Zeiss-Vorstandschef: „Technologie kann die Welt verändern“

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Dr. Karl Lamprecht arbeitet seit 2005 bei Zeiss, seit 2020 ist er Vorstandsvorsitzender des Konzern. Er folgte auf Prof. Dr. Michael Kaschke.
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Zeiss-Vorstandschef Dr. Karl Lamprecht über den Halbleitermangel, den Wert von Fehlern und die DNA von Zeiss.

Oberkochen

Wirtschaftlich hat der Zeiss-Konzern die Corona-Pandemie hinter sich gelassen und ist rechtzeitig zum 175. Geburtstag wieder auf den Rekordkurs der Vorjahre zurückgekehrt. Vorstandschef Dr. Karl Lamprecht erklärt im Interview, wie viel Gründergeist noch im Konzern steckt, warum dem weltweiten aktuellen Chipmangel nicht so einfach beizukommen ist, wie die revolutionäre EUV-Technologie funktioniert – und was er als Österreicher von Ostwürttemberg hält.

Sie arbeiten seit 2005 für Zeiss. Haben Sie schon mal den Preis als „erfolgreich gescheitert“ gewonnen, den Zeiss intern vergibt?

Dr. Karl Lamprecht: Ich glaube sogar mehrfach. Wenn man Entscheidungen mit limitierten Informationen treffen muss, die weit in die Zukunft reichen, liegt man häufiger mal falsch. Das liegt in der Natur der Sache. Die Frage ist, wie man mit Fehleinschätzungen umgeht. In einer Position wie der meinen, stellt sich das unter Umständen erst nach Jahren heraus. Der wahre Wert, Fehler zu machen, liegt darin daraus zu lernen, damit man sich das nächste Mal besser vorbereiten kann.

Wo sind Sie zum Beispiel falsch gelegen?

In meiner Anfangszeit bei Zeiss hatten wir ein Joint Venture mit dem Laserunternehmen Cymer und wollten im Solarzellen-Prozess Fuß fassen. Das war eine super Technologie, die gut funktioniert hat, aber es wurde kein Geschäft daraus. Daher haben wir das Projekt trotz der getätigten Investitionen wieder beendet. Zeiss nutzt eine solche Fehlerkultur. Wir haben gelernt mit solchen Fehlschlägen umzugehen. Wenn man als Unternehmen nie Fehler macht, lässt man Möglichkeiten ungenutzt.

Die EUV-Chip-Technologie ist aktuell eine der großen Erfolgsgeschichten von Zeiss. Wie oft stand das Projekt auf der Kippe?

Bereits 1995 haben wir begonnen an der EUV-Lithographie zu forschen. Da gab es schon viele Diskussionen, ob diese Technologie realisierbar ist. Wir mussten bei der Entwicklung und Fertigung viele Hürden überwinden – und immer wieder Rückschläge wegstecken. Aber wir sind drangeblieben. Persönlich habe ich immer an den EUV-Erfolg geglaubt. Denn ich habe ein hohes Vertrauen in unsere Mitarbeitenden. Für mich war das immer eine Frage der Zeit bis wir eine Lösung für die hochkomplexe EUV-Technologie finden. Dazu war es auch wichtig, sich von Beginn an eng mit unserem strategischen Partner ASML abzustimmen. Das hat sich ausgezahlt.

Woher rührt dieses Grundvertrauen?

Meine Erfahrung ist: Wir bei Zeiss lösen technische Probleme – manchmal auch Probleme, für die es kein Geschäftsmodell gibt.

Erklären Sie doch bitte einmal diese hochkomplexe EUV-Technologie zur Chipherstellung in einfachen Worten?

Lithographie zeichnet mit Laserlicht auf dem Fotolack gewisse Strukturen. Mit jeder neuen Generation von Optiken bekommt man immer mehr Transistoren auf eine Fläche und erzeugt immer feinere Strukturen auf den Mikrochip. Damit werden Schaltkreise kompakter und die Mikrochips jedes Jahr leistungsfähiger und energieeffizienter. Das Licht der bisher dafür verwendeten Technologie ist gröber, vergleichbar mit einem dicken Edding-Stift. Mit der neu eingeführten EUV-Technologie können Sie mit einer fast 15-mal kürzeren Wellenlänge viel feiner schreiben – also ­wie mit einem dünnen Bleistift. Den Unterschied macht die Wellenlänge des in der Lithographie eingesetzten Lichts.

