Krankenhausfusion: Im Rems-Murr-Kreis waren es turbulente Zeiten

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Die neue Zentralklinik des Rems-Murr-Kreises in Winnenden.
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Vor allem aus Backnang gab es herbe Kritik am neuen Standort. Journalist erinnert sich.

Waiblingen. Eine Diskussion um die Zukunft von Klinikstandorten ist nicht neu. Im benachbarten Rems-Murr-Kreis wurde sie heftig geführt, hat Anfang der 2000er-Jahre begonnen - mit der Folge, dass die Kliniken in Waiblingen und Backnang geschlossen wurden, dass ein neues Klinikum in Winnenden gebaut und 2014 eröffnet wurde.

Man hat das ganze Vorhaben immer nur aus Kostensicht gesehen.“

Martin Winterling, Journalist

Martin Winterling, langjähriges Redaktionsmitglied der Waiblinger Kreiszeitung, hat die Entwicklung journalistisch begleitet. Er erinnert sich an turbulente Zeiten und sieht, dass „heute Gras darüber gewachsen ist“. 
Nach einem ersten Gutachten über die Kliniksituation habe die Diskussion auf lokalpatriotischer Ebene stattgefunden. Die Wogen sind vor allem in Backnang hochgegangen. „In Waiblingen fühlte man sich weniger betroffen, weil ja die Klinik in Schorndorf erhalten wurde, weil der geplante Standort Winnenden zum alten Kreis gehörte.“ Aber Backnangs damaliger Oberbürgermeister Frank Nopper habe die Klinikdiskussion befeuert. Martin Winterling: „Dabei ging es nie um die Qualität, um die Frage, was kann ein Krankenhaus der Grundversorgung leisten.“ So seien Patienten nach einem Herzinfarkt erstbehandelt und dann in Nachbarkliniken verlegt worden, etwa nach Ludwigsburg oder in die Stauferklinik nach Gmünd. Auch für Tumorpatienten seien Waiblingen und Backnang eher keine Option gewesen.
Über Jahre war die Klinikfusion ein Reizthema im Nachbarkreis. Backnang fühlte sich besonders angegriffen, nach dem Kreissitz nehme man der Stadt jetzt auch noch die Klinik, so wurde argumentiert. Der Journalist erinnert sich an den damaligen Landrat Johannes Fuchs, der Zielscheibe vieler Kritiker wurde. Beleidigungen unter der Gürtellinie seien an der Tagesordnung gewesen. Im Kreistag seien die Meinungen quer durch die Fraktionen gegangen, hier das Remstal, dort das Murrtal.

Acht Jahre nach der Klinikeröffnung sind all die Diskussionen vom Tisch. Die neue Klinik erlebe einen kräftigen Zulauf. Deshalb müsse dort auch schon erweitert werden. Bei den Kapazitäten habe man nicht mit den Menschen gerechnet, die über viele Jahre von vorn herein in Nachbarkliniken  ausgewichen sind. 

Nicht alles habe man in den damaligen Planungen bedacht. „So musste der Rettungsdienst komplett umstrukturiert werden“, sagt Martin Winterling. Dazu habe man auch den Kostenfaktor durch längere Anfahrten außer Acht gelassen. Inzwischen gebe es eine Reihe von Notarzt-Außenstandorten, etwa in Althütte, Welzheim, Murrhardt oder Oppenweiler.

In der Zeit nach der Eröffnung der neuen Klinik sei ein Grundfehler der früher geführten Diskussionen ans Licht getreten: „Man hat das ganze Vorhaben immer nur aus Kostensicht gesehen.“ Fakt sei, dass die Defizite nach wie vor auftreten, mehr denn je.  In der Zeit sei die Erkenntnis gereift, dass kommunale Kliniken nicht ohne Defizit funktionieren können.  Deshalb beschränke man sich darauf, im laufenden Betrieb schwarze Zahlen zu schreiben, Investitionen und Unterhaltungsaufwendungen außen vor zu lassen. Ein steiniger Weg mit einem eher versöhnlichen Ende: „Letztlich war die Entscheidung richtig“, meint Martin Winterling.

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Martin Winterling.

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