Wie sich Hazem Al Salo ein neues Leben in Schwäbisch Gmünd aufgebaut hat

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Hazem Al Salo und Dr. Lars Hirzel. Der Spaß an der Arbeit und dem freundlichen, täglichen Miteinander darf nicht zu kurz kommen. Foto: Andrea Grötzinger
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Hazem Al Salo aus dem Südirak hat mit 14 Jahren ohne seine Mutter und Geschwister die Heimat verlassen. Wie er in Schwäbisch Gmünd ein neues Zuhause fand.

Schwäbisch Gmünd. Es gibt niemanden, dem ich wünschen würde, das durchmachen zu müssen, was ich durchgemacht habe“, sagt Hazem Al Salo. In seiner Stimme klingt keinerlei Selbstmitleid, sondern nur die Gewissheit, Unglaubliches geschafft zu haben. Und Stolz.

Hazem lebt bis 2015 an der Außengrenze zu Belarus, dem südlichen Kurdistan im Irak. Mit gerade neun Jahren muss Hazem den Tod des Vaters verkraften, der beim Überqueren der Straße von einem Auto erfasst wird. „Plötzlich stand meine Mutter mit fünf Jungs und drei Mädchen alleine da“, erzählt er.

Schnell ist klar, dass der älteste Bruder Qasim, selbst erst 15 Jahre alt, nun die Rolle des Familienoberhaupts übernehmen würde. Von diesem Tag an geht dieser nicht mehr zur Schule, sondern arbeitet als Fliesenleger und Maler. 

Im Herbst 2014, mit der Ausbreitung des IS und der Vertreibung Zehntausender Christen und Andersgläubigen,  wird die Familie täglich mit der Gewalt konfrontiert. Das Leben steht fast still. Viele können aus  Angst vor Gefechten ihre Häuser kaum verlassen, nicht mehr zur Arbeit oder zur Schule gehen.

Viele Herausforderungen

Der älteste Bruder trifft die Entscheidung, vorerst nur für zwei seiner Brüder: „Ihr müsst hier weg! Hier könnt ihr nicht mehr sicher leben!“ Um die anderen Geschwister und die Mutter wolle er sich weiterhin kümmern. Mit etwas Bargeld und ein paar Klamotten fahren Hazem und Lasem mit dem öffentlichen Bus bis in die Türkei. Sie haben Glück und erhalten ein Visum für einige Tage. Den Weg von der Türkei bis nach Bulgarien legen sie zu Fuß zurück. „Zwölf Stunden sind wir nur gelaufen“, erzählt Hazem. „Ich musste mich unterwegs entscheiden, ob ich aus meinem Rucksack Kleider zurücklasse oder Verpflegung. Ich konnte einfach irgendwann nicht mehr alles tragen.“ Es war dann die Kleidung.

Kurz nach der serbischen Grenze treffen die beiden Jungs einen Taxifahrer, der ihre Sprache spricht. „Ich habe mein ganzes Geld, das ich dabei hatte, etwa 200 Euro, zusammengekratzt“, sagt Hazem, „und den Taxifahrer gebeten, uns Richtung Wien zu fahren, so weit das Geld eben reicht“. Während der Fahrt erfahren die Brüder die Fluchtgeschichte des Taxifahrers, der die beiden schließlich bis zum Wiener Hauptbahnhof bringt und mit den Worten „Passt auf Euch auf“ verabschiedet. Dass er für diese Wegstrecke keinen Cent angenommen habe, betrachtet Hazem auch heute noch als großes Geschenk. Die nächste Herausforderung, in Wien eine Fahrkarte  zu lösen, ohne die Sprache zu verstehen, wird mit Hilfe eines anderen Reisenden auch gemeistert. „Ich habe einfach immer fremde Menschen mit Lächeln, Händen und Füßen angesprochen und um Hilfe gebeten“, lacht Hazem, „und die meisten haben sofort geholfen.“

Die Reise geht weiter

Mit dem Zug geht die Reise weiter, über München nach Dortmund. Die erste Nacht bleiben die beiden im Haus eines Onkels. „Duschen, essen und ein Bett, das war das pure Wohlgefühl,“ freut sich Hazem heute noch. Am nächsten Morgen begleitet der Onkel seine Neffen ins örtliche Erstaufnahmelager. Da die beiden „unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“ sind, wird schnellstmöglich eine Bleibe mit Familienanschluss gesucht. „Ein Riesenglück“ nennt Hazem seinen Betreuer Jack aus Wuppertal heute noch. „Jack war für uns da, wann immer wir ihn brauchten.“ Von ihm bekommen die beiden auch den ersten deutschen Duden geschenkt. Jeden Tag picken sich die Brüder wahllos 20 deutsche Worte raus, schreiben sie auf und lernen. Da so schnell kein Schulplatz für die beiden gefunden werden kann, helfen sie sich auf diese Weise gegenseitig.

