Eine Ohrfeige gab ihr die Richtung fürs Leben vor

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Ingeborg Greil feiert an diesem Donnerstag ihren 100. Geburtstag. Im Gespräch mit der Gmünder Tagespost blickt sie auf ihr Leben zurück.
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Schwäbisch Gmünd-Rehnenhof

Das 100-jährige Leben von Ingeborg Greil in Worten zu fassen, würde ein ganzes Buch füllen. Unterm Strich lässt sich sagen: Die Lebensgeschichte von Ingeborg Greil ist geprägt von unerschütterlichem Rechtsempfinden und Empathie, gepaart mit einer gesunden Portion Pragmatismus und Mut. Am 10. Juni 1921 wurde Ingeborg Greil in Bregenz geboren „und mit Bodenseewasser getauft“. Eine schallende Ohrfeige erinnert Ingeborg immer noch an den Einmarsch der deutschen Truppen in Bregenz am 13. März 1938. Die 17-jährige Ingeborg wollte an der Promenade den traumhaften Frühlingstag genießen, damals sei sie politisch noch nicht interessiert gewesen und habe die Marschgeräusche in ihrem Rücken ignoriert. Die Ohrfeige eines SA-Manns ließ sie benommen zurück, „mir wurde klargemacht, man müsse die deutschen Fahnen grüßen“. Das nächste einschneidende Erlebnis folgte kurz darauf, als die Leiterin des „Bundes deutscher Mädchens“ sie zum Beitritt in die „Hitlerjugend“ bewegen wollte. Ein Ansinnen, das Ingeborg von sich wies. „Mit den Nazis kooperiert man nicht“, an diesen Leitspruch hat sich Ingeborg ihr ganzes weiteres Leben gehalten. In Bregenz lernte sie später ihren zukünftigen Mann Heinz Greil kennen, den späteren Gmünder Stadtrat und SPD-Vorsitzenden. Der junge Soldat war auf Besuch bei seinen Cousinen, die Ingeborgs Freundinnen waren. Gegen den Widerstand von Ingeborgs Vater trafen sie sich zum Tanz in Lindau, „bereits nach dem dritten Tanz kam der erste Heiratsantrag“, schmunzelt Ingeborg. Nachdem Heinz zurück in Berlin war, folgten tägliche Briefe und Telefonate, die ihre Beziehung festigten. Silvester 1939 besuchte Heinz erneut Bregenz. Um dem strengen Kuratel des Vaters zu entkommen, entschied sich das junge Paar, in einer „Nacht- und Nebelaktion“ Bregenz zu verlassen und nach Berlin zu ziehen. Als Domizil diente dem Paar die Wohnung von Heinz Eltern, der Vater war als politisch verfolgter Rechtsanwalt damals bereits zehn Jahre arbeitslos. Ingeborg erinnert sich an regelmäßige Hausdurchsuchungen, bei der die SA versuchte, belastende Literatur in der Wohnung zu finden. Viele weitere unangenehme Erlebnisse konnte Ingeborg damals mit ihren „österreichischen Wurzeln“ und ihrer „Unkenntnis“ über die Sitten und Gepflogenheiten der Nazis „entkräften“. Der Jahreswechsel 1940/1941 sollte groß im Olympiastadion gefeiert werden, ein Luftangriff ließ nicht nur Panik aufkommen, bei der Flucht in den rettenden Keller wurde Ingeborg von Heinz getrennt und verschüttet. Mit bloßen Händen wurde die junge Frau damals von Heinz und weiteren Soldaten ausgegraben. Am 9. April heirateten Ingeborg und Heinz in Berlin, zügig folgte mit Dieter das erste Kind. Bereits zwei Jahre später fiel das Haus der Greils dem Bombardement der Alliierten zum Opfer, wieder wurde Ingeborg verschüttet und wieder waren es hilfreiche Menschen, die sie retteten. Ingeborg zog mit dem kleinen Dieter zurück „an den See“ zu ihren Tanten und musste miterleben, wie das gegenüberliegende Friedrichshafen „in Schutt und Asche“ gebombt wurde. Den vielen Fremdarbeitern steckte Ingeborg damals immer wieder kleinere Lebensmittelpakete zu, ein Umstand, der ihr eine Anzeige einhandelte und durch den Warnhinweis „wir hängen dich am höchsten Baum auf“, von Ingeborg eingestellt werden musste.

Die herausragenden Sprachkenntnisse des Schwiegervaters führte diesen nach Gmünd zur Firma Schenk. Ingeborg zog mit dem ersten Sohn ebenfalls in die Oberbettringer Straße. Der Einzug der Amerikaner in Mutlangen ließ die Hoffnung auf bessere Zeiten aufkeimen. In den Folgejahren durften sich die Greils über die weiteren Kinder Wolfgang, Roland und Nesthäkchen Arlette freuen, mit dem Umzug in die Franz-Konrad-Straße begab sich das Leben der Greils „in ruhigeres Fahrwasser“. Trotzdem blieb Ingeborg immer sozial engagiert, ob beim Deutsch-Amerikanischen Frauenclub oder als Schöffin bei Gericht. Vielen Wehrdienstverweigerern habe sie „mit kleinen Tipps“ den Gang zur Bundeswehr erspart. Mit ihren 100 Jahren outet sie sich als „ältester Fan“ der Popband Frontmen, zwei Konzerte der Band hat sie schon verfolgt, das letzte musste abgesagt werden. Jetzt hofft Ingeborg auf das Konzert im kommenden Jahr, die Karten sind schon da, „so lange halte ich auf jeden Fall durch“.

Mit den Nazis kooperiert man nicht.“

Ingeborg Greil, über eine Lebenshaltung

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