Ein tüchtiger Verwaltungsmann?

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Heubacher Stadtarchivar über NS-Bürgermeister Gayer

Welche Rolle spielte der Heubacher Bürgermeister Wilhelm Gayer im Nationalsozialismus und wie konnte er eine zweite Karriere als Schultes starten? Stadtarchivar Dr. Michael Hensle kennt die Akten. Teil 2 von 2.

Heubach

Im ersten Teil der GT-Miniserie des Heubacher Stadtarchivars Dr. Michael Hensle beleuchtete dieser in der Ausgabe vom 9. August einen Teil der Amtszeit von Wilhelm Gayer, seinerzeit Bürgermeister während der Zeit der Nationalsozialisten. Dabei ging es unter anderem um den Heubacher Gipsermeister Adolf Baumann, der wegen kritischer Worte, als sich sein Geselle freiwillig im Jahr 1939 zur Wehrmacht melden wollte, vor ein Sondergericht gestellt wurde. Die Akten legen nahe, dass Wilhelm Gayer dabei eine „aktive Rolle“ spielte, so Dr. Hensle.

„Mit allen Mitteln gefördert“

Wilhelm Gayer selbst wurde 1943 zur Wehrmacht eingezogen, kam in Kriegsgefangenschaft und zog nach Ende des Krieges in den Kreis Calw. Im Zuge der „Entnazifizierung“ ging es um die Frage, welche Rolle Gayer im NS-System gespielt hatte. Der erste Heubacher Nachkriegsbürgermeister, Anton Stegmaier, schrieb: „Gayer hat durch seine Stellung und Tätigkeit den Nationalsozialismus mit allen Mitteln gefördert. welchen Anteil Gayer bei der Bestrafung mit KZ-Haft des Adolf Baumann (...) zufällt, kann Herr Baumann Aufschluss geben.“

Anzeigen zurückbehalten?

Das Entnazifizierungsverfahren gegen Wilhelm Gayer war angelaufen, wofür er sich 1947 zwei eidesstattliche Erklärungen von Heubachern als „Persilscheine“ hatte zukommen lassen, wonach er als Bürgermeister Anzeigen „zurückbehalten“ habe. Auf eine erneute Anfrage beurteilte im März 1949 der neu gewählte Heubacher Bürgermeister Paul Leuchtenmacher, dass Gayer ein „tüchtiger und zielstrebiger Verwaltungsmann“ gewesen sei. Über dessen „politische Seite seiner früheren Tätigkeit als Bürgermeister in Heubach“ könne er jedoch kein Urteil abgeben, da er erst seit sechs Monaten im Amt sei.

„Persilschein-Fabriken“

Am 24. Mai 1949 wurde die „Säuberungssache“ Gayer vor der Spruchkammer II in Tübingen verhandelt. Der Fall des Gipsermeisters Adolf Baumann oder der 29-jährigen „Ostarbeiterin“ kamen dabei nicht zur Sprache, wahrscheinlich hatte man davon keine Kenntnis. Vielmehr bescheinigte die Entnazifizierungskammer Wilhelm Gayer, dass er „gegen Jedermann freundlich und zuvorkommend gewesen sei und keinen Unterschied irgendwelcher Art gemacht habe, niemand wegen andersgearteter pol. Haltung nahegetreten sei, als Bürgermeister eine auf demokratischen Grundsätzen aufgebaute gesunde Gemeindepolitik betrieben habe, die in krassem Gegensatz zu der im Dritten Reiche befohlenen Führerpolitik gestanden sei“. Daher sei die „politische Tätigkeit“ von Wilhelm Gayer „während der Jahre 1933 bis 1945 ohne Bedenken als unwesentliche Unterstützung der NS-Gewaltherrschaft zu werten“.

Wie die Tübinger Spruchkammer dazu kam, in einer Diktatur wie des Nationalsozialismus sei auf demokratischen Grundsätzen beruhende Gemeindepolitik möglich gewesen, muss deren Geheimnis bleiben. Aber zu dieser Zeit waren die Entnazifizierungskammern längst zu „Persilschein“-Fabriken verkommen mit der Zielsetzung, Beschuldigte politisch „weißzuwaschen“. So ist es wenig erstaunlich, dass die Spruchkammer Gayer lediglich als „Mitläufer“ einstufte.

Kaufvertrag mit der Stadt

Gipsermeister Adolf Baumann hatte schon kurz nach Kriegsende beantragt, ihm das 1942 entzogene Grundstück erneut „käuflich zu überlassen“, worauf im Heubacher Ratsprotokoll vom 29. November 1945 festgehalten wurde: „Der Bürgermeister hält es für eine Pflicht der Stadt, den durch die NSDAP geschädigten Adolf Baumann in seine frühere Rechte einzusetzen.“ Im Interesse seines Gipsergeschäfts und zwecks Erstellung eines Wohn- und Geschäftsgebäudes bedürfe Baumann dieses Grundstückes. Zur Untermauerung seines Anspruches hatte Baumann 1948 einen Antrag auf Wiedergutmachung gestellt, der insofern hinfällig wurde, als Baumann einen Kaufvertrag mit der Stadt abschließen konnte.

Zweite Karriere

Mit der Einstufung von Wilhelm Gayer als „Mitläufer“ war der Entzug des Rechts auf Wählbarkeit bis 31. Dezember 1949 verbunden. Diese Einschränkung endete rechtzeitig genug, dass sich Gayer am 21. Mai 1950 zum Bürgermeister von Geradstetten wählen lassen konnte. Die zweite Bürgermeister-Karriere begann, diesmal nicht auf der Liste der NSDAP, sondern auf dem Ticket der CDU.

Dass Wilhelm Gayer ausgerechnet Bürgermeister in Geradstetten wurde, damit war ein Konflikt programmiert. Lebte doch dort auch der als „Rebell vom Remstal“ bekannte Helmut Palmer, Vater des derzeitigen Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer, einst von den Nazis zum „Halbjuden“ erklärt, wusste er natürlich um die NS-Vergangenheit von Wilhelm Gayer. Nichtsdestotrotz oder vielleicht gerade deswegen wurde Wilhelm Gayer wiedergewählt, sogar eine Straße wurde nach ihm benannt: die „Wilhelm-Gayer-Straße“.

Dr. Michael Hensle fragt: „Übrigens Straßenbenennungen nach ehemaligen NS-Bürgermeistern – mit Blick auf die Nachbarstadt Schwäbisch Gmünd, kommt das nicht bekannt vor?“

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