So lebt die Ostalb

Wie eine Küche 500 Jahre überdauert

+
Der Bauernhof der Familie Gsell. In die Küche hat der Architekt einen Lehmofen nachträglich eingebaut. Schon vor Hunderten von Jahren gab es in dem Raum eine offene Feuerstelle. Fotos: Oliver Giers
  • schließen

Seit mehr als 20 Jahren lebt die Familie Gsell in einem Bauernhof in Aalen-Oberalfingen. Warum sie besonders ihre kleine Küche schätzen.

Aalen-Oberalfingen

Zeitreise. Das fällt einem spontan ein, wenn man den Bauernhof von Karl-Heinz Gsell in Oberalfingen in der Hirtengasse 4 besucht. Gsell ist Architekt und schätzt das Gebäude auf ein Alter von 500 bis 600 Jahren. Oder mehr. Die urige Küche der Gsells jedenfalls lässt an dieser Schätzung kaum einen Zweifel.

Karl-Heinz Gsell hat Architektur studiert, zuvor bei „Mannes“ in Oberkochen Zimmermann gelernt. Er ist Experte für Strohballenbau und den Bau von Lehmgrundöfen. Sein Eigener ziert die Küche und verbreitet wohlige Wärme auf der Steinbank davor. Der andere dominiert das Bild im Wohnzimmer. Wärmeversorgung der Marke autark. Die Narbe des Gebäudes allerdings, die Jahrhunderte überdauert hat, ist unter der hohen Decke in der Küche zu sehen: geschwärztes Gebälk, das Gsell vor vielen Jahren freigelegt hat. „Das war vermutlich eine Rauchküche mit einer offenen Feuerstelle“, sagt er.

Die Küche bleibt, wie sie ist

Erst habe er die Küche und das Wohnzimmer zu einen Ort verbinden wollen. Dazu allerdings sei es nach einem schnellen Einzug und der Geburt seines zweiten Sohnes nicht gekommen. „Heute wollen wir das nie mehr ändern, denn diese Küche ist seit Hunderten von Jahren Küche gewesen mit offener Feuerstelle - und ein kleiner Raum, der relativ schnell warm wird.“ Hier würden sich alle treffen. So bleibe die Küche an dieser Stelle sicherlich noch einige Jahrzehnte.

Gsell blickt nach vorne, aber auch zurück. Der Architekt hat sich mit der Geschichte von Oberalfingen beschäftigt. Weiß um die Anfänge als alte Keltensiedlung. Als der gebürtige Wasseralfinger von Tübingen in seine Heimat zurückkehren wollte, hatte er allerdings zusammen mit seiner Frau erst einen anderen Wohnort im Sinn. „Wir hatten erst in Röthardt geschaut. Südhanglage und dann am Albtrauf entlang“, erinnert er sich. Doch eine Anzeige in der SchwäPo, die er samstags auch in Tübingen las, wurde er vor 24 Jahren auf den Verkauf der Hofstelle in Oberalfingen aufmerksam.

„Es ist zehnmal größer, als das, was wir gesucht haben, aber es hat natürlich auch zehnmal mehr Möglichkeiten“, lacht der 67-Jährige. Es gebe noch viel umzubauen, Flächen zu nutzen. Allerdings für die nächste Generation. Die Größe, die Zweistöckigkeit, die Grundmauern aus Stein, all das lasse darauf schließen, dass der Hof vermutlich mal ein Lehen der Burg Hohenalfingen war, die während des Dreißigjährigen Krieges fast vollständig zerstört wurde. Auf der Suche nach mehr Informationen über das Gebäude ist er unablässig.

Auch auf Gsells Hof sieht es natürlich nicht mehr so aus, wie „anno Mittelalter“. Er hat sogar eine Sauna eingebaut. Hier und da wie in der Küche scheint die Zeit aber stehengeblieben zu sein. Oder wenn man seine Alpinen Steinschafe auf der Weide besucht. Eine alte Rasse, die viel aushält. „Die freuen sich, wenn Schnee ist“, erklärt er und merkt an, dass er durchaus jemanden brauchen könne, der ihm bei der Schäferei hilft.

Das Büro im früheren Stall

Im Erdgeschoss sei früher der Stall gewesen, weiß Gsell. Heute hat er dort sein Büro und seine Frau einen kleinen Weinladen. Im Boden sieht man noch die alten Steine, die er unter einer Glasplatte sichtbar gemacht hat. In der Stadt zu leben, das ist für Karl-Heinz Gsell und seine Frau mittlerweile undenkbar. „Ich komme in der Stadt nicht mehr so gut zurecht“, sagt er.

500 mal 365

Stattdessen will er mit ihr reisen. Als Nächstes in die Mongolei, ins „Land der nachlaufenden Rohstoffe“, wie er sagt, während er noch im Warmen sitzt. „Vor dem Ofen, da fühlt man sich wohl, weil das vor Jahrhunderten schon so passiert ist“, sagt er. 500 mal 365, so oft sei in der Küche schon gegessen, gekocht und geredet worden. So wie zuletzt zu seinem Geburtstag, als seine Kinder und Urenkel zu Besuch waren. „Es passen schon zwölf bis fünfzehn Menschen in die Küche“, sagt Karl-Heinz Gsell. Und Zusammenrücken, das ist in diesen Tagen sicher eine gute Idee. Und ein wenig wie eine Zeitreise.

Der geschätzt 500 Jahre alte Bauernhof der Familie Gsell in der Hirtengasse 4 in Oberalfingen.
Wo es heute Wein gibt, zeugen Steine unter einer Glasplatte davon, wie der Boden früher aussah.

Zurück zur Übersicht: Ostalbkreis

Mehr zum Thema

Kommentare