Wo der Putz das Unterrichtsfach zeigt

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Die Legende von den „Sieben Schwaben“ ist verewigt von Sieger Köder und seiner Kunst-AG an diesem Wohnhaus einer damals befreundeten Familie in der Friedrichstraße in Aalen.
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In den 1960er-Jahren haben der spätere Malerpfarrer Sieger Köder und seine Kunst-AG individuell zugeschnittene Werke in den Fassadenputz gekratzt.

Aalen.

Nachträgliche Wärmedämmung an Gebäuden kann unter Umständen Kunstwerke zerstören – wenn sie im Putz aufgebracht sind. In Aalen ist auf diese Weise ein Werk Sieger Köders und seiner Kunst-AG am Schubart-Gymnasium verschwunden. Eines von insgesamt drei,die für Mitglieder des damaligen Lehrerkollegiums geschaffen wurden. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute: Zwei weitere sogenannte Sgraffiti sind erhalten geblieben, eines in Aalen, ein weiteres ziert in Heubach ein Wohnhaus.

Aalen, 1954: Im Alter von 29 Jahren kommt Sieger Köder als Englischlehrer und Kunsterzieher an die Schubart-Oberschule (SOS) in Aalen, wenig später umbenannt in „Schubart-Gymnasium(SG)“. Elf Jahre später, 1965, wird er die Schule verlassen und den Lehrerberuf an den Nagel hängen, um katholische Theologie zu studieren, und schließlich der bekannte „Malerpfarrer“ werden.

Köder begründet am „SG“ eine Kunst-AG mit Schülern, der unter anderem Helmut Schuster, Hannes Münz, Wolfgang Roth und Artur Elmer angehören. Kunst gehöre in die Öffentlichkeit, so die Meinung in der engagierten Gruppe. Nicht unbedingt auf einen Sockel, sondern auch an so profane Orte wie eine normale Hauswand. Elmer erinnert sich daran, wobei er bekennt, dass Kunst am Bau nicht so seine Sache gewesen sei. Außerdem habe die Sache mit den Sgraffiti erst in den 60er Jahren so richtig Fahrt aufgenommen. Damals sei er als Angehöriger des Jahrgangs 1939 schon im Studium gewesen.

Kunst-AG gestaltet Fassaden

Viele private Wohnhäuser werden gebaut wird in den Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts. Zu den Bauherren gehören auch drei Mitglieder des Lehrerkollegiums:  Walter Greim, Ernst Häußinger und Herbert Plickert. Die Kunst-AG erhält die Möglichkeit, Hausfassaden zu gestalten. Was deren Mitglieder dabei machen, hat jeweils mit der Person der Kollegin oder des Kollegen zu tun.

Sport- und Englischlehrer Walter Greim baut in Heubach, in der Hauptstraße 111. Und so passt es unbedingt, dass das etwa 120 mal 200 Zentimeter große Putz-Relief über der Garageneinfahrt an der Front seines Hauses in drei verschiedenen Farben und Schichten einen sportlichen Wettlauf darstellt.

Musik- und Deutschlehrer Ernst Häußinger baut im Hüttfeld, in der Friedrich-Schwarz-Straße. Das Sgraffito dort ist etwas größer und in vier Farben lebhaft gestaltet. Musikalische Themen greift es auf; man erkennt unter anderem Noten, einen Notenständer, Klaviertastatur, einen Kontrabass. „Das ist das schönste Sgraffito des damaligen Teams“, meint Burkhard Michalsky, Vorsitzender des Bundes für Heimatpflege Wasseralfingen.

Verschwundenes Werk

 Als ältester Neffe des 2015 verstorbenen Malerpfarrers ist er geradezu dafür prädestiniert, diesen Dingen auf den Grund zu gehen. Michalsky hat bei seinen Nachforschungen für eine beabsichtigte Ausstellung im Sieger-Köder-Haus auch das verschwundene Werk im Putz des ehemaligen Wohnhauses von Herbert Plickert entdeckt (siehe nebenstehender Artikel).

Dass es nicht immer vieler Schichten und Farben bedarf, um ein pfiffiges Kunstwerk in den Mauerputz zu zaubern, zeigt ein Beispiel in der Friedrichstraße 27 in Aalen,am ehemaligen Wohnhaus von Guido und Elfriede Kienle. In verblichenem Burgunderrot sind die „Sieben Schwaben“ auf ihrer legendären Hasenjagd im Reibeputz gut zu erkennen. Es ist wohl das Sgraffito, das in Aalen aufgrund seiner Platzierung an einer Hauptverkehrsachse am häufigsten gesehen wird. Auch bei diesem Werk sei die Kunst-AG mit von der Partie gewesen, erzählt Burkard Michalsky. Allerdings hat es nichts mit dem Schubart-Gymnasium zu tun. Guido Kienle war ein Freund Köders aus der katholischen Jugendbewegung „Bund Neudeutschland“.

Kratzen als kreativer Vorgang

  • Der Begriff  Sgraffito  (Plural:  Sgraffiti) ist vom italienischen Verb „sgraffiare“ , deutsch  kratzen, abgeleitet. Es ist eine historische Dekorationstechnik zur Bearbeitung von Wandflächen. Nach dem Auflegen verschiedenfarbiger  Putzschichten werden Teile der oberen Putzschicht abgekratzt und Teile der darunterliegenden Putzschicht freigelegt, so dass durch den Farbkontrast ein Bild erzeugt wird. Bei mehrfarbigen Sgraffiti ist die Technik schwierig, da der Bildaufbau umgekehrt werden muss: Zuerst werden die Details angelegt, die Umrisse werden erst zum Schluss sichtbar. Daher ist zur Erstellung eine umfangreiche Vorausplanung erforderlich. 
Die Legende von den „Sieben Schwaben“ ist verewigt von Sieger Köder und seiner Kunst-AG an diesem Wohnhaus einer damals befreundeten Familie in der Friedrichstraße in Aalen.
Am ehemaligen Haus von Sportlehrer Walter Greim in der Hauptstraße in Heubach haben Sieger Köder und seine Kunst-AG im Stil der 60er-Jahre einen Wettlaufdargestellt.
Am ehemaligen Haus von Sportlehrer Walter Greim in der Hauptstraße in Heubach haben Sieger Köder und seine Kunst-AG im Stil der 60er-Jahre einen Wettlaufdargestellt.
Musikalische Motive zeigt das Sgraffito an der Wand des ehemaligen Wohnhauses von Musiklehrer Ernst Häußinger in der Aalener Friedrich-Schwarz-Straße.

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