Wilhelm Gayer und der Gipsermeister

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Heubacher Stadtarchivar über NS-Bürgermeister Gayer

Stadtarchivar Dr. Michael Hensle fördert neue Erkenntnisse über den Heubacher Bürgermeister zur NS-Zeit, Wilhelm Gayer, und ein denkwürdiges Urteil zutage. Teil 1 von 2.

Heubach

Ihr seit doch die Dümmsten, wenn ihr euch freiwillig meldet! Könnt ihr nicht warten, bis man euch holt?“ Mit diesem Kommentar reagierte der Heubacher Gipsermeister Adolf Baumann auf die Mitteilung des 19-jährigen Mechanikers Hugo K. über dessen Freiwilligenmeldung zur Wehrmacht. Die Bemerkung fiel Ende Oktober 1939. Nazi-Deutschland hatte den Zweiten Weltkrieg begonnen und Polen besetzt. Die Nachrichten und Zeitungen waren voll von Kriegs- und vor allem Siegesmeldungen. Das blieb nicht ohne Wirkung, vor allem junge Männer meldeten sich freiwillig zur Wehrmacht. So auch der ebenfalls 19-jährige Gipsergeselle Josef Lechner. Der Waise war 1936 als Lehrling zu Baumann gekommen, der nicht nur für Kost, Kleidung und Logis sorgte, sondern auch die Vormundschaft übernahm. Josef Lechner hatte sich ebenfalls freiwillig zur Wehrmacht gemeldet. Nach einem Gespräch des Meisters mit seinem Junggesellen hatte dieser zurückgezogen, der Meldeschein landete im Herdfeuer. Gipsermeister Baumann fürchtete um die Arbeitskraft des Gesellen, waren doch schon zwei seiner Arbeiter zum Militär eingezogen worden. Das war der Hintergrund des Zorns von Adolf Baumann, bei dessen weiteren Äußerungen auch der Begriff „Kanonenfutter“ fiel.

„Heimtücke“ gegen das Reich?

Baumanns Zornesäußerungen hatten längst Kreise gezogen und über den Führer der Hitler-Jugend den kommissarischen NSDAP-Ortsgruppenleiter und Heubacher Bürgermeister Wilhelm Gayer erreicht, der HJ-Führer hatte diesem „Meldung erstattet“. Die Ermittlungen, die vom Gend. Posten Heubach durchgeführten worden waren, führten am 5. Dezember 1939 zur Festnahme von Baumann, der dem Amtsgericht Gmünd vorgeführt wurde. Die Vorgänge landeten auch auf dem Schreibtisch der Geheimen Staatspolizei, Staatspolizeileitstelle Stuttgart. Als das Amtsgericht Gmünd keinen Haftbefehl erließ, wurde Baumann auf Veranlassung der Gestapo im Dezember in das Konzentrationslager Sachsenhausen nahe Berlin überstellt. Ob der Heubacher Bürgermeister Gayer letztlich die Strafanzeige stellte, ist den Akten nicht zu entnehmen. Jedenfalls war er als Chef der Ortspolizei über die Vorgänge informiert und für eine aktive Rolle des Bürgermeisters Gayer spricht auch, dass ihm die Staatsanwaltschaft des Sondergerichts in der Strafsache Baumann am 8. März 1940 schriftlich mitteilte, „dass über die Frage der Anklageerhebung demnächst vom Herrn Reichsminister der Justiz entschieden werden wird“.

Das Sondergericht Stuttgart hatte inzwischen die Strafsache Baumann wegen Vergehens gegen das „Heimtückegesetz“ an sich gezogen. Die Sondergerichte waren kurz nach der NS-Machtergreifung errichtet worden mit dem Ziel einer schnellen Ahndung politisch motivierter Delikte, die man nicht der ordentlichen Gerichtsbarkeit überlassen wollte. Die Sondergerichte waren auch zuständig für Verstöße gegen die „Heimtückeverordnung“. Letztere stellte eine Behauptung unter Strafe, „die geeignet ist, das Wohl des Reichs oder eines Landes oder das Ansehen der Reichsregierung oder einer Landesregierung oder der hinter diesen Regierungen stehenden Parteien oder Verbände schwer zu schädigen“. Am 13. April 1940 erhob die Staatsanwaltschaft des Sondergerichts Stuttgart Anklage gegen Baumann aufgrund des „Heimtückegesetzes“. Die Verhandlung war terminiert auf Freitag, den 3. Mai 1940, 10.00 Uhr, und zwar im Rathaus Heubach.