Wo kommen diese Chips zum Einsatz?

Sie steckt in allen neuen Geräten von Apple bis Samsung. Nahezu jeder bessere Computerchip ist mit Zeiss Technologie belichtet – und im Übrigen auch mit Zeiss-Technik vermessen.

Wie kommt es eigentlich zu dem momentanen Mangel an Computerchips?

Die unerwartete Nachfragesteigerung in vielen Bereichen hat zu einem weltweiten Engpass in der Halbleiterindustrie geführt. Chips sind knapp, besonders im Automotive-Segment. Der erste Gedanke in einer solchen Krise ist natürlich, man muss nur ausreichend Kapazitäten aufbauen. Aber das ist nicht so einfach: Der Aufbau einer Chipfabrik dauert Jahre. Die Unternehmen haben ihre Lieferketten in der Vergangenheit stark auf Just-in-Time ausgerichtet, das ist aktuell ein Nachteil. Allerdings: Dass die Nachfrage nach Halbleitern und damit deren Markt so schnell wächst und der Umsatz hier binnen eines Jahres um deutlich über 20 Prozent gestiegen ist – damit hätte auch ich nicht gerechnet.

Zeiss wird in diesem Jahr 175. Wie viel von den Gründern Carl Zeiss und Ernst Abbe steckt heute noch im Unternehmen?

Die DNA von Zeiss ist vielschichtig. Ein zentrales Element ist es, Partnerschaften zu bilden. Der junge Feinmechaniker Carl Zeiss hat damals erkannt, dass er Theorie und Wissenschaft benötigt, um Lösungen zu gestalten. Darum hat er sich mit dem Physiker und Mathematiker Ernst Abbe zusammengetan. Und dann haben sie erkannt, dass er sehr gute Materialien für ihre optischen Instrumente benötigt und haben sich mit Otto Schott für das bestmögliche Glas verbunden. Als Technologieunternehmen setzen wir auch heute massiv auf Partnerschaften, weil wir nicht allein die Kompetenzen haben, um komplexe Lösungen zu bauen.

Wie wirken sich die Engpässe auf dem Rohstoffmarkt auf Zeiss aus?

Die Effekte sind für uns derzeit eher gering. Wir haben ein weltweites Netzwerk von Zulieferern und Partnern, das uns weiterhilft. Zudem haben wir ein sehr professionelles Supply-Chain-Management und ein systematisches Risk-Management. Wenn es Probleme mit unseren Lieferanten geben sollte, managen wir das proaktiv. Was wir hingegen punktuell spüren, ist der Mangel an Elektronikkomponenten. Hier haben wir jedoch den großen Vorteil, dass wir in der Regel keine Großserien produzieren, wie es etwa bei Autoherstellern oder -zulieferern der Fall ist, sondern kleinere Serien. Natürlich steigen die Kosten für Rohstoffe und Komponenten, aber angesichts der Komplexität unserer Produkte fällt diese Steigerung nicht so schwer ins Gewicht wie in anderen Branchen. Aber teilweise sind unsere Lieferzeiten etwas höher angestiegen, als wir das gerne hätten.

Sie haben zuletzt sogenannte Innovation-Hubs in Karlsruhe, München und Dresden eröffnet. Was ist der Hintergrund?

Mit diesen Innovation-Hubs bauen wir ein Netzwerk auf und sichern uns früh die Kontakte zu den Spezialisten der Zukunft, vor allem im Software- oder Elektronikbereich, und natürlich auch zur Forschung. Alle Standorte verfügen über hervorragende Universitäten. Es sind bereits viele vielversprechende Projekte dort entstanden.

Sie schaffen hunderte Jobs in der Region Ostwürttemberg. Ihr Vorgänger, Herr Kaschke forderte unter anderem deshalb, die Region müsse sich attraktiver aufstellen, um dem Fachkräftemangel Herr zu werden. Sehen Sie das auch so?

