Wir sind keine Dummerle

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Die Gedichtsammlungen "Ebbas isch emmer" und "Schwobafibel" hat Siegfried Wiedemann im Eigenverlag für Schwäbisch-Liebhaber erarbeitet. So entsteht "Heimatluscht" pur.
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Siegfried Wiedemann aus Onatsfeld hat 800 Mundart-Gedichte für Menschen auf der Ostalb überarbeitet. Er liest zu "Aisha" vor.

Aalen-Onatsfeld

Schwobapfeil – auf den Spitznamen, den ihm kürzlich ein Zeitungsmensch verpasst hat, ist Siegfried Wiedemann ein bisschen stolz. Das darf er auch sein. Denn der 69-Jährige aus Onatsfeld bemüht sich ganz besonders darum, die schwäbische Sprache mit all ihren altbewährten Ausdrücken zu würdigen. Und sie wieder verstärkt ins Bewusstsein zu rufen. Mit dem Ziel hat der gebürtige Unterkochener sogar zwei Bücher im Eigenverlag veröffentlicht. Deren Titel: "Ebbas isch emmer" und "Schwobafibel".

Intensiv widmet sich Siegfried Wiedemann dem Schwäbischen seit zehn Jahren. Der ehemalige Mitarbeiter im Marketing der Kreissparkasse war gerade erst in Altersteilzeit. "Da kam mir ein altes Büchle in die Hand, ein Erbstückle vom Onkel Max", erzählt er. Der Buchtitel: "I möcht' amol wieder a Lausbua sei", Gedichte und Geschichten in schwäbischer Mundart von Werner Veidt. Das habe ihm so gut gefallen, dass er sich nach und nach viele weitere Werke auf Schwäbisch zugelegt habe: nicht nur von Werner Veidt, sondern zum Beispiel auch von Otto Keller, Lina Stöhr und Sebastian Blau.

Thaddäus Troll, ein Gescheiter

"Natürlich sind auch Stücke von unserem Schriftsteller und Theaterkritiker Thaddäus Troll aus Bad Cannstatt dabei", betont Wiedemann. "Wie viele weitere Schwaben auch, war das ein Gescheiter. Obwohl wir gerne in anderen Landstrichen als Dummerle abgetan werden."

Zu seinen Sammlungen zählten auch Gedichte von Fred Ohnewald, dem Vater des gleichnamigen Redakteurs, der heute in Ellwangen bei der SchwäPo arbeitet. "Der war nicht nur ein guter Schriftsetzer, sondern auch ein begnadeter Mundartdichter", erklärt Wiedemann.

Ostalb-Schwäbisch gewählt

Etwa 100 Bücher mit 2000 schwäbischen Gedichten besitze er inzwischen, erzählt der 69-Jährige. Die 800 Besten habe er überarbeitet – auf ein Ostalb-Schwäbisch übersetzt. Natürlich im Bewusstsein, dass bei uns im Landkreis längst nicht überall gleich gesprochen wird.

Wiedemann nennt ein Beispiel: "Lass mich gehen" werde bei uns mancherorts als "Lau mi gau" gesprochen, woanders als "Lass mi ganga". "In dem Fall habe ich die Version gewählt, die ich schwätze", erläutert er.

Bei Lesungen beliebt

Aus dem einfachen Grund: Der "Schwobapfeil" hat mit seinen Lesungen schwäbischer Gedichte vielerorts Auftritte. Zum Beispiel bei den Kulturgemeinden Wasseralfingen und Oberkochen, dem Literaturkreis von Frauen in Unterkochen oder dem schwäbischen Stammtisch in Wasseralfingen. Die Texte, die er dort vorträgt, müssten für ihn gut lesbar sein.

"Deshalb schreibe ich auch nicht in Lautschrift", sagt Wiedemann. "Damit komme ich bei meinen Vorträgen nicht so gut klar. Ich meine, jeder sollte das Schwäbische so schreiben, wie er es am besten lesen kann."

Bei seinen Lesungen habe er bemerkt, dass eine Lose-Blatt-Sammlung von 800 Gedichten nicht sonderlich praktisch zu handhaben ist, erzählt er weiter. Deshalb habe er die Werke zuerst katalogisiert, also in Themenbereiche unterteilt. Dann sei die Idee entstanden, daraus Bücher zu machen.

"Sie sind im Eigenverlag entstanden. Ich verschenke die Bücher nur im engsten Familienkreis", betont Wiedemann. Ansonsten hätte er einen großen Aufwand damit gehabt, das Urheberrecht einzuhalten er.

"Ebbas isch emmer" habe er sein erstes Buch genannt, erzählt der 69-Jährige und muss schmunzeln, als er weiterspricht. Inzwischen habe der Komödiant und Liedermacher Ernst Mantel aus Laubach sein neues Programm im Duo "Ernst und Heinrich" mit "Irgendwas isch emmer" überschrieben. "Zwei Schwaben, ein Gedanke", kommentiert Wiedemann.

"schwäbisch-deitschas Lexiko"

Das zweite Buch des Onatsfelders trägt den schlichten Titel "Schwobafibel". Der Untertitel verrät "Bloß ebbas fir ächte Schwoba, nur dia kennat des läsa." An seine Sammlungen in diesem Buch – unter anderem in den Kapiteln "schwäbische Witz ond Schprüch" oder "schwäbische Liadr ond Lompaliadla" – hat Wiedemann dankenswerter Weise sein "schwäbisch-deitschas Lexiko" angehängt. So können diejenigen, die dem urigen Schwäbisch nicht so mächtig sind, bei der Lektüre dazulernen.

Jeder sollte Schwäbisch so schreiben, wie er es am besten lesen kann.

Siegfried Wiedemann Mundartliebhaber aus Onatsfeld

"eischwäbisierte Wörtla"

Unter dem Kapitel "eischwäbisierte Wörtla" finden Schwäbisch-Anfänger außerdem Begriffe, die aus dem Französischen stammen. "Das sind ziemlich viele", erläutert Siegfried Wiedemann, und nennt einige Beispiele:

  • Billädd (französisch: billet), Fahrkarte;
  • brässiera (französisch: pressant), es eilig haben;
  • Bredull (französisch: bredouille) Bedrängnis, Not;
  • Kasserol (französisch: casserole), niedrige längliche Eisenpfanne mit Deckel;
  • Muggafugg (französisch: mocca faux), dünner Kaffee;
  • Ragall (französisch: racaille), streitsüchtige Frau;
  • Schässloh (französisch: chaiselongue), Sofa;
  • Suttrai (französisch: Sous-terrain), Keller;
  • Zirenka (französisch: sering), Flieder.

"D´Lizbeth" trifft auf "Aisha"

Apropos "Ragall": Diesem Typ von Frau hat Wiedemann ein eigenes Gedicht in seiner "Schwobafibel" gewidmet. In einem weiteren Werk beschreibt er d´Lizbeth, die bei allem, was Spaß macht, rät: "Siegfried, loß bleiba – es tuat dr net guat."

Das neueste Werk von Siegfried Wiedemann: Seine "Lizbeth" liest er in einer Videoaufzeichnung vor, zur Melodie des populären Songs "Aisha". Das Video dürfe er natürlich nicht im Internet veröffentlichen, aus urheberrechtlichen Gründen, betont er. Aber jungen Leuten in seinem Umfeld könne er damit schwäbisch vielleicht "schmackhafter" machen.

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