Zivilschutz im Ostalbkreis: Gewappnet für den Ernstfall? 

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Mehrere Fahrzeuge sind im Einsatz, wenn dem Ostalbkreis eine nukleare Katastrophe droht.
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Angesichts der angespannten politischen Lage fragen sich nun viele, was passieren würde, wenn der Krieg bis in die Region kommt. Das Landratsamt beantwortet einige Fragen.

Aalen. Krieg in Europa: Was bis vor Kurzem für die meisten unvorstellbar war, ist seit einigen Tagen bittere Realität. Und vor allem die Tatsache, dass der russische Präsident Wladimir Putin nun die Atomstreitkräfte in Alarmbereitschaft versetzt hat, besorgt viele Menschen – auch im Ostalbkreis. Obwohl ein Atomkrieg von Experten als sehr unwahrscheinlich eingeschätzt wird, stellt sich die Frage: Wäre man hier im Ernstfall für einen Angriff gewappnet? 

Gibt es noch Bunker im Ostalbkreis? 

"2007 gab die Bundesregierung bekannt, sich aus dem Schutzraumkonzept zurückzuziehen", erläutert Lena Kümmel, Sprecherin des Landratsamts. Bis auf einzelne Ausnahmen seien die Anlagen deaktiviert worden. "Aktuell haben wir noch zwei in Aalen, die aber nicht mehr aktivierbar sind." Einer davon sei die Tiefgarage im Landratsamt. "Es gibt noch einen privaten Bunker in Aalen, der noch nicht zurückgebaut wurde, von diesem wir die Adresse nicht bekanntgeben dürfen", so Kümmel weiter. Ansonsten habe es früher zahlreiche weitere private Bunker im Landkreis gegeben. Diese wurden aber mittlerweile ebenfalls zurückgebaut.

Kann die Bevölkerung im Falle eines Atomangriffes geschützt werden? 

Zuständig für den Schutz der Bevölkerung im Falle einer nuklearen Katastrophe ist der ABC-Fachdienst (Atomar, Biologisch, Chemisch), wobei heute oftmals auch vom CBRN-Fachdienst (Chemisch, Biologisch, Radiologisch, Nuklear) die Rede ist. "In Aalen bei der Feuerwehr haben wir einen Gerätewagen Dekon-P als Teil eines großen Dekontaminationsplatzes und einen ABC-Erkundungswagen stationiert", so Kümmel. Das Dekontaminierungsfahrzeug sei ein Teil eines Einsatzverbunds von mehreren Fahrzeugen, die im Einsatzfall im Ostalbkreis genutzt werden können. 

Ausgelegt für einen atomaren Angriff seien diese Fahrzeuge allerdings nicht. "Sie wurden eigentlich für die Zeit nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl angeschafft", ergänzt die Sprecherin. 

Wie wird die Bevölkerung im Ostalbkreis gewarnt? 

Eine Warnmeldung werde über verschiedene Wege verbreitet, um möglichst viele Menschen zu erreichen. Zum Beispiel über Radio und Fernsehen, Internetseiten, Social Media, Warn-Apps, Lautsprecherwagen oder Sirenen. Vielen kommt in diesem Zusammenhang wohl der Warntag 2020 in den Sinn – bei dem sich zeigte, dass es um das Sirenennetz in Deutschland schlecht bestellt ist. 

Lena Kümmel kennt den Grund dafür: Das Sirenennetz sei nach dem Ende des Kalten Krieges vom Bund der öffentlichen Benutzung entzogen worden. Aktuell seien noch 22 betriebsbereite Sirenen im Ostalbkreis vorhanden. Aber: "Als Reaktion auf die Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen im Sommer 2021 wurde ein Sonderförderprogramm des Bundes für den Aufbau von Sirenen aufgelegt."

Daran beteilige sich auch der Ostalbkreis. Es seien alle Kommunen abgefragt worden. Das Ergebnis: Über 100 Anlagen wurden beantragt,  von diesen haben gut 27 Prozent eine Förderzusage erhalten. "Wir hoffen, dass das Programm fortgesetzt und verstetigt wird", sagt Kümmel. Denn: Sirenen seien ein etabliertes Warnmittel und in Gebieten mit hohem Gefährdungspotenzial sinnvoll, wo Menschen schnell und mit hohem Erreichungsgrad erreicht werden müssen. Ein Termin für einen weiteren bundesweiten Warntag steht noch nicht fest – er soll aber noch 2022 stattfinden. 

Werden im Fall einer nuklearen Katastrophe Jod-Tabletten an die Bevölkerung verteilt? 

"Es werden bei uns zentral Jod-Tabletten vorgehalten", bestätigt Lena Kümmel. Diese seien für zivile kerntechnische Zwischenfälle beschafft worden und würden im Notfall an zentralen Stellen ausgegeben werden. Das habe man im Jahr 2015 im Rahmen einer landesweiten Übung auch im Ostalbkreis geprobt.

Was aber hat es mit den Jod-Tabletten auf sich? "Bei einem Unfall, etwa in einem Kernkraftwerk, könnte es zur Freisetzung radioaktiver Stoffe, darunter auch radioaktivem Jod, kommen", erläutert Kümmel. Werde radioaktives Jod eingeatmet oder gelangt über Nahrung oder Getränke in den Körper, könne es sich in der Schilddrüse anreichern und die Entwicklung von Schilddrüsenkrebs fördern. "Wenn Betroffene zum richtigen Zeitpunkt nicht-radioaktives Jod in Form von hochdosierten Jodtabletten einnehmen, können sie verhindern, dass sich radioaktives Jod in ihrer Schilddrüse anreichert."

Wichtig ist aber: Die Einnahme der Jodtabletten wird nicht für alle Bürgerinnen und Bürger empfohlen. Das Bundesamt für Strahlenschutz gibt an, dass nach ausdrücklicher Aufforderung durch die Katastrophenschutzbehörden in den betroffenen Gebieten alle Personen bis 45 Jahre Jodtabletten einnehmen. Da die Schilddrüse insbesondere bei Kindern und Jugendlichen bis 18 Jahre besonders empfindlich ist, ist für sie die Einnahme von Jodtabletten besonders wichtig. Bei Schwangeren dient die Einnahme von Jodtabletten insbesondere dem Schutz des ungeborenen Kindes.

Hörbeispiele zur Bevölkerungswarnung und -entwarnung gibt es auf der Internetseite des Lands Baden-Württemberg. 

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Im Ernstfall ist der Bund zuständig

  • Bei kriegerischen Konflikten liegt die Zuständigkeit des Zivilschutzes beim Bund, wie im Artikel 73 des Grundgesetzes festgelegt ist. Damit soll die Zivilbevölkerung vor kriegsbedingten Gefahren geschützt werden. Zu den Aufgaben gehören unter anderem die Warnung der Bevölkerung, Schutzbaumaßnahmen, eine Aufenthaltsregelung, Maßnahmen zum Schutz der Gesundheit und von Kulturgut. 
  • Der Bund greift dabei auf die Einheiten und Einrichtungen des Katastrophenschutzes der Länder zurück. Hierfür werden die Länder ergänzend ausgestattet und ausgebildet. Länder und Kommunen können bei Katastrophen von nationaler Tragweite das Technische Hilfswerk, die Bundespolizei und die Bundeswehr zur Unterstützung anfordern.
  • Weitere Informationen stellt das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe zur Verfügung. 

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