Zukunft der Kliniken: Verantwortung übernehmen ohne rückwärtsgewandte Romantik

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Dr. Karsten Gnauert antwortet in seinem Gastbeitrag auf den Gastkommentar von Dr. Manfred Wiedemann, der in der vergangenen Woche erschienen ist.

Gastkommentar von Dr. Karsten Gnauert zur Klinikdebatte im Ostalbkreis

Es ist schon befremdlich, wenn sich Gastkommentator Manfred Wiedemann unter dem Deckmantel der Medizinethik für lokale Interessen instrumentalisieren lässt. Es wird auch dadurch nicht besser, dass er sich an romantischen Arztfantasien abarbeitet und darüber beklagt, dass Medizin nicht mehr losgelöst von Ökonomie funktioniert. Ganz unverständlich wird es, wenn den Entwicklern einer Zukunftsstrategie in anmaßender Art als „Dampfwalze der Ökonomie“ ein Zerstören wollen der regionalen medizinischen Versorgung unterstellt wird.

Manchmal hilft der normale Menschenverstand! Jedes komplexe System benötigt zukunftsträchtige Strukturen. Die nationale Gesundheitspolitik und ökonomischen Rahmenbedingungen sind hierfür die Taktgeber. Wir können nicht so tun, als wäre der Ostalbkreis in einem Vakuum, losgelöst von den steigenden Strukturvorgaben der Gesundheitspolitik, Personalengpässen und Finanzierungsproblemen. Zukünftig werden die nationalen „Mindest-Mengen-Vorgaben“ für die Kliniken dazu führen, dass bestimmte Behandlungen nur noch dann angeboten werden dürfen, wenn diese von einem routinierten Team oft genug durchgeführt werden. Dass dies zum Wohl unserer Patienten zu einer Verbesserung der Behandlungsqualität führt, ist keine neue Erkenntnis.

Schwerwiegend schädlich wäre, dies zu ignorieren im Sinne von: weiter so, jeder macht an den drei Standorten des Kreises weiterhin alles auf bisherigem Niveau. Dem Ostalbkreis würden zukünftig wichtige spezialisierte Leistungen nicht mehr erlaubt werden. Patienten müssten für komplexe Behandlungen dann noch weiter in die umliegenden Großstädte ausweichen. Wir können auch nicht so tun, als ob das Personalproblem im Gesundheitssystem schicksalhaft verursacht wurde, um einfach so weiter zu machen, wie bisher. Der offensichtlich begrenzten Attraktivität einiger Arbeitsplätze müssen wir mit besseren Angeboten begegnen, Modernisierungen und Weiterentwicklungen forcieren. Der „war of talents“ sollte dazu führen, dass wir Impulsgeber für Arbeitsplatzattraktivität sind und nicht veralteten Strukturen nachtrauern.

Eine tiefere Spezialisierung in größeren Einheiten wird die Magnetkraft für Viele erhöhen. Eine hochprofessionelle Arbeitsumgebung und maximale Behandlungsmöglichkeit in einer zentral liegenden Großklinik im Ostalbkreis werden engagierte Mitarbeiter zukünftig stärker nachfragen. Viele Großkliniken in Deutschland machen es uns erfolgreich vor.

Des Weiteren können wir nicht so tun, als ob Medizin losgelöst von ökonomischen Bedingungen existieren kann. Als Nutzer von Steuergeldern sind wir verpflichtet, diese Ressourcen schonend zu verwalten. Sinnfrei wäre sicher, von diesem System das Erwirtschaften einer Rendite zu verlangen. Dennoch sei von den Geldgebern die Frage erlaubt, ob man so kosteneffektiv wie nur möglich mit den Geldern der Bevölkerung umgeht. Teure Parallelstrukturen gehören unter diesem Aspekt sicher nicht zu überzeugenden Konzepten.

Dass Zentralisierung, Abbau von ineffektiven Strukturen sowie Aufbau von Medizinkonzepten mit Magnetkraft für ArbeitnehmerInnen erfolgversprechend sind, ist keine neue Erkenntnis-. Dies wird weltweit erfolgreich praktiziert.

Ethisch und zielführend ist, wenn wir ohne rückwärtsgewandt Romantik, Verantwortung für den Aufbau zeitgemäßer Medizinkonzepte im Ostalbkreis übernehmen und dies für die Generation unserer Kinder und Enkel entwickeln. Ein Qualitätssprung durch ein hoch spezialisiertes Zentralklinikum wird für den gesamten Ostalbkreis eine Aufwertung bedeuten.

Wir müssen bei dieser zukunftsträchtigen Frage endlich das „Klein-Klein“ des Mikrokosmos der regionalen Standortfrage verlassen und uns auf die inhaltlichen Fragen konzentrieren.

Unsere Kinder und Enkel wird es nicht interessieren, wo die neue Klinik steht, sondern was haben wir getan, um ihnen modernste Medizinkonzepte zu sichern. Wenn wir uns aus Gründen von Regionalpolitik, oder noch schlimmer, aus Gründen der lokalen Instrumentalisierung gegen eine Neuausrichtung entscheiden, werden wir der Verantwortung für die kommenden Generationen nicht gerecht. Die Geschichte hat es wiederholt vorgemacht: Wer zu spät kommt, den straft das Leben.

Dr. Karsten Gnauert leitet die seit 2007 Frauenklinik in Aalen, legt aber wert auf die Feststellung, diesen Beitrag als Privatperson verfasst zu haben. Für die regionale Gesundheitsversorgung setzt er sich im Vorstand der Kreisärzteschaft sowie bis 2022 als ärztlicher Vertreter in der Bezirksärztekammer Stuttgart ein. Gnauert antwortet auf den Gastkommentar von Dr. Manfred Wiedemann, der in der vergangenen Woche unter dem Titel “Quo vadis Medizin in Deutschland? Quo vadis Medizin im Ostalbkreis?“ in der Gmünder Tagespost und der SchwäPo erschienen ist.

Dr. Karsten Gnauert antwortet in seinem Gastbeitrag auf den Gastkommentar von Dr. Manfred Wiedemann, der in der vergangenen Woche erschienen ist.

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