Wie Corona für Ungleichheiten sorgt

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Schwer unter einen Hut zu bringen: im Homeoffice arbeiten und Kinder betreuen. Symbolfoto: Adobe Stock

Wie hat die Krise die Chancengleichheit verändert? Darüber berichten die Beauftragten für Chancengleichheit von Aalen, Gmünd, Ellwangen und der Ostalb. Eine Zusammenfassung.

Aalen

Die Ansichten über die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie sind geteilt: Nehmen wir am geschlechterpolitischen Rückschritt teil oder werden wir flexibler? "Was wir heute tun, entscheidet darüber, wie die Welt von morgen aussieht", wusste schon Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach – "und in diesem Sinne gilt es, die erforderlichen Maßnahmen klug zu wählen und gerade in der Krise eine gute Spur hin zu gesellschaftlicher Modernität und Gerechtigkeit zu finden".

Unterschiedliche Auswirkungen auf Frauen und Männer

Das sagen Uta-Maria Steybe, Nicole Bühler, Elke Heer und Carmen Venus. Die Beauftragten für Chancengleichheit im Ostalbkreis stellen weiter fest: "Auch wenn Frauen und Männer laut dem Grundgesetz gleichberechtigt sind, so haben doch die Corona-Maßnahmen eindeutig Unterschiede in ihren Auswirkungen auf Frauen und Männer. Gesellschaftliche Schwachstellen werden in dieser Krise brüchig und diskriminierende Strukturen werden verstärkt." Aber: Gleichzeitig deuten sich Lösungen an, wie die Frauen sagen.

Das Quartett stellt vier wichtige Aspekte vor:

Systemrelevante Frauen: Care-Arbeit und Einzelhandel "Im Einzelhandel und in den Care-Berufen arbeiten zu einem großen Anteil Frauen für wenig Geld." Care-Berufe seien alle sorgenden Tätigkeiten, wie Kinderbetreuung, Altenpflege, häusliche Pflege und haushaltsnahe Dienstleistungen. Care-Arbeit sei schlecht oder gar nicht bezahlt in den Familien. "Für beide Formen gilt: Es sind hauptsächlich Frauen, die sie ausüben, und es passiert meistens freiwillig oder aus Liebe", so die Beauftragten für Chancengleichheit.

Nun, durch Corona, werde klar, wie unverzichtbar die Care-Arbeit für das Funktionieren der Gesellschaft sei. Und es werde sichtbar, wie anstrengend und gesundheitsgefährdend diese Berufe seien. Die Systemrelevanz der Frauen und auch die schlechten Rahmenbedingungen der sogenannten Frauenberufe seien unbestritten. Was vorher schon schlecht war, werde mit Corona nicht besser, nur sichtbarer, sagen die Frauen. "Corona macht die Frauen wütend, selbstbewusst und kämpferisch, denn sie sind nun systemrelevant." Die Beauftragtem fordern daher "Änderungen im ungerechten System der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung".

Erwerbsarbeit und soziale Gesellschaft: Wenn die Corona-Krise als Chance genutzt werden soll, gelte es, die Rahmenbedingungen der Erwerbsarbeit stärker politisch zu steuern. Staatliche Zahlungen und Subventionen müssten an soziale und steuerliche Bedingungen geknüpft werden. "Es geht um ressourcensparsames, nachhaltiges, stabiles Wirtschaften. Und es geht um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und eine faire Entlohnung", so die Frauen.

Homeoffice könnte demnach nicht nur eine Maßnahme zur Pandemie-Eindämmung sein, sondern auch zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf angewendet werden. Die Erwerbsarbeit von Frauen sei für das Funktionieren von Familie, Gesellschaft und Wirtschaft unabdingbar, daher seien betriebliche Betreuungs- und Unterstützungsangebote nötiger denn je.

Die 450-Euro-Minijob-Falle müsse in sozialversicherungspflichtige Teilzeit-Arbeit umgewandelt werden, fordern die Frauen. "Dann fielen nicht mehr etwa 70 Prozent der Rentnerinnen unter das Hartz-IV-Niveau."

Bildungsungerechtigkeiten und Migration: Die Corona-Krise mit ihren Einschränkungen und Regelungen habe vor allem die Kinder getroffen: Es gab keinen Schulunterricht und keine Betreuung in Kindergärten und Kindertagesstätten. "Kinder aber lernen vor allem mit und an anderen Kindern. Dies hat weitreichende Auswirkungen auf die Sprachentwicklung, die Bildung und das Sozialverhalten. Kinder, deren Muttersprache nicht deutsch ist und deren Familie keine Bildungsnähe hat, können ihren Sprachschatz nicht weiter ausbauen", sagen die Frauen.

Die Politik sei nun gefragt, schnellstmöglich Lösungen und Wege aus dem Shutdown zu finden und vor allem Mütter und Kinder in den Blick zu nehmen.

Familienformen und häusliche Gewalt: Viele Familien seien in der Krise in die klassische Rollenverteilung zurückgefallen. Die Frau kümmere sich um Haushalt und Kinder, der Mann arbeite und verdiene das Geld.

Laut der repräsentative Mannheimer Corona-Studie, die Paare 2018 und Mitte April 2020 befragte, seien es Mütter, die in Corona-Zeiten die Hauptlast tragen. Sie seien das Rückgrat des Systems. Besonders hart treffe die Situation Alleinerziehende.

Kontaktverbote zwingen Menschen auf engstem Raum viel Zeit mit Mitbewohnerinnen und -bewohnern zu verbringen. Diese Isolation fördere häusliche Gewalt.

"Fakt ist: Diskriminierende Strukturen werden in der Krise verstärkt und die Gefahr einer Re-Traditionalisierung droht. Wer ohnehin von Rassismus, von negativen Auswirkungen der Klassengesellschaft oder Sexismus betroffen ist, wird diese Diskriminierung während Covid-19 noch stärker spüren", sagen die Beauftragten für Chancengleichheit. "Gesellschaftliches Umdenken und Handeln hin zu mehr Geschlechtergerechtigkeit bietet nicht nur aktuelle Krisenbewältigung, sondern auch die Aussicht auf mehr Stabilität, Sicherheit und Glück. Wir müssen vom Denken ins Handeln kommen", fordern die Frauen.

Die Beauftragten für Chancengleichheit: Nicole Bühler, Uta-Maria Steybe, Elke Heer und Carmen Venus.

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