Von Charkiw nach Mögglingen

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Jane (Mitte) mit Tatjana und Marvin Spießhofer vor der Praxis in Mögglingen.
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Wie eine Zahnärztin aus Charkiw in der Praxis Dr. Spießhofer & Partner Arbeit fand, wie es ihr in Mögglingen geht und warum sie für ein Dokument wieder zurück in ihre Heimat muss.

Mögglingen

Wurzelkanalbehandlung, Zähne ziehen, Füllungen, aufklären. Das volle Zahnarzt-Programm. Jane Neshchadina kann das alles. Eigentlich. Sie darf aber nicht. Noch muss sich die Ukrainerin auf eine Tätigkeit als Assistentin beschränken. Die 30-Jährige arbeitet seit Juni dieses Jahres in der Praxis Dr. Spießhofer & Partner in Mögglingen als zahnmedizinische Fachangestellte. Dabei ist sie gelernte Zahnärztin, war in ihrer Heimatstadt Charkiw zehn Jahre als solche tätig. Dann kam der Krieg. Jane musste fliehen. Über Heidelberg und die LEA in Ellwangen landeten sie, ihr Partner, ihr siebenjähriger Sohn und ihre Mutter in Mögglingen. „Bei aller Tragik, wir freuen uns, dass Jane bei uns mitarbeitet“, meint Marvin Spießhofer.

Der Zahnarzt erinnert sich, dass er im Frühjahr in der Gmünder Tagespost eine Sonderseite gelesen habe: „Gesichter der Flucht“, in der die Redaktion Geflüchtete aus der LEA in Kurzporträts vorstellte. „Auch bei uns schlägt der Fachkräftemangel durch. Ich dachte, vielleicht sucht sie eine Aufgabe und Beschäftigung, dann wäre ihr und uns geholfen“, berichtet Marvin Spießhofer. Über die Redaktion habe er Kontakt zur LEA und zum Landratsamt bekommen. Die Verantwortlichen teilten ihm mit, sie seien derzeit dabei, Jane eine Wohnung zu vermitteln. Mit der Aussicht auf einen Job, gerne auch in Mögglingen. So kam Jane bei Familie Freimann unter. Hans-Peter Freimann arbeitet auch im ehrenamtlich geführten „Ukraine-Café“ am Marktplatz mit.

Jane sei von dem Angebot, in der Praxis mitzuarbeiten, gleich begeistert gewesen. „Sie wollte sofort Vollzeit loslegen“, meint Marvin Spießhofer und lacht. Weil sie regelmäßige Deutsch-Kurse in Schwäbisch Gmünd absolviere, hätten sie sich aber darauf geeinigt, sie erstmal in Ruhe ankommen zu lassen und dann an zwei Vormittagen langsam reinzukommen. „'Step by step, Schritt für Schritt', so sagt Hans-Peter immer“, meint Jane, der anzumerken ist, dass das Ganze ruhig ein bisschen schneller gehen dürfte. Dennoch: In Mögglingen habe sofort alles gepasst: kurze Wege zur Praxis, eine gute Unterkunft. Dazu in Gestalt von Inna Komarova eine Kollegin, die ebenfalls aus der Ukraine stammt, beim Einleben in die deutsche Arbeitswelt also bestens helfen konnte.

Nachweis nur in der Ukraine

Ziel sei es, berichtet Marvin Spießhofer, Jane als angestellte Zahnärztin zu beschäftigen. Dazu brauche man aber viele Dokumente und Nachweise. Um die kümmert sich seine Ehefrau Tatjana Spießhofer, die auch in der Praxis arbeitet. Eine Reihe von Dokumenten habe sie schon beim Regierungspräsidium eingereicht.

Ein Problem dabei: Durch ihre Heirat stünden auf Janes Nachweis ihrer Approbation und ihrem Pass unterschiedliche Nachnamen. Den Nachweis der Namensänderung könne sie jedoch nur vor Ort in der Ukraine beantragen, wie beide bei einem Besuch der ukrainischen Botschaft in München erfahren mussten. Jane muss daher in die Ukraine reisen. Jane sagt, sie wolle das durchziehen, allein. Irgendwann möchte sie wohl auch wieder in ihre Heimat zurückkehren. Wann, das ist ungewiss. Bis dahin sei sie zufrieden in Mögglingen, wie sie erzählt. Ihr Sohn gehe auf die Limesschule und im ehrenamtlich geführten „Ukraine-Café“ am Marktplatz finde sie, ebenso wie bei der Gemeinde, immer Hilfe und Unterstützung. Sie kenne mittlerweile knapp 60 Menschen aus der Ukraine, die jetzt hier in der Region wohnen. So sehr es schmerzt, die Heimat verlassen zu müssen: „I love Mögglingen“, sagt Jane und lacht.

Derzeit 39 ukrainische Geflüchtete in Mögglingen

„Wir haben nach unserem letzten Stand 39 ukrainische Flüchtlinge in Mögglingen untergebracht“, berichtet Bürgermeister Adrian Schlenker. „Das werden voraussichtlich in Kürze noch mehr werden – etwa 45 bis 50, da wir glücklicherweise immer noch Wohnungsangebote bekommen.“

Die Gemeinde Mögglingen habe ihre Aufnahmeverpflichtung für dieses Jahr nach heutigem Stand erfüllt.

„Wir würden aber auch weitere ukrainische Flüchtlinge aufnehmen, weil wir aus der jetzigen Situation nur wieder herauskommen, wenn wir alle an einem Strang ziehen. Natürlich brauchen wir hierfür die fortgesetzte Unterstützung unserer Bevölkerung“, betont Bürgermeister Adrian Schlenker. 

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