt, gehobelt und geschliffen hat, fräst die CNC-Maschine 16 Stempelböden aus dem Lindenholz.
Ein Stempelboden (l.) in "Rohform" und nach der Bearbeitung.
In der Schreinerei wird mit Schablonen gearbeitet.
Hier kommt eine neue Ladung Holz.
Aus diesen Teilen fertigen die Menschen mit Behinderung einen Zauberstempel.
Die Schreinerei der Samariterwerkstatt in Bopfingen produziert 19 unterschiedliche Holzspielzeuge.
Ein Blick in die Werkstatt am Ipf der Samariterstiftung Behindertenhilfe Ostalb. In der Schreinerei in Bopfingen produzieren Menschen mit Behinderung 19 unterschiedliche Holzspielzeuge.
In der Bopfinger Schreinerei sägt, hobelt und fräst Alois seit sieben Jahren.
Alois (r.) und sein Kollege Kevin an der CNC
Der fertige Zauberstempel (r.) und seine Einzelteile
Ein weiterer Arbeitsschritt an einer Kreissäge
Fabian Hausenstein leitet die Schreinerei.
Die Schreinerei der Samariterwerkstatt in Bopfingen produziert 16 unterschiedliche Holzspielzeuge.

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