Letzte Ölung lange überlebt

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Gertrud Müss 100. Geburtstag.
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Im Pflegeheim Schönblick konnte Gertrud Müss zahlreiche Gratulationen zu ihrem 100. Geburtstag entgegen nehmen.

Schwäbisch Gmünd-Rehnenhof. Als Gertrud Müss am 12. September 1921 in der Gmünder Hospitalgasse das Licht der Welt erblickte, lag über der Welt noch der Schatten des Ersten Weltkriegs. „Ihr Leben war bestimmt von der Nachkriegszeit und der Kriegszeit des 2. Weltkriegs“erklärt Tochter Monika Schwarz und setzt dazu: „Mutter musste viel entbehren, Ängste aber auch glückliche Momente haben sie geprägt“.

Aufgewachsen in der „Spitalgasse“ lernte Gertrud Wieland ihren späteren Mann Wilhelm Müss kennen. Wilhelm war gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in Gmünd stationiert. Im August 1944 heiratete Gertrud ihren Wilhelm, der als Sanitätshauptfeldwebel die Grauen des Krieges direkt an der Front miterleben musste. Töchterchen Monika meldete sich am 27. April 1945 an, die Geburt verlief alles andere als nach Plan, das Geheul der Sirenen und die Anflüge von Tieffliegern überschatteten die Geburt, der Kreißsaal im Margaritenhospital wurde verdunkelt, „die Geburt fand bei Kerzenschein statt“,erzählt die Tochter. Die Geburt kostete Gertrud beinahe das Leben, eine Blutvergiftung folgte auf die Entbindung. Gertrud empfing die letzte Ölung, erklärt Schwiegersohn Gerhard Walter Schwarz das damalige Szenario. „Und „wer die letzte Ölung überlebt, der wird 100 Jahre alt“.

Sie konnte pfeifen wie Ilse Werner“.

Tochter Monika Schwarz, über ihre Mutter

Den ersten Kontakt zur Gestapo hatte die kleine Gertrud bereits im Kindesalter, mit sieben Jahren. Eine Hausdurchsuchung der Staatspolizei sollte Unterlagen des Vaters Erwin Wieland, einem überzeugten SPDler, zutage fördern. Die gefahrverheißenden Schriftstücke wurden Gertrud unter die Matratze ihres Kinderbettes gelegt, zwei Backenstreiche sorgten für rote Kinderwangen, ein ansteckend krankes Kind wollte die Gestapo nicht berühren, die Familie kam mit dem Schrecken davon.

Gertrud machte eine Ausbildung zur Kontoristin, in der Silberwarenfabrik Kühn, bis zur Geburt von Monika war Gertrud anschließend bei der ZF beschäftigt. Jahre nach Kriegsende kam der Gatte Wilhelm aus der Kriegsgefangenschaft zurück, der gelernte Installateur und Sanitätsoffizier verdingte sich bei der Verkehrspolizei in Schwäbisch Gmünd, wo er bis zur Rente arbeitete. Glücklich über die „Familienzusammenführung“, erwarb das Ehepaar Müss 1954 auf dem Rehnenhof ein Siedlerhäuschen an der Oberen Halde. Gertrud und Wilhelm engagierten sich im Siedlerverein des Rehnenhofs. Gertrud bastelte gerne, gut und viel, das Gebastelte wurde auf Wohltätigkeitsbasaren für den Siedlerbund verkauft. Mit dem Singen hatte es Mutter nicht so,antwortet Tochter Monika auf die Frage des Gmünder Oberbürgermeisters Richard Arnold, „aber sie konnte pfeifen wie Ilse Werner“.

Im März 1998 endete mit Wilhelms Tod eine 54-jährige Ehe. Gertrud blieb in ihrem Haus in das später Tochter Monika und der Schwiegersohn Gerhard mit einzogen. Trotz schwerer Erkrankungen war Gertrud stets „ein Stehaufmännchen“ ,meint die Tochter anerkennend, denn „Menschen ,die so viel erlebt haben, sind widerstandsfähig“. Als vor zehn Jahren der Pflegebedarf für Gertrud zunahm ,zog die Jubilarin in das Pflegeheim Schönblick, wo sie am Sonntag bei guter körperlicher Gesundheit viele Gratulationen entgegen nehmen konnte. Neben Glückwünschen der Stadtspitze und des Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann durch den Gmünder OB überbrachte der Geschäftsführer des christlichen Gästezentrums Schönblick, Martin Scheuermann den 100. Psalm und Gratulationen. Für den Ortschaftsrat von Rehnenhof/Wetzgau gratulierte Martina Bofinger. Gemeinsam mit der Heimleiterin Anja Kontermann erklang zu Ehren der Jubilarin ein vielstimmiges „Großer Gott wir loben Dich“.

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