Sein Fleiß wird belohnt

Im November 2015 kann dann endlich auch der Rest der Familie nach Deutschland flüchten. Drei Monate leben die Geschwister mit der Mutter zusammen in einem Flüchtlingsheim in Iserlohe. Hazem, der sich inzwischen die deutsche Sprache schon teilweise selbst angeeignet hat, kann dort bald schon seinen Hauptschulabschluss machen. „Mein Berufswunsch war immer, Zahnarzt zu werden“, erzählt er strahlend. Die Chance, jeden Mittwoch ein freiwilliges Praktikum in einer Zahnarztpraxis machen, lässt er sich nicht entgehen und sein Fleiß wird belohnt: Er bekommt sofort im Anschluss einen Ausbildungsplatz als Zahnmedizinischer Fachangestellter. Den letzten Teil der dreijährigen Ausbildung verbringt er alleine in Nordrhein-Westfalen, da der Rest der Familie bereits nach Schwäbisch Gmünd umgezogen ist. 2020, nachdem er unter Corona-Bedingungen seinen Abschluss fertig hat, zieht er ebenfalls nach Schwäbisch Gmünd. Im Juli 2021 schließt er in Aalen die Fachhochschulreife ab. „Während dieser Zeit“, erzählt Hazem, „war ich in Schwäbisch Gmünd routinemäßig beim Zahnarzt. „Er war sehr freundlich und ich habe mich so wohlgefühlt, dass ich ihn spontan gefragt habe, ob er noch Mitarbeiter braucht.“ Nach einem Probe-Arbeitstag wird er mit einem Arbeitsvertrag belohnt.

Seitdem ist Hazem Al Salo montags, dienstags und mittwochs als Zahnarzthelfer in der Gemeinschaftspraxis Dres. Schäch / Dr. Hirzel tätig. Donnerstags bis samstags hat er „frei“. Diese Zeit nutzt er, um im Abendgymnasium das Abitur zu machen. „Im Sommer 2024 habe ich es geschafft“, strahlt er, dann möchte ich nach Würzburg, um Zahnmedizin zu studieren!“ Seine Pläne sind klar: Wenn das Studium planmäßig 2029 abgeschlossen sei, und er sich Zahnarzt nennen dürfe, dann könne es hinkommen, dass einer der drei Chefs in den Ruhestand geht. „Mein Traum ist es, in dieser Praxis als Zahnarzt mit einzusteigen!“

„Zuhause sprechen wir deutsch“

Am Ende seiner Erzählungen ist es Hazem sehr wichtig, immer wieder zu betonen, wie glücklich er ist, in Schwäbisch Gmünd zu leben, seine Familie um sich  zu haben und dass er sich nicht vorstellen kann, anderswo zu wohnen. „Wir sprechen auch innerhalb unserer Familie ausschließlich deutsch“, erzählt er, „so haben wir es alle gelernt.“ Wenn man mit ihm so zusammensitzt und plaudert, staunt man, wie gut das gelungen ist. Er engagiere sich auch ehrenamtlich in der Projektstelle für Integration und Flüchtlinge Schwäbisch Gmünd (PFIFF), denn er wisse, dass dort jede Hilfe gebraucht würde. „Ich bin Deutschland unendlich dankbar, und ich möchte so viel wie möglich zurückgeben, wenn ich es irgendwie und irgendwo tun kann!“

Dr. Lars Hirzel und Zahnarzthelfer Hazem Al Salo. (von links) Der Spaß an der Arbeit und dem täglichen Miteinander steht im Vordergrund. Foto: Andrea Grötzinger
Hazem Al Salo und Dr. Lars Hirzel. Der Spaß an der Arbeit und dem freundlichen, täglichen Miteinander darf nicht zu kurz kommen. Foto: Andrea Grötzinger
Hazem Al Salo und Dr. Lars Hirzel. Der Spaß an der Arbeit und dem freundlichen, täglichen Miteinander darf nicht zu kurz kommen. Foto: Andrea Grötzinger

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