Ziel: In Freiheit alt werden

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Die Wohngemeinschaft der Senioren in der Heubacher Jägerstraße. Sie wollen individuell und flexibel leben, dabei aber sicher und umsorgt sein. In der WG scheint das zu gelingen.
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Wie ein Mieter der Senioren-Wohngemeinschaft in Heubach seinen Alltag selbst bestimmt und was die Besonderheiten der Einrichtung der Stiftung Haus Lindenhof sind.

Heubach

Albert Schweizer sagt, ihm hätte nichts Besseres passieren können. Der Mögglinger, Jahrgang 1927, lebt seit vergangenem August in der „Senioren-Wohngemeinschaft an der Jägerstraße“ in Heubach. „Ich bin hier wunderbar untergebracht“, lobt er. Voll und gut umsorgt fühle er sich, die Freiheit sei „einmalig“. Alle Bewohner werden „als Menschen angenommen“.

So viel Lob freut Nicole Grimmeißen, die Leiterin der vergleichsweise jungen Einrichtung der Senioren-Wohngemeinschaft. Zwar gebe es hier und da auch ähnliche private Wohngemeinschaften für Senioren, trägergestützte allerdings, wie in diesem Fall von der Stiftung Haus Lindenhof, seien noch selten. Das liege auch daran, meint Nicole Grimmeißen, dass sich viele Menschen noch immer falsche Vorstellungen von der Wohnform WG machten. „Da denken doch viele gleich an Hippies oder Studentenbuden.“

Keine starren Strukturen

In Heubach gibt es insgesamt elf private Wohnräume in der Senioren-WG, derzeit sind sechs davon belegt. „Uns geht es um maximale Individualität und Selbstbestimmung, aber in einem sicheren Umfeld“, betont Grimmeißen. Was bedeutet das im Alltag? Etwa, dass die Mieter selbst entscheiden, wie viel Haushaltsgeld sie bezahlen wollen und für welche Dinge das Geld ausgegeben werden soll. Zum Essen bestellen, Eis abholen, für Zeitschriften, Deko-Artikel, Spiele. Oder auch die tägliche Frage: Was kochen wir denn heute und wann? Also im Prinzip dieselben Freiheiten wie auch zuhause. Nur dass die älteren Menschen dort eben oft alleine sind und im Notfall niemand da ist. Einsamkeit und Sorge, dass etwas passieren könnte, seien die Folge, meint Nicole Grimmeisen. „In der WG sind die Mieter rund um die Uhr betreut, Bezugspersonen sind immer da, man erfährt vielleicht nochmals eine familiäre Gemeinschaft und trotzdem hat jeder Mieter für sich alle Freiheiten wie zuhause auch.“ Die Mieter könnten sich ganz nach ihren persönlichen Vorlieben im Alltag einbringen. Der eine kocht und backt lieber, die andere bringt lieber das Altpapier weg oder leert den Briefkasten. Die WG sei eben im besten Sinne eine Wohngemeinschaft, bestehend aus einzelnen Charakteren mit ihren Macken und Stärken. „Genau nach diesen Charakteren gestaltet sich der Alltag“, sagt Grimmeißen.

Lange in großem Haus gelebt

Albert Schweizer hat in Mögglingen in einem großen Haus gelebt, irgendwann war das so nicht mehr zu machen. Er habe lange überlegt, ob die WG wirklich das Richtige für ihn sei. Denn sein Zuhause nach noch langer Zeit aufzugeben, das sei sehr schwer. Die Entscheidung für die WG, sagt Schweizer, habe er „zu keiner Stunde bereut“. Er verstehe sich mit allen Mitbewohner gut. Mit einer Dame habe er sich auf Anhieb „sehr gut vertragen“, die beiden „guten Freunde“ gehen fast täglich spazieren und seien im Umkreis schon stadtbekannt. „Da kommen die beiden Alten wieder“, erzählt Albert Schweizer von den Reaktionen der Nachbarn und lacht.

Durch die Pandemie hat sich auch in der WG vieles verändert. Für Nicole Grimmeißen und ihr Team fällt vor allem mehr Schreibkram und Bürokratie an. Die Besuche müssen aktiv reguliert und deren Tests koordiniert werden, dazu wurde in einem Zimmer eigens ein Bereich zum Testen eingerichtet. Außerdem müssen alle Mieter und Mitarbeiter täglich nach Symptomen befragt und die Ergebnisse in ein Tagebuch eingetragen werden. Außerdem werde viel mehr geputzt und desinfiziert: „Wir verbrauchen das Dreifache an Putzmitteln als vor der Pandemie“, konstatiert Nicole Grimmeißen. Auf der anderen Seite habe die Pandemie das Gemeinschaftsgefühl der Mieter unwahrscheinlich gestärkt. „Früher fühlten sie sich eher als zusammengewürfelte Gruppe, die jetzt eben zusammen lebt. Heute sehen sie sich als ein Haushalt, der zusammengehört“, berichtet Nicole Grimmeißen. Auch der Kontakt zu den Angehörigen sei enger geworden. Sämtliche Mieter seien mittlerweile durchgeimpft, die Angst, die noch vor einem Jahr durchaus spürbar gewesen ist, sei gewichen. Trotzdem sei Corona auch in der WG das bestimmende Thema. Spiele wie Bingo oder Sitztänze seien nicht mehr so gefragt, dafür lesen die Mieter viel Zeitung und diskutieren den Sinn und Unsinn der aktuellsten Anti-Corona-Maßnahmen. „Der Gesprächsbedarf hat deutlich zugenommen“, sagt Grimmeißen.

Es wird Zeit für den täglichen Spaziergang. Albert Schweizer stützt sich auf den Rollator und sagt: „Wenn wir nicht auftauchen, vermissen uns die Nachbarn doch.“

Schnupper-Wohnen ist möglich

Die Senioren-Wohngemeinschaft in Trägerschaft der Stiftung Haus Lindenhof gibt es seit 2019. Insgesamt elf Mieter haben in dem neu gebauten Gebäude in der Jägerstraße Platz. Jeder Mieter hat ein Einzelzimmer mit eigenem Bad und ein Kelleranteil. Zu den Gemeinschaftsräumen gehören ein Wohnzimmer, ein Esszimmer mit Küche und Hauswirtschaftsräume.

Eine Präsenskraft sorgt rund um die Uhr für Sicherheit, die Pflege übernimmt ein ambulanter Dienst.

Test-Wohnen: Interessenten können für mehrere Wochen das Leben in der WG kennenlernen.

Kontakt: Nicole Grimmeißen, Tel. (07173) 9157532, E-Mail: nicole.grimmeisen@haus-lindenhof.de

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