Ich als Gast aus Österreich möchte einmal sagen, dass Ostwürttemberg eine super Region ist, vor allem was die Arbeitseinstellung betrifft: Die Leute ziehen wirklich alle voll mit und sind top-motiviert. Das macht auch den Erfolg der vielen mittelständischen Unternehmen aus. Uns bei Zeiss gelingt es trotz des Fachkräftemangels in Summe erfolgreich, neue Mitarbeitende an Bord zu holen. In manchen Bereichen, etwa der Softwareentwicklung, tun wir uns ab und an etwas schwerer. Was ich mir wünschen würde: Dass die Region bei den Opportunitäten mitzieht uns seine Vorteile nicht verspielt. Es beschäftigt uns schon, wenn es für die Bevölkerung schwieriger wird, Wohnungen oder Häuser zu finden. Wir haben in den vergangenen zwei Jahren allein bei der SMT 1.200 Menschen neu eingestellt. Wichtig wäre auch, wenn Infrastrukturprojekte schneller realisiert oder der ÖPNV besser ausgebaut werden würde.

Wo sehen Sie die größten Hemmnisse für den Hightech-Standort Deutschland?

Ich habe generell den Eindruck, dass die analoge und die digitale Welt in Deutschland immer noch zwei Welten sind. Das war schon vor der Pandemie erkennbar und wurde während dieser noch klarer. Wir müssen gerade in Fragen der Infrastruktur deutlich schneller werden. Innovative Firmen sorgen für Problemlösungen und damit für Fortschritt. Sie sollten allgemein stärker gefördert werden – das beziehe ich aber ausdrücklich nicht auf Zeiss. Wir haben in der Regel die Mittel, um selbst zu investieren. Die Wirtschaft braucht mehr Unterstützung auch bei den mittelfristigen Rahmenbedingungen, etwa bei der Stärkung der MINT-Fächer. Hier wird die Basis für die Zukunft gelegt. Wir müssen Innovationen vorantreiben. Ich bin der festen Überzeugung: Technologie kann die Welt verändern und viele unsere Probleme lösen.

Welchen Wunsch haben Sie an die kommende Bundesregierung?

Vor allem, dass die Regierungsbildung schnell vollzogen wird und diese eine klare Richtung vorgibt. Ein Schwebezustand, wie wir es in der Vergangenheit schon einmal hatten, ist nicht gut für die Wirtschaft. Mein größter Wunsch wäre natürlich, dass die neue Koalition innovative Technologieunternehmen stärkt. Sie sorgen für den notwendigen nachhaltigen Fortschritt.

Zeiss wird 175 und ist weiter auf Rekordkurs: 1000 neue Jobs auf der Ostalb

Jubiläum: Den Geburtstag feiert Zeiss dort, wo Carl Zeiss das Unternehmen 1846 gegründet hat: in Jena. Die große Gala fällt aus, wegen der Corona-Pandemie wird virtuell gefeiert.

In Ostwürttemberg beschäftigt das Unternehmen inzwischen rund 9700 Menschen - 1000 mehr als noch im Vorjahr - den Großteil am Stammsitz in Oberkochen und 1200 im Aalener Werk. Allein auf der Ostalb hat Zeiss derzeit mehr als 500 offene Stellen zu besetzen. In beide Standorte hat der Konzern erheblich investiert. In den vergangenen zehn Jahren wurden auf der Ostalb rund 700 Millionen Euro investiert. In den kommenden vier Jahren will Zeiss weitere 250 Millionen Euro investieren. Heißt: Zeiss ist weiter auf Wachstumskurs. Der Umsatz stieg im vergangenen Geschäftsjahr 2020/21 auf mehr als sieben Milliarden Euro, ein Plus von mehr als zehn Prozent. Der operative Gewinn wird mehr als eine Milliarde Euro betragen.

Der Konzern besteht aus vier Sparten: der Halbleiterbereich SMT, Medizintechnik, sogenannte „Consumer Products“ (etwa Brillen und Objektive) sowie Messtechnik und Mikroskopie. Alle vier Sparten sind zuletzt gewachsen, vor allem die SMT profitiert nicht nur vom Chiphunger der Weltwirtschaft, sondern von der entwickelten EUV-Technologie, die die kleinsten und leistungsfähigsten Chips ermöglicht. Zeiss ist die weltweit einzige Firma, die diese Technologie produzieren kann.

Die EUV-Technologie von Zeiss ermöglicht Chipstrukturen, die 4000-mal dünner sind als ein menschliches Haar. Zeiss stellt die optischen Systeme her, Trumpf aus Ditzingen die Lasertechnologie und der niederländische ASML-Konzern die Produktionsanlagen der Chips.

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