Zwangsprostitution gibt es überall

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Ende 2019 waren rund 40 000 Prostituierte in Deutschland angemeldet. Laut Schätzungen dürfte die Dunkelziffer zehn Mal so hoch sein.
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Marietta Hageney von Solwodi Baden-Württemberg und dem Ostalb-Bündnis setzt sich unter anderem gegen Zwangsprostitution ein – ein Problem, das auch den Ostalbkreis betrifft.

Aalen

Wenn Marietta Hageney und die Frauen von Soroptimist aus Aalen bei einem ihrer Schulbesuche in Osteuropa fragen, wer später gerne nach Deutschland gehen würde, schnellen viele Hände in die Luft. Am Ende der Stunde sind es nur noch wenige. Hageney ist Leiterin einer der Solwodi-Fachberatungsstelle in Aalen und Geschäftsstellenleiterin des Ostalb-Bündnisses gegen Menschenhandel und (Zwangs-)Prostitution.

Zur ihrer Arbeit gehört auch, dort Aufklärung zu betreiben, wo die meisten der Prostituierten in Deutschland herkommen: aus den ärmsten Ländern Europas, darunter Bulgarien oder Rumänien. "Das sind junge Mädchen, die von sogenannten Loverboys leicht abhängig gemacht werden können", erläutert Hageney. Ihnen werde vom "goldenen Land" Deutschland berichtet, in dem alles machbar ist. Das als Naivität abzutun, sei zu einfach. Dafür, dass die Frauen so empfänglich für die Maschen sind, gebe es Gründe. "Ein großes Problem ist die Armut, aber mehr noch die Perspektivlosigkeit", berichtet Hageney.

Und auch auf der Ostalb gibt es Frauen in der Prostitution. Ein Trend, den Hageney schon länger beobachtet: "Es geht weg von Bordellen und hin zu AirBnBs und Hotels." Vermehrt werden die Frauen dann im Internet angeboten. Seit 2017 seien um die 40 Anmeldungen Prostituierter im Landkreis eingegangen. Doch wie in Gesamtdeutschland dürfte auch hier die Dunkelziffer deutlich höher sein.

Liberale Gesetzgebung

Dass die Frauen in Deutschland landen, habe seine Gründe. Deutschland hat, neben den Niederlanden, das liberalste Prostitutionsgesetz der Welt. Zwar hat die Bundesrepublik – als letztes Land in der EU – Freiheitsstrafen bis zu 10 Jahren für Menschenhandel im Zusammenhang mit sexueller Ausbeutung im Strafgesetz verankert. Aber: "Strafen werden kaum verhängt – wo keine Kläger, da keine Richter."

Auch andere Komponenten des Schutzgesetzes seien in der Praxis wenig hilfreich. Etwa der vorgeschriebene Notfallknopf am Bett. "Aber was, wenn ein 120-Kilo-Mann auf der Frau liegt?", fragt Marietta Hageney. Oftmals hätten Veränderungen des Baurechts etwas bewirkt. Demnach dürfen Frauen nicht mehr in dem Raum anschaffen, in dem sie wohnen. Daraufhin haben einige Bordelle geschlossen – unter anderem auch in Schwäbisch Gmünd.

Die Frage der Freiwilligkeit

Diese Frauen werden organisiert hierher gebracht.

Marietta Hageney Leiterin Solwodi Ostalb

Aber machen die Frauen das nicht freiwillig? Nein, die meisten nicht, sagt Hageney. Eine Frau aus Süd- oder Südosteuropa setze sich nicht in den Zug und fahre nach Unterkochen, laufe vom Bahnhof nach Neukochen und miete sich dort ein Zimmer im Bordell. Dazu würden allein schon die geografischen Kenntnisse, Reisefähigkeit und Sprachkenntnisse fehlen. "Diese Frauen werden organisiert hierher gebracht."

Dass dennoch viele Menschen der Meinung sind, dass die meisten Frauen freiwillig ihren Körper verkaufen oder sogar Spaß daran haben, hat seine Gründe. "Es gibt deutsche Frauen, die kommen nach 22 Uhr im Fernsehen", erzählt Hageney, "und die halten die Fahne hoch für die sogenannte happy Sexwork". Die Realität sehe anders aus. So zeigen Studien, dass die meisten Frauen in der Prostitution bereits als Kind sexuelle Missbrauchserfahrungen gemacht haben. "Früher waren es mein Onkel und mein Vater, heute bekomme ich wenigstens Geld dafür", ist eine zynische Aussage, die Hageney hörte.

Die Polizei kann wenig tun

Ein weiteres Problem sei die fehlende Handhabe der Polizei. Auch wenn bei Kontrollen festgestellt werde, dass die Pässe der Frauen beim Bordellbetreiber an der Rezeption liegen: "Der sagt dann halt, dass er alles beisammen hat, auch gleich die Anmeldebescheinigung, falls jemand fragt, weil die Frauen ja auch schlecht Deutsch können."

Doch warum melden sich die Frauen dann nicht selbst bei der Polizei? "Die Frauen erfahren Repressalien", berichtet Hageney. Da werde dann auch mal erwähnt, dass man wisse, wo der kleine Bruder in der Heimatstadt wohnt. Außerdem haben die Frauen wegen Erfahrungen in ihren Heimatländern oftmals kein Vertrauen in die Polizei.

In vielen Fällen beeinflusst die Sexarbeit die Psyche der Frauen. Da gibt es etwa den Begriff der Dissoziation – ein Schutzmechanismus, in dem sich die Psyche abspaltet, um das Erlebte zu ertragen. Doch die Symptome der psychischen Leiden erleben die Frauen oftmals erst lange Zeit später. Etwa in Form von Panikattacken. Hier beginnt häufig die Arbeit von Marietta Hageney. "Man muss dann erst mal das Umfeld sichern und klar machen, dass die Frau jetzt sicher ist." Um dann eine neue Routine in das Leben bringen zu können.

Solwodi ist eine NGO, die auf Spenden angewiesen ist. Bei der Kreissparkasse Ostalb, IBAN: DE45 6145 0050 1001 0218 12, kann die Arbeit finanziell unterstützt werden.

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