„Böswillige Kritik“

Das Gericht wertete Baumanns Äußerung als „eine böswillige, abfällige Kritik an der vom Oberkommando der Wehrmacht im Namen des Führers und obersten Befehlshabers der Wehrmacht für die Kriegsführung getroffenen Einrichtung der Werbung und Annahme von Freiwilligen“, die geeignet war, „das Vertrauen des Volkes zu politischen Führung zu untergraben“.

Das Sondergericht Stuttgart verurteilte den Angeklagten Baumann gemäß dem „Heimtückegesetz“ zu zehn Monaten Gefängnis. Dabei hatte Gipsermeister Adolf Baumann noch Glück gehabt, so das Gericht, da dessen Tat, „sehr nahe an ein Verbrechen der Zersetzung der Wehrmacht im Sinne des § 5 der Kriegssonderstrafrechtsverordnung vom 17.8.1938 grenzt, für das die Todesstrafe zur Anwendung kommen kann“. Zugunsten des Angeklagten wertete das Gericht, „dass es ihm Wesentlichen nur darum zu tun war, im Interesse seines Geschäfts seinen Gesellen Lechner zurückzuhalten“ und rechnete ihm „die erlittene Schutzhaft“ an.

Das Urteil des Sondergerichts Stuttgart hatte noch ökonomische Folgen. Im Juni 1939 hatte Adolf Baumann privat ein Grundstück zur Erstellung eines Wohn- und Geschäftshauses für sein Gipsergewerbe erworben. Mit Schreiben des NSDAP-Ortsgruppenleiters Hafner vom 10. März 1942 wurde Baumann für „politisch unzuverlässig“ erklärt und beantragt, den Bauplatz einem anderen „politisch zuverlässigeren Volksgenossen jetzt oder nach dem Kriege zur Verfügung zu stellen“. Daraufhin traf Bürgermeister Gayer am 2. April 1942 im Gemeinderat die Entschließung, Gipsermeister Baumann den Kaufpreis zu erstatten und „das Grundstück für die Stadt zu behalten“.

Ebenfalls aktiv wurde Bürgermeister Gayer im Fall einer „Ostarbeiterin“ der Firma Schneider & Sohn. Gegenüber der Firmenleitung hatte er im Juli 1942 gegen eine 29-jährige Ukrainerin den Vorwurf erhoben, dass durch diese unter den russischen Arbeiterinnen „Unzufriedenheit und Missstimmung erregt werde“. Ein gefährlicher Vorwurf, der die betreffende schnell in ein Arbeitserziehungslager oder gar ein KZ hätte bringen können, und nur durch die umsichtige Handhabung des Falles durch die Betriebsleitung aus Welt geschaffen wurde.

Wilhelm Gayer, der zum 6. März 1939 als Bürgermeister der Stadt Heubach berufen worden war, wurde im Februar 1943 zur Wehrmacht eingezogen, bei der bis zur Gefangennahme verblieb. Im Nachhinein gesehen wohl ein Glücksfall für Gayer, denn bei der Besetzung Heubachs hätten die Amerikaner den NS- Bürgermeister sicherlich inhaftiert.

Nur Mitläufer?

Der Heubacher Ex-Bürgermeister war nach der Kriegsgefangenschaft zu seiner Familie nach Loffenau, Kreis Calw, verzogen. Vom dortigen Bürgermeister kam im Juni 1946 eine Anfrage, „welches Parteiamt“ der frühere Heubacher Bürgermeister inne gehabt hätte. Es ging um die „Überprüfung eines politischen Fragebogens“ zur Entnazifizierung von Wilhelm Gayer. Der erste Nachkriegsbürgermeister von Heubach, Anton Stegmaier, antwortete am 8. Juli 1946 wie folgt: „Gayer hat durch seine Stellung und Tätigkeit den Nationalsozialismus mit allen Mitteln gefördert. Welchen Anteil Gayer bei der Bestrafung mit KZ-Haft des Adolf Baumann, Heubach, Bühlstrasse zufällt, kann Herr Baumann Aufschluss geben.“ Das Entnazifizierungsverfahren gegen Wilhelm Gayer war angelaufen ...

Wie das Verfahren für Gayer lief, lesen Sie in der Freitagsausgabe der Gmünder Tagespost.

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Wilhelm-Gayer-Straße

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