Wie ein Marienbild im Baum erschien

  • Weitere
    schließen
+
Die Marienfigur im Innern der Kapelle.
  • schließen

Blind- und Taubheit sollen bei "Maria Buch" schon geheilt worden sein. Die Wallfahrtskapelle auf dem Härtsfeld berührt die Menschen noch immer.

Der Aalener Oberlehrer Emil Bayer hat einst die "Sagen der Heimat zwischen Albuch und Ries" zusammengetragen. Zu seinem 130. Geburtstag im Dezember vergangenen Jahres sind diese von der Stiftung Literaturforschung Ostwürttemberg mit Sitz in Lautern erneut herausgegeben worden. Ein Buch, aufgeteilt in acht Raumschaften wie Ellwangen, Bopfingen, Neresheim/Härtsfeld oder Lauterburg/Rosenstein. Insgesamt 125 meist kurze Texte, die in der neu aufgelegten Fassung durch Kunstdrucke, Gemälde und Fotografien ergänzt werden. Einige Sagen aus dem Buch haben wir unseren Leserinnen und Lesern schon näher vorgestellt. Diesmal richten wir unseren Blick auf das Härtsfeld.

Neresheim: Maria Buch

In der Sage beschreibt Emil Bayer die Geschichte um die Wallfahrtskapelle, die auf dem Weg vom Kloster Neresheim nach Ohmenheim am Waldrand steht. Nur eine Handvoll Padres habe in den Jahrzehnten nach dem 30-jährigen Krieg auf dem Härtsfeld in den Dörfern am Sonntag Messen gelesen. Darunter auch der Abt Menrad von Neresheim. Eines Tages sei er auf dem Weg nach Neresheim im Waldteil Schuhhäule an einer Buche vorbeireiten. "Da blieb das Pferd plötzlich wie angewurzelt stehen", schreibt Bayer. Als der Abt abstieg, um zu sehen, was die Ursache dafür sein könnte, entdeckte er am Stamm der Buche eine Maserung, die "wie eine Geschwulst aussieht". Als er seinen Begleiter diese öffnen ließ, sei ein Marienbild zum Vorschein gekommen. Erst dann ging das Pferd weiter. Der Abt ließ wegen dieses wundersamen Vorfalls eine Kapelle um die Buche bauen. "Noch heute wallfahren an Marienfesten Tausende dorthin", so Bayer.

Was ist Wahrheit, was ist Sage?

Dass die Kapelle noch steht, ist unbestritten. Und auch dem Neresheimer Stadtarchivar Dr. Holger Fedyna ist die Sage um Maria Buch "seit Kindheitstagen" wohlbekannt. "Wahr ist, dass die Benediktiner nach dem Dreißigjährigen Krieg die verwaisten Pfarrstellen, so auch die in Ohmenheim, versorgt haben", sagt Fedyna. Nach dem alten Ohmenheimer Taufbuch habe Abt Meinrad diese Stelle vom Matthiastag (25. Februar) 1661 bis 1668 versehen. Nach den Quellen – hier seien mit 1660, 1661 und 1663 drei verschiedene Jahresangaben gemacht worden – habe sich diese Erzählung so zugetragen. Aufgeschrieben habe Pater Thassilo Pollinger, Provisor von Maria Buch, die Geschichte vor seinem Tode am 12. April 1723. Seit 1663 hätten die Benediktiner dort bereits gelegentlich die Heilige Messe. Erzählt wird immer wieder auch von Wundern.

Die Sage gestern und heute

Wenn man in Maria Buch ist, dann spürt man die Besonderheit des Ortes - auch heute.

Dr. Holger Fedyna Stadtarchivar Neresheim

Auf wunderbare Weise sei beispielsweise die an Auszehrung leidende Tochter des Klosterzieglers geheilt worden und weitere Wunder geschehen, so Fedyna. Als der Zustrom der Gläubigen weiter anstieg, entschlossen sich die Neresheimer Benediktiner, eine Wallfahrtskapelle zu bauen, deren Grundstein am 21. Mai 1708 gelegt wurden. Das Patrozinium feiert man am 2. Juli, am Tag von Maria Heimsuchung.

Viele Gläubige hätten im Vertrauen auf die Fürbitte und Hilfe der Gottesmutter Heilung von körperlichen und seelischen Krankheiten gefunden. "Allerdings verzeichneten die Mirakelbücher, die von 1706 bis 1781 geführt wurden, nur ‘offiziell' 170 Personen aus 58 Orten, die dort geheilt wurden", so Fedyna. Dabei habe es sich um Blind- und Taubheit, Epilepsie, Gliederverkrümmung, Verletzungen wie Knochenbrüche, Steinleiden und Wassersucht gehandelt.

Fedyna erklärt auch, warum gerade diese Sage eine so große Bedeutung bekommen hat. "Es war die Zeit der Wallfahrten und des aufkommenden barocken Wunderglaubens, der nach der apokalyptischen Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges den Menschen Hoffnung und Geborgenheit vermittelte. Und wenn man in Maria Buch ist, dann spürt man die Besonderheit des Ortes - auch heute", sagt er. Was nicht bedeute, dass jeder auf dem Härtsfeld diese Sage kenne. Aber sie sei bekannt unter den Gläubigen und den Kulturinteressierten.

Nach einem Brand 1796 erwachte ein halbes Jahrhundert später die Erinnerung an Maria Buch. Die Neuerrichtung der Kapelle war am 2. Juli 1890, dem Patroziniumsfest, abgeschlossen. Maria Buch wurde wieder zum Anziehungspunkt für das katholische Härtsfeld. "1946 wurde die Marienfigur aus der Kapelle gestohlen", erzählt Fedyna. Heute sei "nur" noch eine Nachbildung vorhanden. Die Tradition aber bleibt bestehen. Während des Marienmonats Mai finden sonntags Andachten statt und auch Gottesdienste werden in Zeiten ohne Corona dort gefeiert.

"Sagen der Heimat" von Emil Bayer, herausgegeben von der Stiftung Literaturforschung in Lautern ist erhältlich telefonisch oder per Mail beim Einhorn Verlag. Die Leser bekommen das Buch gegen Rechnung portofrei zugesandt. Es kostet 20 Euro. Telefon (07171) 927 80-0 oder (07171) 927 80-11. Mail: Kontakt@einhornverlag.de

Mehr zum Thema

Maria Buch, ein kolorierter Stich um 1770.
Am Waldrand zwischen Neresheim und Ohmenheim steht die Wallfahrtskapelle Maria Buch.

Zurück zur Übersicht: Ostalbkreis

Mehr zum Thema

WEITERE ARTIKEL